Wechsel nach Polen:Der erwachsene Herr Poldi

Fußballspieler Lukas Podolski
(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Lukas Podolski ist Kosmopolit, Konzernherr, manchmal sogar Politiker. Den Schelm Poldi gibt es nach wie vor - aber niemand sollte ihn als Geschäftsmann unterschätzen.

Kommentar von Philipp Selldorf

Was einst Mehmet Scholl über Kuno sagte, den inzwischen leider verblichenen Hund von Uli Hoeneß, das lässt sich möglicherweise auch über Louis Podolski behaupten. Kuno führte im Haus des Bayern-Patrons ein Leben, das in Scholl den Wunsch erzeugte, bei der nächsten Wiedergeburt Hund bei Familie Hoeneß sein zu wollen. Ob Louis, 13, es auch so gut hat wie Kuno, das müsste man ihn zwar erst mal selbst fragen, aber wenn sich sein Vater zum Thema Erziehung äußert, dann klingt das doch mindestens vielversprechend. Der Junge solle "unbeschwert aufwachsen", findet Podolski: "Klar gibt es Regeln: Freundlich sein, aufräumen, vernünftig essen. Aber nur Reis und Gemüse, das gibt es bei uns nicht. Man ist nur einmal Kind."

Die Fähigkeit, zentrale Lebensweisheiten präzise zu benennen, hat Lukas Podolski seit jeher ausgezeichnet. Dass gerade er die Einmaligkeit des Kindseins hervorhebt, hat vielleicht auch damit zu tun, dass er selbst dessen Wert immer zu schätzen wusste. Weshalb er die eigene Kindheit nun um ein oder zwei weitere Jahre verlängert, indem er sich dem polnischen Verein Gornik Zabrze anschließt. "Willkommen zuhause" sendete der Klub auf seinen Kanälen in die Welt, nachdem die Sache abgemacht war. Podolski ist vor 36 Jahren in der Nähe von Zabrze zur Welt gekommen, ehe die Familie in seinen Kleinkindertagen nach Bergheim in die Nähe Kölns zog.

Heutzutage ist eine Entscheidung wie die Rückkehr an den Ausgangspunkt automatisch mit dem Modewort "emotional" zu brandmarken. Falsch ist das in diesem Fall allerdings nicht: Podolski hat immer seine polnische Herkunft gepflegt und ausgestellt, seiner nicht minder exponierten rheinischen Identität standen die alten Wurzeln nie im Weg, eben darin besteht ja eine ihrer Eigenheiten.

Einen aktiven oder ehemaligen Weltmeister hat es in der polnischen Liga noch nicht gegeben

Der oberschlesische Rheinländer Podolski ist außerdem im Laufe der Karriere ein Kosmopolit geworden, als Fußballer hat er die Welt bewohnt: Bayern, England, Italien, Türkei, Japan - kein Land ist ihm fremd geblieben (wenngleich er in der Münchner Zeit im Haus am Ammersee von Heimweh geplagt wurde). Nun darf sich die polnische Liga geehrt fühlen: Einen aktiven oder ehemaligen Weltmeister hat es in der Ekstraklasa noch nicht gegeben.

Längst hätte sich Podolski zur Ruhe setzen können, aber warum sollte er? Der Fußball erhält Spieltrieb und Jugend, zugleich erschließt er ihm Kontakte, Perspektiven und Märkte. Als Geschäftsmann scheint er sich gerade von der mittelständischen Gründerexistenz zum Konzernherrn zu entwickeln: Er führt Beteiligungen an einem Brauhaus und einer expandierenden Kölner Döner-Kette, er verkauft Eiscreme, Mode, betreibt eine topmoderne Soccer-Halle und ist Partner von Weltunternehmen. Dass er auch zum Politiker taugt, hat er neulich demonstriert, als er sich live bei der Hauptversammlung des 1. FC Köln einschaltete und den Präsidenten Werner Wolf geradewegs und treffsicher der Lüge überführte. Den Schelm Poldi gibt es nach wie vor, aber niemand sollte Herrn Podolski unterschätzen.

Wenn er die Zeit zurückdrehen könnte, erzählte er kürzlich dem Kölner Stadt-Anzeiger, dann würde er auf den Bolzplatz in Bergheim heimkehren: "Keine Handys, kein Instagram, kein Gedöns, sondern immer nur rausgehen und Spaß haben." Aber leider, leider: Irgendwann muss jeder halt ein bisschen erwachsen werden.

© SZ
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