Klettern:Die einen lieben Ausdauer, die anderen Athletik

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Klettern: "Es ist interessant zu sehen, wie sich die beiden Geschlechter im direkten Vergleich schlagen": EM-Silbergewinnerin Hannah Meul ist bei der deutschen Meisterschaft in Neu-Ulm auch am Start.

"Es ist interessant zu sehen, wie sich die beiden Geschlechter im direkten Vergleich schlagen": EM-Silbergewinnerin Hannah Meul ist bei der deutschen Meisterschaft in Neu-Ulm auch am Start.

(Foto: Memmler/Eibner/Imago)

Bei der deutschen Meisterschaft gehen auch Hannah Meul und Yannick Flohé an den Start, die Debatte kreist aber um den Routenbau. Längst teilt sich das Kletterlager in Traditionalisten auf der einen - und Risikofreunde auf der anderen Seite.

Von Nadine Regel

Wenn Laien auf eine Kletterwand blicken, sehen sie eine Ansammlung von bunten Griffen und Tritten, die sich scheinbar ohne Konzept an der Wand befinden. Anders ist das bei Luke Brady, Wettkampf-Routenbauer. "Wenn ich eine Route schraube, dann male ich ein Bild an die Wand", sagt er. Jeder gelbe, blaue oder rote Griff wird dann ein Tupfer auf einem Gemälde, das seiner Kreativität entspringt. Die Athletinnen und Athleten stehen vor der Aufgabe, dieses Bild zu entschlüsseln, sich Zug um Zug an der Wand nach oben zu arbeiten.

Seinen Job praktiziert er mit viel Erfolg, Brady ist einer der bekanntesten Schrauber Deutschlands. Er hat die Leadrouten bei den European Championships in München geschraubt - und tobt sich gerade an den Wettkampfwänden in Neu-Ulm aus. Hier finden an diesem Wochenende die deutschen Meisterschaften im Lead- und Speedklettern statt. Wer am Ende beim Lead auf dem Treppchen steht, das beeinflussen auch Brady und sein Team.

Das Starterfeld ist stark besetzt. Auch zwei der besten Deutschen, die an der EM teilnahmen, gehen an den Start - Hannah Meul und der deutsche Lead-Meister Yannick Flohé, beide aus Nordrhein-Westfalen. In den Einzelwettkämpfen wie in der Combined-Wertung schlugen sie sich gut in München, Meul holte im Bouldern gar Silber. Aus Bayern verteidigt Martina Demmel (DAV Allgäu-Kempten) nun ihren DM-Titel im Lead, die Teilnahme des starken Allgäuers Chris Hanke ist aus gesundheitlichen Gründen noch unsicher.

Brady hat schon verraten, worauf sich die Aktiven freuen dürfen: Inspiriert durch den Weltcup in Jakarta vor einer Woche, will er die Leadrouten der Männer und Frauen so schrauben, dass sie sich kurz vor dem Top treffen. "Es ist interessant zu sehen, wie sich die beiden Geschlechter im direkten Vergleich schlagen", sagt der Kaiserslauterner. An reine Mädchenrouten glaube er nicht. Er fordert alle gleichermaßen mit seinem Schraubstil heraus, der nicht nur auf Kraft, sondern auch auf Cleverness setzt.

Die Routen sind essenziell beim Klettern. Die kleine Elite von Routenbauern, die sich in Europa und den USA herausgebildet hat, gibt die Richtung vor, in die sich der Sport entwickelt. Nicht immer zur Freude aller. "Die Profi-Athleten und -Trainer hätten lieber den gewohnten Standard, sie wollen, dass die starken Kletterer weiterkommen", sagt Brady am Telefon. Der 34-Jährige kommt gebürtig aus den USA und lebt seit 2008 in Deutschland. "Wenn wir als Routenbauer dann immer wieder etwas Abgefahrenes schrauben, können sie das nicht kontrollieren."

