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Debatte um Rassismus-Strafe:"Wir sind alle Cavani"

Spielt heute für Manchester United: Stürmer Edinson Cavani.

(Foto: Martin Rickett/AFP)

Die FA verhängt eine Sperre gegen den Uruguayer Edinson Cavani, weil er sich rassistisch geäußert haben soll. In Südamerika sorgt das für einen Proteststurm - man will sich von Engländern keinen Rassismus erklären lassen.

Von Javier Cáceres

Es ist nicht mehr allzu lange hin, bis sich der Sieg Uruguays bei der ersten Südamerikameisterschaft wieder jährt, im Juli wird es zum 105. Mal so weit sein. Berühmt wurde das Fußballturnier von 1916 nicht nur, weil es die ungeheuerliche Hegemonie des kleinen Landes vom Río de la Plata begründete, es gewann den Titel häufiger (15 Mal) als jedes andere Land des Kontinents. Sondern auch, weil die Uruguayer stolz darauf sind, das erste Team gewesen zu sein, das schwarze Fußballer bei einem Pflichtspiel aufbot. Zum Beispiel: Isabelino Gradín, den Torschützenkönig des Turniers. Mit so einer Geschichte im Rücken - oder auch der Biografie des Kapitäns der Weltmeisterelf von 1950, Obdulio Varela, alias "El Negro Jefe", der schwarze Boss, dem in Montevideo eine Skulptur gewidmet ist -, lässt man sich ungern Lektionen in Sachen Antirassismus geben. Schon gar nicht von Engländern, die den uruguayischen Stürmer Edinson Cavani, 33, wegen vermeintlich rassistischer Äußerungen bestraft haben.

"Gracias, negrito", hatte der Stürmer von Manchester United Ende November in einem Instagram-Post an einen Freund geschrieben - in einem erkennbar liebevollen Ton, der dem inkriminierten Wort ("mein kleiner Schwarzer") die verletzende Spitze nahm. Genaugenommen war nicht einmal klar, ob sich Cavani an einen Schwarzen wandte oder an einen Bekannten, der nur so genannt wird - ähnlich wie der frühere Dresdner Stürmer Ulf Kirsten als "der Schwatte" bezeichnet wurde, obschon er gar nicht schwarz war. Gleichwohl wurde Cavani vom englischen Verband FA mit drei Spielen Sperre, einer Geldstrafe von 100 000 Pfund und dem Besuch eines Antirassismus-Kurses belegt.

In Südamerika laufen sie nun gegen die Engländer Sturm. Der Kontinentalverband Conmebol forderte die FA auf, die Strafe aufzuheben; ebenso der uruguayische Verband AUF, der sich darüber echauffierte, dass die FA die kulturellen und linguistischen Zusammenhänge komplett ignoriert habe und damit in sich diskriminierend agiert habe. Der Verband verwies auf die uruguayische Sprachakademie. Diese wiederum hatte daran erinnerte, dass Termini wie negrito oder negrita in Uruguay genauso als Kosenamen verwendet werden wie etwa gordito oder gordita, also: Dickerchen - ohne dass sich zwingend Rückschlüsse auf die Hautfarbe oder den Body Mass Index der oder des jeweils Umgarnten ziehen ließen. In ähnlicher Form gelte das übrigens auch für gleichfalls gängige, von Zärtlichkeit geprägte Begriffe wie mi reina oder mi rey (meine Königin/mein König). Wer derlei äußere, sei genauso wenig Monarchist wie Cavani Rassist, betonten die Linguisten.

Eine weitere Spitze erlaubte sich der Uruguays Verband. Uruguays Fußball sei Vorreiter des Antirassismus gewesen, "sogar zu Zeiten, da noch Regimes herrschten, die Freiheiten und die Menschenwürde unterdrückten" - eine Anspielung auf den britischen Kolonialismus. Der englische Verband FA brauchte übrigens bis spät in die 1970er Jahre, ehe ein schwarzer Spieler das Hemd der Nationalelf tragen "durfte". Sein Name: Viv Anderson.

© SZ/bkl
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