Kopfverletzungen im Sport:Im Zweifel: Runter vom Platz!

Lesezeit: 2 min

Torwart Andreas Luthe am Kopf verletzt vom Platz gehend, Arzt Clemens Gwinner Verletzung / / Fußball Fussball / DFL Bund

Mahnt Selbstschutz der Profis an: Union-Torwart Andreas Luthe nach seiner Kopfverletzung.

(Foto: O.Behrendt /Contrast/imago)

Ein Novum mit Signalwirkung: Bei der Klub-WM dürfen Teams bei Verdacht einer Kopfverletzung einen zusätzlichen Fußballer einwechseln - zu lange wurden Gehirnerschütterungen bagatellisiert.

Kommentar von Barbara Klimke

Einen der hilfreichsten Selbsterfahrungsberichte der letzten Tage verdankt der Sport dem Berliner Andreas Luthe. Es gab einen Zusammenstoß, Luthe stürzte, stand auf und ist dann nach eigenen Angaben "Karussell gefahren". Um Missverständnissen vorzubeugen: Keinesfalls handelte es sich um ein heimliches Jahrmarkterlebnis, eine Runde in der Kirmes-Krake oder ein Looping im Lunapark.

Vielmehr schildert Luthe, 33, Torwart beim Bundesligisten 1. FC Union, die gesundheitlichen Folgen einer für Fußballplätze typischen Unfallszene. In der Partie gegen Mönchengladbach voriges Wochenende kollidierte er mit Kollegen, spürte Schwindel und wurde ausgewechselt. Wenige Tage später richtet er einen flammenden Appell an die Fußballszene: Er warnte vor den Risiken von Kopfverletzungen und rief dazu auf, dass man "Spieler vor sich selbst schützen" müsse.

Gehirnerschütterungen oder leichte Schädel-Hirn-Traumata sind häufig im Sport. Studien deuten hinreichend auf einen Zusammenhang von wiederholten Erschütterungen des Kopfes, Schädels, Gehirns und neurologischen Erkrankungen hin. Selbstschutz, wie Luthe ihn anmahnt, kann da nur ein Teil der Lösung sein. Und so begrüßen besorgte Forscher und Mediziner, dass die Regelwächter vom Internationalen Football Association Board (Ifab) den Verletzten nun als Rettungshelfer zur Seite geeilt sind.

Die Premier League zieht nach: Mehr Auswechslungen möglich

Bei der Klub-WM in Katar, wo auch der FC Bayern um den Wüstenpokal mitspielt, darf jedes Team einen zusätzlichen Spieler auswechseln, sobald Verdacht auf eine Kopfverletzung besteht. Das soll den Betroffenen vor den "sehr ernsten Folgen" einer multiplen Kopfverletzung schützen, wie es beim Ifab ausdrücklich heißt. Zudem kann es die Betreuer davor bewahren, unter Zeitdruck womöglich eine Fehldiagnose zu fällen. Die Botschaft lautet nun: Kein Taktieren! Im Zweifel runter vom Platz, sofort!

Auch in den nationalen Ligen rollen erste Feldversuche an. Eine Testphase in der englischen Premier League sieht sogar zwei zusätzliche Auswechslungen im Verdachtsfall vor; allerdings hatte der Inselfußball, anders als die Bundesliga, in der Pandemie das Wechselkontingent noch nicht von drei auf fünf erhöht. In Großbritannien sorgte voriges Jahr eine Untersuchung für Bestürzung, die nahelegt, dass das Risiko einer Erkrankung an Demenz bei Fußballern weit über dem Landesdurschnitt liegt.

In anderen Sportarten greifen umfangreiche Rettungsvorschriften bei mutmaßlichen Schädelverletzung schon länger. Das prominenteste Beispiel im American Football lieferte jüngst Quarterback Patrick Mahomes, der in der Nacht zum Montag mit den Kansas City Chiefs im Super-Bowl-Finale steht. Als er im Viertelfinale vor zwei Wochen ungebremst mit dem Kopf auf den Boden schlug, unterzog er sich einem strengen Protokoll, das bei Gehirnerschütterungen (engl. 'concussion') das Vorgehen regelt.

Wer mit Kopfverband weiterspielt, ist kein Hartplatzheld

In der Deutschen Fußball-Liga müssen sich die Profis seit der Saison 2019/2020 einem verbindlichen neurologischen Test unterziehen: Dieses Screening soll bei akuten Verletzungen helfen, mögliche Abweichungen festzustellen. Denn das Problem von Gehirnerschütterungen, so sagt Ingo Helmich, Neurowissenschaftler an der Sporthochschule Köln, liegt in der Schwierigkeit, sie zu diagnostizieren: "Man erkennt sie nicht auf den ersten Blick, man hat noch keinen Marker, etwa im Blut."

Erschwerend kommt hinzu, dass lange eine Sensibilität für die Gefahr von Spätfolgen fehlte. Diese Bagatellisierung, so Helmich, verhinderte, dass der Fußball seine Mythen hinterfragte: Wenn ein Spieler nach einem Kopftreffer benommen liegen bleibt, hat er eben nicht nur "ein paar Gehirnzellen weniger", wie neulich in einem flapsigen TV-Kommentar zu hören war. Wer mit Kopfverband weiterspielt, ist auch kein Hartplatzheld. Er ist schlicht: ein Verletzter.

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