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Deutsche Nationalmannschaft:Chance verpasst

Germany Training Session

Joachim Löw geht mit der Nationalmannschaft ins EM-Jahr 2021.

(Foto: Getty Images)

Mit dem Vertrauen für Joachim Löw weicht der DFB das Leistungsprinzip auf und setzt auf einen angeschlagenen Bundestrainer. Der muss nun endlich zu einer straffen Leistung zurückfinden.

Kommentar von Christof Kneer

Jogi Löw kennt dieses Phänomen aus eigener Erfahrung. Immer wieder hat er seiner Nationalelf ja dabei zusehen müssen, wie sie kunstvoll schnixte und trickste und den Ball dann leider am Tor vorbei zauberte. Die Nationalelf habe "Probleme mit der Chancenverwertung", urteilte die Fachpresse dann streng, und manche Begleiter zogen hinter vorgehaltener Hand die Parallelen zum Charakter des Bundestrainers: Der Jogi sei "ein Ditschler", sagen die, die manchmal mit ihm Fußball spielen - einer, der lieber noch mal eine Pirouette dreht, bevor er aufs Tor schießt oder sich vom Ball trennt.

Man hatte dieses Problem eigentlich für gelöst gehalten, aber nun muss man festhalten: Es hat sich nur verlagert. Das Problem mit der Chancenverwertung ist in den Chefbüros des Verbandes angekommen. Man darf das so hart sagen: Der DFB hat am Montag eine Großchance vergeben, wie das im Sportreporterdeutsch heißt. Der Verband hätte die Möglichkeit gehabt, dass nach 14 Jahren Löw mal ein paar andere Augen auf den deutschen Fußball schauen, durch die randlose Brille von Ralf Rangnick zum Beispiel. Man weiß, wie Jogi Löw Toni Kroos sieht, man weiß, dass er "in den Zwischenräumen" Fußball spielen lassen will, man weiß, dass er hohe Bälle für eine Erfindung des Teufels hält. Man weiß das alles.

Ist die Macht der Gewohnheit schon Grund genug, sich vom Ball bzw. dem dazugehörigen Bundestrainer zu trennen? Natürlich nicht, aber Löw hat zuletzt einen so erdenfernen Eindruck hinterlassen, dass sich kaum mehr dieses vertraute Angela-Merkel-Gefühl einstellte: Ach, die weiß schon, was sie tut. Bei Löw wusste man zuletzt eher, was er nicht tut: aktiv coachen zum Beispiel oder klar führen.

Löw ist ein hoch verdienter Mann, er hat dem Land 2014 den ersten WM-Titel eines europäischen Teams in Südamerika geschenkt. Er hat auch jetzt den Umbruch eingeleitet, die EM-Qualifikation sauber zu Ende gebracht und die Klubs in der heiklen Coronazeit seriös ins Boot geholt. Dennoch wirkt seine Bestätigung im Amt auch ein wenig wie die Aufweichung des Leistungsprinzips. Bundestrainer ist kein Job auf Lebenszeit, auch er muss sich stets dem Wettbewerb stellen - und so muss der selbst etwas unsortierte DFB nun damit leben, dass ein Trainer mit schlechten Umfragewerten ein Team mit schlechten Umfragewerten coacht. Löw nimmt den Doppel-K.o. der WM 2018 und des 0:6 in Spanien mit ins Frühjahr.

Das Gute an dieser Ära ist aber immerhin, dass Löw auf der Suche nach Lösungen in der eigenen Vita fündig wird. Unter Druck ist es ihm immer wieder gelungen, den Trotz nutzbar zu machen und zu einer straffen Trainerleistung zurückzufinden. Er wird es wieder tun müssen.

© SZ vom 01.12.2020
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