Süddeutsche Zeitung

Korruption bei Fifa:Der nächste Skandal rauscht heran

  • Nach dem Fifa-Kongress in Zürich werden weitere Details über Korruptionsfälle im Fußball-Weltverband bekannt.
  • Südafrika räumt ein, dass es nach dem Erhalt der WM 2010 Geld überweisen ließ.
  • Der Deal wurde über die Fifa abgewickelt.
  • Aus Deutschland muss Blatter vorläufig nicht viel befürchten.

Von Thomas Kistner und Johannes Aumüller, Zürich

Der Großteil der globalen Fußballfamilie hat Zürich verlassen, mancher schritt zitternd durch die Sicherheitskontrollen am Airport. Man weiß ja nie: Sieben lateinamerikanische Funktionäre, darunter zwei, die als Vize-Präsident des Weltverbandes in die Schweiz gereist waren, sitzen nun in Auslieferungshaft, säuberlich verteilt auf verschiedene Haftanstalten. Die US-Bundespolizei FBI wirft ihnen Korruption und Geldwäsche vor. Die Umstände seien hart, 23 Stunden Isolation, eine Stunde Hofgang und anfänglich noch nicht einmal anwaltlichen Beistand, heißt es im Umfeld der Inhaftierten. Zumindest einer Ehefrau sollen die Papiere abgenommen worden sein, damit sie im Land bleibt.

Interessieren dürfte die Ermittler auch, dass sich um Angehörige der Gefangenen just der eigens angereiste Verwandte eines europäischen Fifa-Vorstands kümmert, der selbst zunehmend in den Sog der Affäre gerät.

Aber dieser Teil der fußballfamiliären Verästelungen beschäftigen den alten neuen Fifa-Patron gerade wenig. Am Samstagmittag sitzt der wiedergewählte Sepp Blatter in seiner Prachtzentrale auf dem Zürichberg. Es ist wieder ein bizarrer Auftritt: Er schaut ernst und grinst nur wenig; er redet Probleme klein, säuselt was von Verantwortung und fantasiert über eine Art Weltverschwörung: die Amerikaner gegen ihn. Am Ende eilt er vom Podium und schnell zur Tür hinaus, es ist die Flucht vor der Weltpresse, die ihn mit für ihn unfassbaren Fragen zermürbt hatte. Etwa mit jener, ob er selbst mit seiner Inhaftierung rechne.

Nun, da sich der Pulverdampf um diese Präsidentenwahl lichtet, drängen die Details der Korruptionsaffäre von allen Seiten auf die Fifa zu. Zunächst sind da drei Überweisungen aus dem Jahr 2008. Gesamtbetrag: zehn Million Dollar. Empfänger: Konten des Nord- und mittelamerikanischen Verbands Concacaf, den damals Jack Warner kontrollierte, einst von Blatter hochgeschätzt, seit 2011 aber ausgestoßen. Wer hat diese Überweisungen getätigt? Von einem "hohen Fifa-Offiziellen" spricht die US-Anklageschrift. Der Geldtransfer steht im Zusammenhang mit der Kür Südafrikas zum WM-Ausrichter 2010. Verbandschef Danny Jordaan räumt nun ein, dass damals eine Millionen-Hilfe versprochen worden sei. Aber die Überweisung hätte nicht direkt laufen können. So erfolgte sie über den Weltverband. Südafrika hatten von der Fifa als Beihilfe zur WM-Ausrichtung 100 Millionen Dollar zugestanden, geflossen sind nur 80 Millionen. Zehn Millionen wurden für den Neubau der Verbandszentrale verrechnet. Die anderen zehn überwies die Fifa direkt aufs Concacaf-Konto, für einen sogenannten "Entwicklungsfonds". Die US-Ermittler haben Warner in Verdacht, dass er das Geld an weitere Funktionäre verteilte. Mit Bestechung, beteuert Jordaan, habe das aus seiner Sicht nichts zu tun gehabt. Die Zehn-Millionen-Gabe ist nicht das einzige Torpedo, das in den US-Ermittlungsberichten schlummert. 33 Länder, heißt es, kooperieren bei dieser Untersuchung. Die US-Behörden machen deutlich, dass die Verhaftungswelle am Mittwoch nur der Anfang war; mehr Anklagen sollen folgen. Sind diese Drohungen der Grund, dass die Exponenten des Südamerika-Verbandes Conmebol nun wieder infrage stellen, ob ihre Kontinentalmeisterschaft 2016 in den USA stattfinden soll? Schon die Zeit in Zürich verbrachte mancher Funktionär mit bangem Blick auf die Kongresstüren. Der Brasilianer Marco Del Nero, immerhin ein Fifa-Vorstandsmitglied, reiste gar schon vor der Wahl panisch aus Zürich ab. Hinzu kommen die Ermittlungen der Schweizer Behörden, die von ihren US- Kollegen diskret angetrieben werden dürften: Es geht um Unregelmäßigkeiten bei den WM-Vergaben 2018 (Russland) und 2022 (Katar). Nebst Bankunterlagen und elektronischen Dokumenten aus einer Fifa-Razzia knöpft sich die Bundesanwaltschaft nacheinander auch jene Mitglieder vor, die seit damals im Fifa-Vorstand sitzen.

