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Leichtathletik:Immer am Scheinwerfer vorbei

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Karrierehöhepunkt weit nach Mitternacht: Bei der WM in der Hitze von Doha wurde Christopher Linke Vierter über 20 Kilometer Gehen.

(Foto: Chai v.d. Laage/imago)
  • Obwohl die deutschen Geher mit die verlässlichsten Ergebnisse bei der WM in Doha ablieferten, bleibt die Sportart abseits des öffentlichen Radars.
  • Der WM-Vierte Christopher Linke bereitet sich in Brisbane auf die heißen Olympischen Spiele vor - doch die Wettkämpfe der Geher wurden nun ins 850 Kilometer von Tokio entfernte Sapporo verlegt.
  • Er fühlt sich vom IOC im Stich gelassen.

Der Geher Christopher Linke mag die Unsicherheit. Diese kleineren und größeren Täler seines Sports, aus denen man sich so herrlich wieder herausquälen kann. Auch wenn sich der Spaß in Grenzen hält, wenn man gerade mitten in einer dieser Fallen steckt. Wie jetzt gerade.

Linke weilt seit Anfang November in Brisbane, an der Ostküste Australiens, es ist schwül und morgens schon 25 Grad heiß, 150 Kilometer weiter nördlich wüteten zuletzt die Buschfeuer. Er hatte sich den Ort bewusst ausgesucht; in Japan, bei den Sommerspielen im kommenden Juli, wird das Klima ähnlich sein. An diesem Sonntag wollte Linke bei den Ozeanien-Meisterschaften in Melbourne auch schon mal die Olympia-Norm über 50 Kilometer unterbieten. Allerdings brannte die Sonne in Brisbane zuletzt so kräftig herunter, dass er im Training maximal 20 Kilometer schaffte, statt 30 oder 35, wie es vor dem Wettstreit nötig gewesen wäre.

Optimale Anpassung in Australien, finanziert aus eigener Tasche

In Melbourne wird er nun also nur ein "hochwertiges Training" bestreiten. "Mal gucken, wie weit ich komme", sagt Linke am Telefon, er hat diesen leichten Moll-Ton in der Stimme, der von der Enttäuschung erzählt.

Die Leichtathleten stecken Ende November in der Regel tief im Wintertraining, in kühlen Sporthallen oder Krafträumen. Christopher Linke, 31, vom SC Potsdam hat einen anderen Pfad eingeschlagen. Es ist ein Weg, der ihn zuletzt über Katar nach Brisbane führte und bald nach Japan lenken soll; es ist auch ein Weg, der ihn etwas aus der Nische hieven könnte und seinen Sport gleich mit. Auch wenn auf dem Weg noch einige Unwägbarkeiten lauern.

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Die Geher sind wohl eines der am meisten unterschätzten Ressorts, nicht nur im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV). Zum einen kennen selbst viele ihrer Kollegen die Disziplin gar nicht so richtig, zum anderen jagten sie zuletzt vergeblich einer internationalen Medaille hinterher, die erst das warme Licht des Publikums auf die Athleten lenkt. Linke kann einiges davon erzählen: Er hob sich über schnelle Erfolge in der Jugend in die nationale Spitze, er wurde allein fünfmal deutscher Meister über 20 Kilometer, Achter bei der WM 2013 über dieselbe Distanz, Fünfter bei Olympia 2016 und der WM 2017. Bei der WM im vergangenen Oktober, im Glutofen von Doha, begann er verhalten, holte am Ende dann alle ein - bis auf die drei Besten. "Meine beste internationale Platzierung", sagte er, "aber natürlich mache ich den Sport, um eine Medaille zu gewinnen."

Linke neidet niemandem etwas, aber er wünscht sich schon, dass nicht nur das kleine Fachpublikum erfährt, was seine Kollegen und er leisten. Er erzählt ausdauernd und mit ruhiger, fester Stimme über seinen Sport, die Vorurteile ("Ist das das mit dem Nordic Walking?"), das flotte Tempo (weniger als vier Minuten pro Kilometer), wie Ausdauer mit technischer Finesse verschmilzt: "Wir sind die einzige Disziplin, in der du verwarnt oder disqualifiziert wirst, wenn du nicht das Idealbild befolgst."