Bundesliga "Das ist der Fußball, den ich liebe"

Kai Havertz bei seinem Treffer zum zwischenzeitlichen Leverkusener 2:1.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)
  • Bayer 04 Leverkusen gewinnt ein sehr einseitiges Spiel in der Bundesliga 4:1 beim FC Augsburg.
  • Torwart Lukas Hradecky sagt hinterher: "Ich denke, dass die nächste Saison mit guter Vorbereitung was Großes werden kann."
Von Sebastian Fischer, Augsburg

Das Spiel war schon fast vorbei, da passierte etwas für diesen Abend ausgesprochen Unvorhersehbares: Bayer Leverkusen spielte den Ball ins Seitenaus. Dem Mittelfeldspieler Julian Baumgartlinger war das Missgeschick unterlaufen, er stutzte kurz und entschuldigte sich dann bei seinem Kollegen Mitchell Weiser, der den Pass hätte empfangen sollen. Weiser nahm die Entschuldigung an. Und er schien, wenn man es von der Tribüne aus richtig erkannte, fast ein wenig zu grinsen. Ein Fehlpass! Im Mittelfeld! Ohne Bedrängnis! Haha! Als würde ein Schriftsteller versehentlich eine Präposition falsch buchstabieren. Leverkusen schoss dann, in der 88. Minute, schnell noch das 4:1 durch Nationalspieler Julian Brandt, nach einer Kombination über drei Stationen. Es war das Endergebnis einer sehr einseitigen Partie beim FC Augsburg.

Man wird eher nicht vordergründig von Bayer Leverkusen sprechen, wenn man in drei Wochen auf diese Bundesligasaison zurückblickt, dafür spielt die sogenannte Werkself zu inkonstant, dafür sind andere Teams über das Jahr gesehen besser und interessanter, mehr Dramatik ist sowieso andernorts. Aber nach den Eindrücken des Spiels am Freitagabend in Augsburg spekulierte der Torwart Lukas Hradecky, dass sich das in Zukunft ändern könnte. "Ich denke, dass die nächste Saison mit guter Vorbereitung was Großes werden kann", sagte er, und: "Es wird besser und besser, je länger wir mit diesem Trainer und der Mannschaft zusammen sind." Der Trainer sagte: "Das ist der Fußball, den ich liebe."

Peter Bosz, 55, ist seit der Winterpause als Nachfolger von Heiko Herrlich verantwortlich für den Fußball in Leverkusen, seitdem hat Bayer 04 in der Liga neunmal gewonnen, fünfmal verloren und nie Unentschieden gespielt. Ganz ähnlich wie in Dortmund, wo er in der Saison zuvor nach einem halben Jahr freigestellt worden war, wird der Niederländer seitdem oft für Ästhetik in der Offensive gelobt und etwas öfter für zu hohes Risiko in der Defensive und mangelnde Effizienz kritisiert. Es war gar von einer Krise die Rede, als Leverkusen vor einem Monat drei Spiele in Serie verlor und weit ins Tabellenmittelfeld zurückfiel. Nun hat Leverkusen drei Spiele in Serie gewonnen und wieder die Chance, Vierter zu werden, was die Qualifikation für die Champions League bedeuten würde. Es war die Art und Weise des Siegs in Augsburg, die den Glauben daran nährte.

Auch vom FCA kommt Lob

Der FCA hatte zuvor die ersten beiden Spiele unter dem neuen Trainer Martin Schmidt gewonnen und hätte mit einem Sieg vorzeitig den Klassenverbleib gesichert, kein leichter Gegner also. Augsburg ging früh in Führung, durch einen Kopfball von Kevin Danso nach einem Eckball in der 12. Minute. Doch schon bald darauf musste man an einen berühmten Dialog aus Tarantinos Pulp Fiction denken, obwohl es darin nicht um Fußball, sondern um die Bedeutung von Fußmassagen geht: "Es ist nicht dieselbe Liga, es ist noch nicht mal derselbe verdammte Sport", sagt Samuel L. Jackson als Jules Winnfield zu John Travolta als Vincent Vega. Und war es wirklich derselbe Sport, den Augsburg und Leverkusen ausübten?

"Sie haben uns sehr früh unter Druck gesetzt, sehr gut unter Druck gesetzt", sagte Augsburgs Torwart Gregor Kobel, "eine herausragende Truppe", das müsse man einfach mal anerkennen. In Zahlen hatte Bayer 04 am Ende exakt 578 Pässe mehr gespielt als Augsburg, 91 Prozent der insgesamt 867 Pässe zum Mitspieler gebracht und 74 Prozent Ballbesitz gehabt. Der FCA kam manchmal gefühlte Minuten nicht an den Ball, Bayer 04 verteilte sich kurze Pässe spielend über das ganze Feld. Augsburgs Trainer Schmidt lobte: "champions-league-mäßig".

Die Tore vor Brandt schossen Kevin Volland (15.), Kai Havertz (48.) und Jonathan Tah (60.), wobei vor allem Havertz' Tor ein besonderes war - wohl zu schön, um so geplant gewesen zu sein: ein Chip mit dem Außenrist. Die Leverkusener hätten auch schon zur Pause führen können, hätten sie ein paar ihrer Angriffe konzentrierter zu Ende gespielt. Manchmal wirkte es beinahe, als würden sie Rondo spielen, das Kicken im Kreis zum Aufwärmen, so lässig sah ihr Kurzpassspiel aus, "manchmal zu lässig", gab Verteidiger Tah zu. Doch er lobte den Spielstil und das System, in dem sich die Mannschaft gut entwickle. Bosz hat zuletzt auf die Verletzungen der Flügelspieler Karim Bellarabi und Leon Bailey mit einem Systemwechsel reagiert, Leverkusen greift nun in einem 3-6-1 an, mit dem Außenverteidiger Mitchell Weiser als Rechtsaußen. "Ein bisschen variabler" sei die Mannschaft so, sagte Volland.

Nun muss man allerdings auch erwähnen, dass die aufregende Mannschaft vom Freitag auch schon die letzten beiden Spiele in diesem System antrat - und jeweils nur sehr mühsam gegen Stuttgart und Nürnberg gewann, zwei der drei schwächsten Teams der Liga. Am kommenden Sonntag spielt Bayer 04 gegen den Tabellenvierten Eintracht Frankfurt. Man dürfte also bald wissen, ob demnächst etwas Großes entsteht in Leverkusen.

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