Lionel Messi Der Traum vom ersten Titel

Ein zweifelnder Gesichtsausdruck: Lionel Messi.

(Foto: AFP)
  • Gegen Kolumbien startet Messi mit der Albiceleste in seine fünfte Copa America.
  • Bei diesem, wie auch jedem anderen internationalen Wettbewerb wartet der Argentinier noch auf seinen ersten Titel mit der Nationalmannschaft.
  • Nachdem er in wenigen Tagen 32 Jahre alt wird, dürfte dies eine der letzten Chancen sein, diesen weißen Fleck in seinem Curriculum zu beseitigen.
Von Javier Cáceres, São Paulo

Bei der Weltmeisterschaft in Russland 2018 kamen sich Lionel Messi und ein Mitglied des argentinischen Trainerstabes näher. Bei einem Geheimtraining hatte der damalige Nationalcoach Jorge Sampaoli Eckbälle aufs Programm gesetzt und angeordnet, dass die Bälle exakt zum Elfmeterpunkt fliegen sollen. Messi, der den Ball mit dem Fuß präziser fortbewegen kann, als es mancher Profi mit der Hand vermag, erlaubte sich einen Jux: Mal schoss er den Ball zu tief, mal zu hoch, dann wieder an den Strafraumrand.

Bis Sampaoli zum Elfmeterpunkt lief, die Arme hochriss und schrie: "Hierher, Lio! Hier soll der Ball hin!" Doch Messi schoss die Bälle weiter ins Irgendwo.

Dann lief Sampaolis Assistent zur Eckfahne und meinte helfen zu können. "So musst du gegen den Ball treten, Lio! So!" "Alle mal herhören!!!", rief Messi: "Der hier will mir sagen, wie ich gegen den Ball zu treten habe!" Schallendes Gelächter.

Bei dem hier handelte es sich um Lionel Scaloni, 41, ein früherer, eher grobschlächtiger Profi. Er ist heute Messis Cheftrainer in der argentinischen Nationalelf, die an diesem Samstag in Salvador, Brasilien, gegen Kolumbien ihre Jagd auf den Sieg bei der Copa América 2019 aufnimmt.

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Für Messi ist es ein Turnier, in dem er unter Götterdämmerungsverdacht steht. In wenigen Tagen wird er 32 Jahre alt, und das heißt: Er dürfte vor einer der letzten Chancen stehen, einen weißen Fleck in seinem Curriculum zu beseitigen. "Ich will meine Karriere nicht beenden, ohne mit dem Nationalteam einen Titel errungen zu haben", sagte Messi vor Antritt der Expedition nach Brasilien. Es wäre ihm kein Trost, dass er in exquisiter Gesellschaft bliebe, wenn er bei seinem fünften Copa-América-Auftritt das Ziel verfehlen sollte.

Fundamentaler Unterschied zu allen vorherigen Turnieren

Unter den Fußballern, die das älteste Kontinentalturnier der Welt nie gewinnen konnten, sind auch Pelé und Diego Maradona. Brasiliens Legende und Argentiniens Mythos aber wurden - anders als Messi - beide Weltmeister: Pelé drei Mal (1958, 1962, 1970), Maradona ein Mal (1986). Messi hingegen hat nach seinen vier Finalteilnahmen immer nur Silber umgehängt bekommen: Bei der WM in Brasilien 2014, als Argentinien gegen Deutschland das Finale von Rio verlor (0:1), sowie bei den Copas von 2007 (gegen Brasilien) und dann 2015 und 2016, als sein Team jeweils gegen Chile unterlag. Nach der bis dato letzten Finalschlappe trat er zwischenzeitlich sogar zurück: "Das war's. Für mich ist die Nationalmannschaft vorbei", sagte er damals, zusammengebrochen unter der Last, ständig mit dem Mythos Maradona konkurrieren zu müssen.

Messi kehrte bekanntlich dann doch zurück. Und ist in Brasilien unter den 276 Profis der Fußballer mit den meisten Länderspieleinsätzen (130). Vor Diego Godín (Uruguay, 127) und Gary Medel (Chile, 118).

Seit Brasilien seinen Stürmer Neymar Júnior verletzt aufgeben musste, träumen sie in Argentinien wieder davon, den ersten internationalen Titel seit der Copa América von 1993 zu holen. Sie bauen darauf, dass es einen fundamentalen Unterschied zu allen vorherigen Messi-Turnieren gibt: Bislang fühlte sich der fünfmalige Weltfußballer oft gezwungen, grandiose, meist titelreiche Saisons mit dem FC Barcelona bestätigen zu müssen. Diesmal ist es umgekehrt: Für Frust sorgte Barça. Sie wurden zwar spanischer Meister. Die ersehnte Champions-League-Trophäe warf seine Mannschaft beim 0:4 (nach dem 3:0-Sieg im Hinspiel) gegen den späteren Sieger FC Liverpool spektakulär in den Müll. Im spanischen Pokal setzte es überdies eine peinliche Finalniederlage gegen den FC Valencia. Den Ärger in Hunger umzuwandeln, das ist Messis Plan. Zumal er mit ausgeruhten Beinen antritt.