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Manchester United in der Premier League:Ein bisschen wie bei Sir Alex

Premier League - Burnley v Manchester United

Nach langer Zeit mal wieder Leistungsträger bei Manchester United: Weltmeister Paul Pogba.

(Foto: Pool via REUTERS)

Nach einer gefühlten Ewigkeit steht ManUnited wieder an der Spitze in England. Trainer Ole Gunnar Solskjaer hat das Team wieder in die Spur gebracht - doch nun wartet Jürgen Klopp.

Von Sven Haist, London

Den Torjubel schüttelte Paul Pogba aus dem Ärmel. Nach seinem Siegtreffer für Manchester United in Burnley (1:0) trat der französische Weltmeister mit Mitspieler Eric Bailly zur Seite und streckte ihm die Hand entgegen. Die einstudierte Tanzeinlage erinnerte an den Händedruck der früheren United-Größen Ryan Giggs und Paul Ince, die den Gruß in den Meisterschaftsjahren 1993 und 1994 etabliert hatten.

Diese beiden Titel waren damals die ersten unter Trainerlegende Sir Alex Ferguson. Sie leiteten ein Jahrzehnt der Hegemonie ein, in dem United in sagenhaften acht von elf Ligajahren in England ganz oben stand. Nach einem letzten Triumph 2013 setzte sich Ferguson mit 13 Meisterschaften in 26 Jahren zur Ruhe. Danach hatte United mit 20 Ligatiteln tatsächlich den anfangs uneinholbar erscheinenden FC Liverpool (damals 18 Triumphe) als Rekordmeister abgelöst. "Meine größte Herausforderung war es, Liverpool vom verdammten Thron zu stoßen", sagte Ferguson einmal - und betonte, dass man ihn exakt so zitieren könne.

Nach seinem Abschied vergingen nun sieben quälende Jahre für das erfolgsverwöhnte Manchester United, in denen der Klub nur an mickrigen sieben von 282 Spieltagen der Premier League auf Platz eins stand, jeweils in den ersten Saisonwochen. Durch das 1:0 im Nachholspiel beim FC Burnley hat United jetzt nach 1207 Tagen die Tabellenführung zurückerobert. Erstmals nach 17 Spieltagen - ausgerechnet vor dem bisher punktgleichen Erzrivalen Liverpool.

Trainer Solskjaer punktet mit Diplomatie, effizienter Spielweise und einem cleveren Kader-Mix

In fetten Buchstaben schrieb das in Liverpool verabscheute Massenblatt Sun: "Manchester United stößt Liverpool vom Thron ... - zumindest für fünf Tage." Denn schon an diesem Sonntag steigt in Anfield die "Battle of Titans", das größte Spiel des Inselfußballs, in dem Liverpool mit einem Sieg gegen United direkt wieder vorbeiziehen könnte. Und als wäre dieser Schlagabtausch der beiden Titanen, die nach Liverpools Titel der Vorsaison nun 39 Meisterschaften unter sich aufteilen (20:19 für United), noch nicht brisant genug, gibt es bereits eine Woche später ein Wiedersehen: diesmal im Old Trafford, zur vierten Runde im FA-Cup.

Direkt nach dem Sieg gegen Burnley frohlockte Pogba, der weiterhin teuerste Zugang der Ligageschichte und endlich mal wieder beste Spieler auf dem Platz, dass der "große Moment" nun erreicht sei. Sogar der selten für Aufsehen sorgende United-Trainer Ole Gunnar Solskjaer erklärte, in einer "brillanten Position" sowie "bereit und hungrig" zu sein. Mittlerweile ist United auswärts seit 15 Ligaspielen ungeschlagen, die bis dato letzte Niederlage gab es just beim 0:2 in Liverpool vor knapp einem Jahr. Die erste Duftmarke für das Topspiel setzte kürzlich Liverpools Coach Jürgen Klopp, als er stichelte, in seinen fünfeinhalb Jahren mit dem LFC weniger Elfmeter erhalten zu haben als United in zwei Saisons mit Solskjaer. Er habe "keine Ahnung", wie das sein könne, so Klopp. Solskjaer konterte, er würde "keine Zeit" verwenden, die Elfmeter der Gegner zu zählen.

Zuletzt gewannen die Red Devils von United 2016 durch ein Tor von Wayne Rooney bei den Reds in Liverpool, Trainer war ein gewisser Louis van Gaal. Aktuell hat Manchester nach dürftigem Saisonstart durch einen Zwischenspurt mit 29 Punkten aus elf Spielen die Schwäche Liverpools (dreimal in Serie sieglos) genutzt, um Titelansprüche anzumelden. Aus der Not heraus formierte Solskjaer im Verlauf seiner Amtszeit einen Kader, der die besten personellen Ideen seiner Vorgänger José Mourinho (Bailly, Pogba, Lindelöf, Matic, Fred) und van Gaal (Rashford, Martial, Shaw) mit eigenen Vorstellungen (Fernandes, Maguire, Wan-Bissaka, Cavani) verknüpfte. Speziell in dieser eng getakteten Saison kommen United seine ökonomische Spielweise, das üppige Personalaufgebot sowie etliche Ausnahmespieler zugute, deren Fähigkeiten oft knappe Spiele entscheiden - wie Pogba nun mit seinem Volleytor (71. Minute) in Burnley.

Solskjaer erwarb sich Akzeptanz und Rückhalt in der Mannschaft vor allem mit Diplomatie. Im Gegensatz zu den streitbaren Vorgängern Mourinho und van Gaal äußert der diskrete Norweger kaum öffentliche Kritik an Spielern und wirkt stets um Versöhnung bemüht. In dieser Saison ließ er weder den schwächelnden Torwart David de Gea fallen noch Kapitän Harry Maguire, als der im Sommerurlaub auf Mykonos nach einer Prügelei zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt wurde.

FC Burnley - Manchester United

Geschätzter Diplomat: United-Trainer Solskjaer.

(Foto: dpa)

Dasselbe gilt für Pogba, dessen Berater Mino Raiola im Dezember versuchte, einen Keil zwischen seinen Klienten und den Klub zu treiben - und der mit seinem Handschlag-Jubel jetzt auch die Vorgaben der Premier League ignorierte. Eindringlich forderte Liga-Chef Richard Masters die Klubs zuletzt auf, künftig jegliches "Händeschütteln, Abklatschen und Umarmen" auf dem Platz zu vermeiden. Gefürchtet wird ein erneuter Stopp der Spiele wegen der galoppierenden Pandemie. "Wir müssen verstehen, wenn die Spieler sich freuen", sagte Solskjaer gewohnt nachsichtig zum Vorfall mit Pogba, "aber auch das Anliegen nach weniger Emotionen."

Durch sein Vorleben von Teamgeist hat Solskjaer im Klub eine Dynamik erzeugt, die selbst das Vorrunden-Aus in der Champions-League-Gruppe mit Leipzig und Paris zu überstehen half. Um den Branchenriesen United wieder aufrecht in die Fußballlandschaft zu setzen, fehlt Solskjaer aber noch ein überzeugender Erfolg. Vier verlorene Pokalhalbfinals zeigten zuletzt, dass das Selbstverständnis des Vereins halbwegs, aber noch nicht ganz restauriert ist. Doch die Rückkehr zu altem Glanz könnte gerade noch rechtzeitig gelingen, um nicht den Status des alleinigen Rekordmeisters zu verlieren.

© SZ/mok/schm
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