Borussia Dortmund:Das Ende keiner Ära

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Trotz des Pokaltriumphes haben Trainer Thomas Tuchel und der BVB wohl keine gemeinsame Zukunft - für den Verein ist das eine vertane Chance.

Kommentar von Christof Kneer

Es ist schon ein paar Jahre her mit den letzten Titeln für den BVB, aber erinnern kann man sich schon noch: zum Beispiel an Jürgen Klopp, wie er mit beneidenswert verfeierter Stimme "Rubbeldiekatz am Borsigplatz" krächzt. Man darf davon ausgehen, dass Thomas Tuchel sich mindestens genauso über einen Pokal freut wie sein Vorgänger, aber man wird ihn an diesem Sonntag eher nicht beim öffentlichen Krächzen erwischen. Tuchel ist nicht Klopp - eine Eigenschaft, die ihm in seinen ersten Dortmunder Monaten noch hoch angerechnet wurde, weil er Dortmunds Fußball moderner, raffinierter und weniger ausrechenbar machte.

Zuletzt hatte sich aber ganz schwer der Eindruck aufgedrängt, dass die BVB-Verantwortlichen gerne wieder mehr Klopp im Klub hätten - im folkloristischen Milieu eines Traditionsvereins sind ihnen im Zweifel die Rubbeldikatz-Rampensäue doch näher als die komplexen Denker, die nicht auf Zäune klettern und sich darüber hinaus die Freiheit nehmen, einen Flügelspieler wie Dembélé auch mal ins Zentrum zu stellen.

Thomas Tuchel und der BVB, der BVB und Thomas Tuchel - das ist, wenn man sich die frischen Bilder dieses Pokalabends ansieht, doch noch eine gemeinsame Geschichte geworden, aber es wird wohl nicht mehr die Geschichte werden, die es auch hätte werden können. Wenn man einstweilen weiterhin davon ausgeht, dass sich die Parteien trotz der emotionalen Wucht eines gemeinsam errungenen Titels trennen werden, dann dürfte man das aus sportlicher Sicht ruhig bedauerlich finden - unabhängig von den schwer verständlichen internen Kampfhandlungen, die diesen Verein zuletzt umgetrieben haben.

Der Verein steht am Ende einer enorm emotionalen Saison

Man muss sich immer wieder bewusst werden: Der BVB hat eine enorm emotionale Saison hinter sich. Krawalle gegen Leipzig, hässliche Bilder von einigen Chaoten, die sich Fans nennen und die der Meinung waren, Fußball-Werte gewaltvoll und mit geschmacklosen Plakaten zu verteidigen. Dann die darauf folgende Sperrung der Südtribüne, die sie in Dortmund als ihr Herz bezeichnen. Dass mit Mario Götze ein zentraler Spieler länger ausfiel, hat man schon wieder vergessen, weil dann der Bombenanschlag kam. Es war ein Mordversuch, jemand wollte Spieler töten. Aus dieser Ausnahmesituation entspann sich schließlich die Situation, in der Watzke und Tuchel jetzt stecken.

Und am Ende dieser Geisterbahnfahrt von Saison, die im goldenen Konfettiregen des Pokalsieges endet, muss es nicht interessieren, wer mit den Kabbeleien angefangen hat und warum - an Abenden wie diesen entdeckt man normalerweise so viele neue Möglichkeiten, dass der Blick nicht zurück, sondern nach vorne geht. Und vorne sieht man zwar einen FC Bayern, der auch in der kommenden Saison der FC Bayern sein wird, aber man sieht zum Beispiel auch Teams aus Leipzig und Hoffenheim, denen die ungewohnte Doppelbelastung zusetzen wird - und dann sieht man einen unverändert hoch veranlagten BVB, zu dessen Veranlagung nun noch das Selbstbewusstsein eines frischen Titels kommt. Und der - Ironie, Ironie - in der neuen Saison auch noch mit dem Leverkusener Ömer Toprak und dem Gladbacher Mo Dahoud verstärkt wird: mit zwei Wunschspielern des Trainers Thomas Tuchel, der dann möglicherweise gar nicht mehr Trainer sein wird.

Es wäre das Ende keiner Ära und eine verschenkte Chance. Dieser sehr emotionale und durchaus ergreifende Klub hätte sich dann die Gelegenheit entgehen lassen, noch ein bisschen länger von einem sehr versierten Trainer trainiert zu werden.

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