bedeckt München 21°

Sergio Llull von Real Madrid:Der Basketballer, der sich der NBA verweigert

January 10 2019 Madrid MADRID SPAIN Sergio Llull Melia of Spain and Real Madrid during the T; Sergio Llull

Sergio Llull Melia debütierte mit 19 bei Real Madrid - zvuor spielte er in Katalonien bei Manresa.

(Foto: imago/ZUMA Press)
  • Sergio Llull glänzt seit Jahren im europäischen Basketball - und mit seinem Verein Real Madrid.
  • Experten halten ihn für den talentiertesten Basketballer, der nicht in der nordamerikanischen NBA spielt.
  • Auch der FC Bayern bekommt es in der Euroleague mit ihm zu tun.

Als Sergio Llull das letzte Mal in München war, passte ihn auf dem Weg in die Kabine eine Interviewerin der Euroleague ab. Kurze Auskünfte nach Spielen der höchsten europäischen Spielklasse gehören zu Llulls Job als Basketballprofi. So stand er da, schweißtropfend, und ließ ein paar Nettigkeiten in der Rudi-Sedlmayer-Halle zurück. Bayern habe eine gute Mannschaft, es sei schwierig, in München zu gewinnen, solche Sachen. Dann verschwand der Spielmacher, der dem FC Bayern soeben 19 Punkte eingeschenkt hatte, mit seinen Kollegen von Real Madrid zum Duschen.

Beim 82:72 seiner Mannschaft bewies er, warum das renommierte Wall Street Journal neulich ein Porträt über ihn mit dem Titel "The Last Best Player Not in the NBA" veröffentlichte. Er hatte Dreipunktewürfe mit Flugkurven wie aus einem Videospiel versenkt, hatte die Offensive seines Teams organisiert und in der Abwehr gerackert, bis der Gegner entnervt den Ball verlor. Die NBA ist die beste Liga der Welt, die Euroleague die zweitbeste - warum also spielt Europas bester Basketballer nicht schon längst in den USA, wo es mehr Geld gibt? Wo alle großen und noch größeren Jungs sich messen?

Euroleague Der Turm der Kapverden
Euroleague

Der Turm der Kapverden

Die Bayern-Basketballer sind in der Euroleague gegen Madrid eine Halbzeit lang klar unterlegen - und verlieren 72:82.   Von Ralf Tögel

Die Antwort hat Llull, 31, immer wieder selbst gegeben: Weil es ihm daheim besser gefällt. In Madrid. Bei den Königlichen des Basketballs, die an diesem Freitag ihrerseits in der Euroleague den FC Bayern empfangen. Es geht um den Einzug in die Playoffs. Und wenn die Bayern noch drei, vier Spiele gewinnen, könnte man sich in der ersten Runde der Playoffs wiedersehen. Llull hat aber seine Fans nicht nur in Madrid. "Für mich ist er so etwas wie der europäische Stephen Curry", sagt Tibor Pleiss. Der deutsche Center von Anadolu Istanbul hat in Spanien und in der Euroleague oft gegen den Wuschelkopf von der Baleareninsel Menorca gespielt. Ihm fällt noch ein zweiter Vergleich ein: "Ich sehe auch Ähnlichkeiten zu Luka Doncic."

Der Slowene Doncic, 19, ist gerade das nächste große Versprechen bei den Dallas Mavericks - ausgebildet wurde er bei: Real Madrid, als Lehrling von Llull. "Das sind Spieler, die haben es im Blut, den letzten Wurf zu nehmen", findet Pleiss. "Sie denken nicht viel nach, probieren es einfach. Und Llull ist natürlich ein grandioser Schütze." Gezeigt hat er das hundertfach. Einer seiner erstaunlichsten Treffer ist ein Wurf über das ganze Feld im spanischen Ligafinale gegen Valencia. Mit der Schlusssirene, zum Sieg. Bei Llull sind solche Zaubertaten kein Zufall, "so was kann man durchaus trainieren", erzählt Pleiss, der ihm auch in seiner Zeit in der spanischen Liga ACB oft begegnet ist.

Angesichts der Strahlkraft der NBA ist es bemerkenswert, dass Llull - den sie in Spanien auch den "Unglaublichen" rufen - in diesem Leben wohl nicht mehr dorthin wechseln wird. Dass er lieber gegen Basketballer aus Belgrad, Kaunas oder München antritt als gegen James Harden, Kevin Durant, LeBron James und all die anderen Super-Egos mit ihren 70-Millionen-Dollar-und mehr-Verträgen. Es ist nicht so, dass er keine Angebote hätte. Längst haben die Houston Rockets sich die Rechte an ihm gesichert, sie hätten ihn gerne sofort, schließlich sei Llull "perfekt für die moderne NBA", wie Houstons Manager Daryl Morey dem Journal erklärte. Ein nicht weniger perfektes Jahresgehalt gäbe es für Llull obendrauf. Doch das Zugriffsrecht greift nur, falls Llull sich selbst entsprechend bereit erklärt - und jegliche Überzeugungsversuche scheiterten bislang.

Manche Europäer rümpfen die Nase über die NBA

Seine rasende Energie, seine Reichweite bei Schüssen aus allen Lagen, sein unbändiger Wille zum entscheidenden Wurf - damit könnten die verletzungsgeplagten Rockets sicher etwas anfangen. Zudem kämen dem Spanier die Charakteristiken des US-Basketballs entgegen. Das Tempo ist höher, das Feld größer, die Räume weiter. Und trotzdem: Der 1,92 Meter große Llull sagte stets no, gracias - und verlängerte vergangenes Jahr bei den Königlichen bis 2021.

Basketball Europas Basketball attackiert die NBA
Start der Euroleague

Europas Basketball attackiert die NBA

Basketball ist ein Spiel der Muskeln und Riesen - die NBA das gelobte Land. Doch zum Start der Euroleague mehren sich Indizien, dass Europas Topklubs die Amerikaner einholen.   Von Jonas Beckenkamp

Dass Europas beste Korbwerfer mit der NBA und ihrer 82-Spiele-Saison nicht so recht warm werden, ist kein Einzelfall. Es gibt im globalisierten Basketball solche und solche Europäer: Leute wie Nowitzki, den Franzosen Tony Parker, die Gasol-Brüder aus Spanien oder den Griechen Giannis Antetokounmpo, der diese Saison sogar wertvollster NBA-Profi werden könnte. Spieler, die in der neuen Welt heimisch wurden, die sich Respekt erkämpften, sich anpassten oder dem Basketball selbst neue Facetten hinzufügten.

Und es gibt europäische Bekanntheiten, die sich die NBA kurz anschauten, die Nase rümpften, weil sie nicht zum Zug kamen und schnell wieder zurückkehrten, weil sie lieber in Europa Anführer sein wollten als in den USA Handtuchwedler auf der Bank: Das trifft zum Beispiel auf den Litauer Sarunas Jasikevicius, den Spanier Juan Carlos Navarro und zuletzt den Serben Milos Teodosic zu. Unter all diesen Größen der Vergangenheit ist Llull ein Unikat, denn er versucht es gar nicht erst.