Blatters Strategie: Abrechnen und anlocken

In der Gemengelage versucht Blatter, zumindest seine Stellung in der Fußballfamilie wieder zu festigen. Teile von Europas Föderation um Präsident Michel Platini haben ihn schwer herausgefordert, dabei aber stümperhaft taktiert. Der Brite David Gill ist der Einzige, der ein Zeichen setzt: Er boykottiert schon am Samstag das erste Treffen des neuen Fifa-Exekutivkomitees, obwohl ihn die Uefa dorthin delegiert hat. Manche Kernländer Europas stellen sich hingegen gegen Platini: Just dessen Landsmann, Frankreichs Verbandschef Noël Le Graët, bekennt sich zu einem Votum für Blatter.

Und aus Deutschland muss Blatter vorläufig auch nicht viel befürchten. Anders als Gill erscheint DFB-Präsident Wolfgang Niersbach zur ersten Sitzung der Exekutive. Als er den Fifa-Bau verlässt, hält er seine Grundsatzkritik an Blatter zwar aufrecht, aber wirklich kämpfen will er nicht. Der Umgang sei normal, es gebe keinen "Abbruch der Beziehungen" zwischen Fifa und Uefa - und sei es in der Politik nicht auch zuweilen so, dass Wahlkämpfer über Nacht zu Koalitionären werden?

Es sind solche Sätze, die einen gefährlichen Rückstoßeffekt entwickeln können. Aus gut informierten Kreisen heißt es, dass die Amerikaner schon Mitte der Woche Auszüge aus dem Ermittlungsverfahren zu Chuck Blazer publizieren wollen. Der US-Amerikaner und frühere Fifa-Vorstand soll sich um Dutzende Millionen aus dem Fußball bereichert haben. Er war Generalsekretär der Concacaf. Heute ist er Kronzeuge des FBI. Aber nicht nur die Möglichkeit weiterer Enthüllungen drückt Niersbach aufs Gemüt. Was, wenn die Wellen Europa erreichen, womöglich sogar Deutschland? Auch Franz Beckenbauer war ja Ende 2010 als Fifa-Vorstand an den WM-Vergaben für Russland und Katar beteiligt, und eine Menge Fragen sind offen: von den Behörden, die seit März zu den Vergaben ermitteln. Auch hat nicht mal die brave Fifa-Ethikkommission ihr Verfahren zu Beckenbauer eingestellt; es herrscht so mancher Erklärungsbedarf. Zum Beispiel, was es mit Beckenbauers Tätigkeit als Testimonial für die russische Gasindustrie auf sich hat, die er kurz nach der Kür aufnahm. Und auch Blatter hielt sich deutsche Kritiker gern mit einschlägigen Hinweisen vom Hals: 2012, als Topfunktionäre in einer anderen Affäre seinen Rücktritt forderten, wies er kurz auf Ungereimtheiten bei der Vergabe der WM 2006 nach Deutschland hin. Jetzt spielt er die Deutschen wieder aus. Beckenbauer habe Niersbach "zusammengefaltet", weil der für Prinz Ali votierte, teilte Blatter in Zürich genüsslich mit. Beide Deutsche dementierten sofort. Aber wieder die Frage: Weiter so mit Blatter?

Blatters Strategie im Kampf gegen Europa besteht in einem Mix aus drohen und locken. Er prangert "Hass" an, der ihm von einigen Leuten entgegenschlüge. Er lästert, Platini habe vor der Wahl erst "einen guten Whiskey unter Freunden" trinken wollen, ehe er ihn zum Rückzug aufforderte. Er droht, die Zahl der europäischen Vertreter im Fifa-Vorstand könnte sich reduzieren. Das Anlocken: Europa darf für die beiden nächsten WM-Turniere seine 13 Startplätze behalten. Zudem vollzieht Blatter mit Blick auf die WM 2026 eine Wende: Bisher galt es als ausgeschlossen, dass dieses Turnier in Europa und Asien stattfindet, weil auf diesen Kontinenten ja die WM-Turniere 2018 und 2022 steigen sollen.

Seit Samstag heißt es: Nur Asien ist raus für 2026, Europa darf sich wieder Hoffnung machen. Die Uefa-Vertreter wissen, dass sie nicht alle ihre 53 Nationen auf eine Linie einschwören können. Manchen erscheint es auch unklug, eine zu klare Blockbildung zu vollziehen: Denn was ist im befürchteten Fall, dass bald ein Europäer in den Fokus der Korruptionsaffäre gerät? Vielleicht sollte die Uefa ganz einfach sagen, dass sie zurück ins Tagesgeschäft mit Blatter will.

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SZ vom 01.06.2015/ska
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