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Korruption bei Fifa:Blatters Strategie: Abrechnen und anlocken

In der Gemengelage versucht Blatter, zumindest seine Stellung in der Fußballfamilie wieder zu festigen. Teile von Europas Föderation um Präsident Michel Platini haben ihn schwer herausgefordert, dabei aber stümperhaft taktiert. Der Brite David Gill ist der Einzige, der ein Zeichen setzt: Er boykottiert schon am Samstag das erste Treffen des neuen Fifa-Exekutivkomitees, obwohl ihn die Uefa dorthin delegiert hat. Manche Kernländer Europas stellen sich hingegen gegen Platini: Just dessen Landsmann, Frankreichs Verbandschef Noël Le Graët, bekennt sich zu einem Votum für Blatter.

Und aus Deutschland muss Blatter vorläufig auch nicht viel befürchten. Anders als Gill erscheint DFB-Präsident Wolfgang Niersbach zur ersten Sitzung der Exekutive. Als er den Fifa-Bau verlässt, hält er seine Grundsatzkritik an Blatter zwar aufrecht, aber wirklich kämpfen will er nicht. Der Umgang sei normal, es gebe keinen "Abbruch der Beziehungen" zwischen Fifa und Uefa - und sei es in der Politik nicht auch zuweilen so, dass Wahlkämpfer über Nacht zu Koalitionären werden?

Es sind solche Sätze, die einen gefährlichen Rückstoßeffekt entwickeln können. Aus gut informierten Kreisen heißt es, dass die Amerikaner schon Mitte der Woche Auszüge aus dem Ermittlungsverfahren zu Chuck Blazer publizieren wollen. Der US-Amerikaner und frühere Fifa-Vorstand soll sich um Dutzende Millionen aus dem Fußball bereichert haben. Er war Generalsekretär der Concacaf. Heute ist er Kronzeuge des FBI. Aber nicht nur die Möglichkeit weiterer Enthüllungen drückt Niersbach aufs Gemüt. Was, wenn die Wellen Europa erreichen, womöglich sogar Deutschland? Auch Franz Beckenbauer war ja Ende 2010 als Fifa-Vorstand an den WM-Vergaben für Russland und Katar beteiligt, und eine Menge Fragen sind offen: von den Behörden, die seit März zu den Vergaben ermitteln. Auch hat nicht mal die brave Fifa-Ethikkommission ihr Verfahren zu Beckenbauer eingestellt; es herrscht so mancher Erklärungsbedarf. Zum Beispiel, was es mit Beckenbauers Tätigkeit als Testimonial für die russische Gasindustrie auf sich hat, die er kurz nach der Kür aufnahm. Und auch Blatter hielt sich deutsche Kritiker gern mit einschlägigen Hinweisen vom Hals: 2012, als Topfunktionäre in einer anderen Affäre seinen Rücktritt forderten, wies er kurz auf Ungereimtheiten bei der Vergabe der WM 2006 nach Deutschland hin. Jetzt spielt er die Deutschen wieder aus. Beckenbauer habe Niersbach "zusammengefaltet", weil der für Prinz Ali votierte, teilte Blatter in Zürich genüsslich mit. Beide Deutsche dementierten sofort. Aber wieder die Frage: Weiter so mit Blatter?

Blatters Strategie im Kampf gegen Europa besteht in einem Mix aus drohen und locken. Er prangert "Hass" an, der ihm von einigen Leuten entgegenschlüge. Er lästert, Platini habe vor der Wahl erst "einen guten Whiskey unter Freunden" trinken wollen, ehe er ihn zum Rückzug aufforderte. Er droht, die Zahl der europäischen Vertreter im Fifa-Vorstand könnte sich reduzieren. Das Anlocken: Europa darf für die beiden nächsten WM-Turniere seine 13 Startplätze behalten. Zudem vollzieht Blatter mit Blick auf die WM 2026 eine Wende: Bisher galt es als ausgeschlossen, dass dieses Turnier in Europa und Asien stattfindet, weil auf diesen Kontinenten ja die WM-Turniere 2018 und 2022 steigen sollen.

Seit Samstag heißt es: Nur Asien ist raus für 2026, Europa darf sich wieder Hoffnung machen. Die Uefa-Vertreter wissen, dass sie nicht alle ihre 53 Nationen auf eine Linie einschwören können. Manchen erscheint es auch unklug, eine zu klare Blockbildung zu vollziehen: Denn was ist im befürchteten Fall, dass bald ein Europäer in den Fokus der Korruptionsaffäre gerät? Vielleicht sollte die Uefa ganz einfach sagen, dass sie zurück ins Tagesgeschäft mit Blatter will.

© SZ vom 01.06.2015/ska
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