Das ist der Kern der Debatte, die schon seit etwa fünf Jahren im Gange ist: Wo soll es hingehen beim Routenbau? Soll es bei der Oldschool-Kletterei bleiben, die mehr auf Ausdauer und Kraftausdauer an kleinen Leisten und Griffen setzen - oder setzen sich am Ende die New-Schooler durch, die sich auf eine Mischung aus Kraftausdauer und Boulderelementen sowie komplexe Bewegungen konzentrieren. "Der neue Routenbau ist athletischer, dynamischer, lebendiger", so fasst es Maxi Klaus zusammen, Bundestrainer mit Schwerpunkt Leadklettern.

Ein Nachteil des neuen Kletterstils: die großen Belastungen für den Körper

"Heute müssen die Athleten ihre Kräfte in alle Richtungen bringen", sagt der Allgäuer. An großflächigen Griffen müsse über die Körperposition gearbeitet werden, nicht mehr nur über schiere Fingerkraft wie früher. Ein Nachteil: die großen Belastungen für den Körper. Speziell Schulterverletzungen hätten durch den neuen Stil zugenommen. "Das ist ein Thema für die Zukunft, die wir mit den Routenbauern besprechen müssen", findet Klaus. Das deutsche Team passt sein Training den Entwicklungen an. "Wir trainieren mehr Körperkraft als früher, Fingerkraft bleibt weiter wichtig. Hinzu kommt Mobilisierungstraining der Schulter, um Verletzungen vorzubeugen. Und wir machen viel mehr Yoga als früher", sagt Klaus.

Von außen betrachtet, haben Routenbauer viel Macht, was auch mit einer hohen Verantwortung einhergeht. "Zu viel", sagt Brady, "weil es uns bei der Arbeit oft an Zeit mangelt". Wenn dann nur eine Sache schiefgehe, etwa Griffe einen Tag zu spät geliefert würden, "hat das einen großen Einfluss auf unsere Arbeit". Wenn die Routen dann nicht gut genug sind, werde aber oft auf sie gezeigt, obwohl auch ganz andere Faktoren eine Rolle spielten.

Der Job bestehe nicht nur aus dem Schrauben selbst, sondern auch aus Training. "Wir müssen uns fit halten, weil wir die Routen selbst testen und demonstrieren müssen", sagt Brady. Für die Qualifikationsrouten im Wettkampf gibt es Demo-Videos, die einen Tag vorher auf Youtube hochgeladen werden. Hier müssen die Schrauber ihre Route selbst vorklettern. "Aus Respekt vor den Kletterern will ich da immer in der Lage sein, die Routen vorzusteigen, ohne mich ständig ins Seil zu setzen", sagt Brady, der sich vor allem aufs Schrauben von Leadrouten konzentriert.

Dass er das sehr gut kann, hat er bei der EM bewiesen. "Den Routenbau muss ich extrem loben", sagt Bundestrainer Klaus. Brady sei selbstkritisch und stets gesprächsbereit. "Die Routen in München haben Einsatz verlangt, sind aber nicht übers Ziel hinausgeschossen", sagt Klaus. Die Athleten mussten früh in der Route das Arbeiten anfangen, Kraftausdauer war gefordert, aber es gab auch spektakuläre Züge, die Einfallsreichtum verlangten.

Vorhersehbar sei es Klaus zufolge nicht, worauf die Routenschrauber im Wettkampf ihren Fokus legten. Wenn es nach Brady geht, muss es das auch nicht sein. "Kletterrouten fair zu schrauben, ist nicht umsetzbar", glaubt er. Körpergröße, Gewicht, Größe der Hände, Spannweite, all diese Variablen ließen eine Route für den einen machbar und für den anderen unmöglich werden. Aber gerade die Abwechslung mache das Klettern so schön, findet er. "Man weiß nie, was kommt." Dieses Spannungsfeld ist es auch, was die meisten Kletterinnen und Kletterer in ihrem Sport so lieben. Wie an diesem Wochenende in Neu-Ulm, wo sie wieder versuchen werden, das Bild der Routenbauer zu entschlüsseln.

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