Manchester City:Weggerissen von einem Tsunami der Leidenschaft

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Manchester City: Einer der Untröstlicheren: Oleksandr Zinchenko nach Schlusspfiff.

Einer der Untröstlicheren: Oleksandr Zinchenko nach Schlusspfiff.

(Foto: Michael Regan/Getty Images)

Manchester City scheitert wieder in der Champions League - diesmal an der Wucht der Emotionen in Madrid. Ist die Mannschaft zu durchgestylt, zu kalt? Trainer Pep Guardiola spricht von einem "grausamen Ausscheiden".

Von Javier Cáceres, Madrid

Vom französischen Schriftsteller Albert Camus stammt der Satz, dass er alles, was er übers Leben wisse, beim Fußball gelernt habe. Und überdies die Empfehlung, sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorzustellen. Den Mann also, der in der griechischen Mythologie immer wieder den Stein den Berg hinaufrollte und ihn immer wieder kurz vorm Gipfel runterrollen sah.

Womit wir beim Halbfinale der Champions League wären: Pep Guardiola, der Trainer von Manchester City, hatte sich wieder mal als Sisyphos erwiesen. Zum sechsten Mal verfehlte er mit City den Sieg in der Champions League, im vergangenen Jahr scheiterte er im Finale, diesmal war der Stein schon nach dem Halbfinale wieder unten. Nur sah er eben nicht wie ein glücklicher Mensch aus, als er nach der 1:3-Niederlage bei Real Madrid vor die Presse trat. Sondern wie ein Mann, der sich verausgabt hatte, als er seinen Männern Trost spendete. Wie ein Mann, der nun selber Trost brauchte.

Keiner war augenscheinlicher am Boden zerstört als der Ukrainer Zinchenko, der eingewechselt worden war und am Ende eine kuriose Szene über sich ergehen lassen musste. Ein Bub sprang aufs Spielfeld, überraschte Zinchenko hinterrücks und fertigte ein sogenanntes Selfie an. Wenn der Ukrainer nicht weinte, was aus der Ferne nicht verlässlich auszumachen war, dann war er den Tränen mindestens nahe. Kurz danach erreichte ihn Guardiola und nahm ihn in den Arm, so wie er auch David Alaba herzte, den er beim FC Bayern betreut hatte, und der am Mittwochabend für Real nicht zum Einsatz kam.

Wenn man so will, waren das die heftigsten Emotionen, die City verströmte. Die Trauer über eine auf unfassbar dramatische Weise verpasste Chance. Im Spiel wirkte City nicht zum ersten Mal wie eine Mannschaft, die zu durchgestylt und vor allem zu kalt war, um den Emotionen des Spiels standzuhalten. Oder sie selber zu verströmen. City wurde von einem Tsunami der Leidenschaft Madrids regelrecht weggerissen. Diese Passion war in den vergangenen Wochen immer wieder thematisiert und von den Madrilenen beschworen worden; doch Guardiola meinte, die mythenreiche Reaktionsfähigkeit Madrids sei nicht in die Köpfe seiner Spieler gekrochen, als der Ausgleich fiel. "In die Köpfe der Madrilenen möglicherweise schon...", raunte Guardiola, es sei ja nicht das erste Mal in der Geschichte gewesen, dass Real Madrid im heimischen Stadion ein Ergebnis drehte, als keiner mehr damit rechnete.

Kurioserweise wird über die Entstehung des Elfmeters kaum diskutiert

Was am Mittwoch aber frappierend war: Dass eine so ballbesitzorientierte Mannschaft wie City, die seit Jahren nichts anderes macht, als Titel durch ballbesitzorientiertes Spiel zu sammeln, nach dem 1:1 den Ball aus der Hand gab und keine 90 Sekunden später das 1:2 kassierte. Dass in der Verlängerung das 1:3 durch einen Elfmeter folgte, bot kurioserweise wenig Anlass zu Diskussionen. Er habe die Szene nicht gesehen, entschuldigte sich Guardiola später, was kaum der Wahrheit entsprochen haben dürfte, heutzutage gibt es ja überall Bildschirme. Womöglich dachte auch er, dass es zwar streng, aber nicht gänzlich absurd war, die fahrlässige Attacke von Rubén Dias gegen den späteren Strafstoßschützen Karim Benzema zu ahnden (96.). Die Frage, ob die effektive Spielzeit in der zweiten Halbzeit der Verlängerung nicht knapp bemessen war, wurde gar nicht mehr gestellt.

Wie überhaupt eine merkwürdig pietätvolle Stimmung über der Pressekonferenz lag; niemand schien Guardiola Vorwürfe machen zu wollen. Die Frage, ob es ratsam war, sich mit der Kontrolle des Spiels zu begnügen, statt Madrid mit schnellem Spiel vor Probleme zu stellen, wurde ebenso wenig erörtert wie die Apathie von Kevin De Bruyne, die Fehlschüsse von Jack Grealish, viele kleine Dinge, die sich dann doch zu einem "grausamen Ausscheiden" summierten, wie Guardiola sagte, "es tut weh." Nun werde man aufstehen müssen, und er weiß: Viel Zeit hat man dafür nicht.

Korrektur: In einer früheren Fassung des Artikels haben wir den Satz, "dass er alles, was er übers Leben wisse, beim Fußball gelernt habe" fälschlicherweie Jean-Paul Sartre zugeschrieben. Er stamm jedoch von Albert Camus.

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