Länderspiel DFB vs England:Southgate und das Pannen-Video

  • Vor dem Länderspiel gegen Deutschland zeigt sich, wie wenig sich die Engländer für ihr Nationalteam interessieren.
  • Das liegt auch an der starken Premier League.
  • Der neue Nationaltrainer Southgate bekommt immerhin warme Worte von Thomas Tuchel zu hören.

Von Raphael Honigstein, Dortmund

Zu Beginn seiner 67-tägigen Amtszeit als englischer Nationaltrainer (ein Spiel, ein Sieg, ein hochgekochter Skandal, ein Rücktritt) lud Sam Allardyce zwei einheimische Humoristen ein, die mit zünftigem Herrenwitz für Zerstreuung im Camp sorgten. Sieben Monate später setzt Nachfolger Gareth Southgate nun eher auf die kathartische Kraft der Tragikomik: der 46-Jährige zeigte den Spielern vor der Abreise nach Dortmund ein Video seines Elfmeter-Fehlschusses aus dem EM-Halbfinale 1996 gegen Deutschland, dazu andere Grausamkeiten der Fußballhistorie, wie Englands 1:2 gegen Island beim Turnier in Frankreich im vergangenen Sommer.

Stürmer Jamie Vardy erhielt zuletzt Morddrohungen

Die "großartige Präsentation" (Leicester-City-Angreifer Jamie Vardy) soll auch einige erbauliche Höhepunkte beinhaltet haben, berichteten Augenzeugen übereinstimmend. Aber die Hauptbotschaft galt dem gewinnbringendem Umgang mit den Misserfolgen der Vergangenheit. "Es ging darum, dass wir daraus lernen und uns verbessern, wie es der Trainer selbst geschafft hat; dass wir wissen, dass man immer zurückkommen kann", sagte Vardy, der selbst gerade eine Art Renaissance durchlebt.

Nach einem schwachen Saisonstart beim englischen Überraschungsmeister hat er in den vergangenen fünf Spielen vier Mal getroffen. Alle Fans auf der Insel hat das jedoch nicht besänftigt. Er würde persönlich für den Rauswurf des allseits beliebten Leicester-Coaches Claudio Ranieri vor vier Wochen verantwortlich gemacht und habe deswegen zahlreiche Morddrohungen erhalten, erzählte der Konterstürmer. Auf zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen wollte er aber nicht zurückgreifen.

Die englischen Reporter waren sehr dankbar für diese Vardy-Geschichte, denn allzu viel Interessantes gibt es über Team und Spiel derzeit nicht zu berichten. Der ruhige Trainer Southgate beackert mit seiner Rhetorik vom Neustart bereits ziemlich ausgetrampeltes Terrain, Ähnliches haben Kader und Öffentlichkeit seit der Demission von Sven-Göran Eriksson 2006 ja von jedem der vier glücklosen Vorgänger Southgates gehört. In Sachen Ausstrahlung und Erfahrungen kann er es zudem nicht mal ansatzweise mit den prominenten Kollegen aus dem Ausland aufnehmen, die Woche für Woche die Agenda in der Liga bestimmen.

Southgate ist kein begnadeter Taktik-Grübler wie Pep Guardiola (Manchester City), kein misanthropischer Lautsprecher à la José Mourinho (Manchester United), kein heißblütiger Meistermacher (Antonio Conte/Chelsea), kein Jürgen Klopp (Liverpool). Er ist Gareth Southgate. Berühmt für seinen verschossen Elfmeter und einen Werbespot einer Pizzakette, für den er mit einer Papiertüte auf dem Kopf an einem Tisch saß.

Hoffnung macht am ehesten noch Alli

Profil hätte der ehemalige U21-Trainer mit der strategisch dringend notwendigen Ausbootung von Wayne Rooney (Manchester United) gewinnen können, doch der 31-Jährige ist derzeit sowieso verletzt. Harry Kane (Tottenham Hotspur), Rooneys designierter Erbe als Mittelstürmer und Liebling der Massen, fehlt ebenfalls mit einem lädierten Knöchel. Als Hoffnungsträger geht momentan noch am ehesten Dele Alli durch. Der 20 Jahre alte Spurs-Profi zeigt in der Thomas-Müller-Zone zwischen Mittelfeld und Angriff eine sehr gute Saison.

Zuspruch von BVB-Trainer Thomas Tuchel

Die Aussicht auf ein Duell mit dem Weltmeister, dem größten aller europäischen Rivalen, begeistert das Fußball-Land dennoch kaum. Schuld daran hat ausnahmsweise eine jener seltenen Glanznummern der jüngeren Vergangenheit. Englands famoser 3:2-Sieg unter Roy Hodgson beim Test in Berlin vor einem Jahr hatte Hoffnungen geweckt, die wenige Wochen später bei der EM brutal enttäuscht wurden.

Das macht es den Beteiligten vor dem Ausflug ins Westfalenstadion schwer, glaubhaft von einem wegweisenden Match zu sprechen. "Wir wollen gewinnen und hoffentlich gut spielen, werden aber keine großen Rückschlüsse aus der Leistung ziehen", gab Vardy zu. Soviel Realismus ist zwar löblich, entfacht aber nicht unbedingt grenzenloses Selbstbewusstsein und die Lust, gegen 50 Jahre voller Pleiten anzuspielen. Der wegen seiner altmodischen Strukturen auch politisch unter Druck stehende Verband - Anfang Februar gab es ein symbolisches Misstrauensvotum im britischen Parlament - will einerseits Abschied von der traditionellen Überheblichkeit nehmen, sich aber andererseits höchste Ziele setzen.

"Ihr könnt die Weltbesten sein", gab Southgate seinen Männern nach dem Video-Studium mit. Zuspruch erfährt diese Prophezeiung bezeichnenderweise vor allem aus der Ferne. "England ist eine der aufregendsten Nationalmannschaften, was Potenzial, Altersstruktur und Talent angeht", sagte BVB-Trainer Thomas Tuchel am Wochenende. "Ich kann mir vorstellen, dass sie bei der WM und EM in der Lage sind, um den Titel zu spielen."

© SZ vom 22.03.2017/jbe
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