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Premier League:Hasenhüttls Tränen der Erlösung

Emotionaler Moment für Ralph Hasenhüttl (Mitte): Erstmals feiert er einen Sieg über Jürgen Klopp (re.)

(Foto: Adam Davy/AFP)

Southamptons Trainer bricht nach dem überraschenden Sieg gegen Liverpool regelrecht zusammen. Jürgen Klopp lobt seinen Kollegen - ist aber auch gereizt.

Von Tim Brack

Selbst wenn Jürgen Klopp ein Fußballspiel verliert, gewinnt er meistens doch den Kampf um die emotionale B-Note. Gefühlsausbrüche an der Seitenlinie sind eines der Markenzeichen des Liverpool-Trainers. Sein Repertoire ist vielseitig, er fletscht die zahllosen Zähne, brüllt energisch, motzt, lacht, sägt mit der Jubelfaust durch die Luft.

Doch am Montagabend hatte Klopp auch in dieser Kategorie das Nachsehen. Ralph Hasenhüttl zelebrierte den überraschenden 1:0-Sieg seines FC Southampton gegen den Meister Liverpool so ausgelassen, dass er fast vergessen ließ, dass im St. Mary's, der Heimstätte von Southampton, wieder rund 32 000 Zuschauer ausgesperrt waren, und mit ihnen ihre Jubelschreie.

Nach dem Schlusspfiff sank Hasenhüttl auf die Knie, wippte hin und her, als könne er nicht fassen, was seine Mannschaft gerade vollbracht hatte. Immer wieder packte sich der Österreicher an seine Cap, als wolle er sie sich noch weiter ins Gesicht ziehen, um seine Freudentränen zu verbergen. Nach dem Spiel scherzte er über die Szene. "Ich hatte Tränen in meinen Augen - wegen des Windes." Sein emotionaler Ausbruch war der Ausdruck einer Art Erlösung. "Ich habe noch nie Punkte gegen Jürgen geholt", erklärte der frühere Bundesliga-Trainer. Die Bürde hatte offenbar schwer auf ihm gelastet. "Als hätte er den Titel gewonnen, die Champions League, die WM", kommentierte der Telegraph die Szenen.

Dreimal hatte Hasenhüttl zuvor mit Southampton versucht Klopp zu schlagen, einmal mit dem VfR Aalen, damals noch gegen Borussia Dortmund im DFB-Pokal. In der Bundesliga kam es nie zu Duellen der beiden Trainer, sie hatten sich knapp verpasst. Als Hasenhüttl mit Ingolstadt aufstieg, war die Zeit von Klopp in Dortmund gerade geendet.

Hasenhüttl feiert gegen Klopp einen Start nach Maß

Hasenhüttl lobte seine Mannschaft überschwänglich: "Wenn man unsere Jungs kämpfen sieht mit allem, was sie haben, macht mich das wirklich stolz." Der 53-Jährige erzählte noch von einem Treffen mit Klopp auf einer Sitzung der Premier-League-Trainer. Dort habe er mit ihm "gescherzt und gesagt: 'Vielleicht habe ich einmal die Chance, einen Punkt gegen dich zu holen.'" Aber, erklärte Hasenhüttl, um gegen Liverpool zu gewinnen, brauche man ein perfektes Spiel, "und ich glaube, das hatten wir". Schon der Start gelang den Saints, mit der ersten guten Gelegenheit gleich der Treffer. Es fügte sich in diesem emotional aufwühlenden Abend, dass der Ex-Liverpooler Danny Ings mit einem gefühlvollen Heber über Alisson Becker ins Tor traf. "Ein großartiger Abschluss", würdigte sogar Klopp.

In Ings' Zeit an der Anfield Road waren ihm zu selten solche Kunststücke gelungen, um sportlich restlos zu überzeugen, auch wenn Klopp den Stürmer durchaus schätzt. Nach einer einjährigen Leihe war Ings im Sommer 2019 fix zu Southampton gewechselt. Sein Jubel fiel aufgrund der gemeinsamen Geschichte respektvoll zurückhaltend aus. Gegen Ende der Partie wäre Southampton sogar fast noch das zweite Tor gelungen, als Becker herauseilte, um einen Ball zu klären, diesen aber nicht mehr vor Yan Valery erreichte. Der Rechtsverteidiger schoss an Becker vorbei, doch der Ball trudelte so langsam in Richtung Tor, dass Ersatz-Innenverteidiger Jordan Henderson ihn vor der Linie stoppen konnte.

Henderson ist eigentlich im Mittelfeld beheimatet, musste aber aushelfen, weil in Virgil van Dijk (Kreuzband), Joe Gomez (Patellasehne) und Joel Matip (Knie) die zentralen Stammkräfte gerade unpässlich sind. Es sind Verletzungssorgen, wie sie sich durch die komplette Saison des FC Liverpools ziehen. Trotzdem stehen die Reds auch nach der Niederlage in Southampton noch auf Platz eins (33 Punkte). Verfolger Manchester United, punktgleich, hat noch ein Nachholspiel.

"Wir sind nicht dumm", sagt Klopp über Liverpools Schwierigkeiten

In Southampton waren Klopps Mannschaft die Strapazen der vergangenen Monate anzumerken. Vor allem in der ersten Hälfte wirkte der Meister fahrig. "Wenn du so spielst wie wir heute Abend, spielst du mit dem Feuer", sagte Klopp. Rechtsverteidiger Trent Alexander-Arnold erwischte einen schwarzen Tag, 38 Mal verlor er den Ball. In der Offensive fanden die sonst so quirligen Stürmer Roberto Firmino, Mo Salah und Sadio Mané kaum Lösungen. Letztere hatten zwar jeweils eine Kopfball-Gelegenheit, brachten ihre Versuche aber nicht aufs Tor.

In der 75. Minute gelang Liverpool überhaupt erstmals ein Torschuss. Der größte Aufreger war noch ein Schuss von Georginio Wijnaldum, den Jack Stephens im Strafraum beim Wegdrehen mit der Hand blockte. Doch der Schiedsrichter entschied nach Rücksprache mit dem Videoassistenten: kein Strafstoß.

Für Liverpool bedeutete die Niederlage in Southampton das dritte Ligaspiel nacheinander ohne Sieg. Gegen Abstiegskandidat West Bromwich gab es ein 1:1, gegen Newcastle ein 0:0. Dass seine Mannschaft in den vergangenen beiden Partien kein Tor schoss, beschäftigt auch Klopp. "Wir sorgen uns deswegen. Wir wissen um die Situation. Wir sind nicht dumm", sagte Klopp gereizt. Für Hasenhüttl hatte Klopp dagegen nur warme Worte übrig. Er habe "großen Respekt" vor dessen Arbeit und Hasenhüttls Matchplan sei "großartig" gewesen. "Wenn wir mehr Zeit hätten, wären wir wahrscheinlich Freunde", sagte Klopp.

© SZ/ebc
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