Kießlings Phantomtor:Verstehe jemand die Fußballwelt

1899 Hoffenheim - Bayer Leverkusen 1:2

Trifft sogar, wenn er neben das Tor zielt: Stefan Kießling

(Foto: dpa)

Das Phantomtor von Leverkusens Stefan Kießling bewegt die Fußball-Bundesliga. Hoffenheim will gegen die 1:2-Niederlage protestieren, viele Beobachter fordern ein Wiederholungsspiel. Das würde allerdings Streit mit dem Weltverband heraufbeschwören.

Von Johannes Knuth

Stefan Kießling war kaum zu verstehen. Die Fans, vorwiegend Hoffenheimer Gesinnung, pfiffen und buhten unaufhörlich, sie hatten sich in Reichweite der Kameras positioniert, dort wo Leverkusens Angreifer zum Rapport vor den Fernsehkameras erschienen war. "Ich bin schon ehrlich, wenn ich etwas sehe", sagte, nein, rief Kießling ins Mikrofon, dann ergänzte er: "Aber ich habe es ja nicht gesehen. Was soll ich noch machen?"

Die Verwirrung war groß am Freitagabend, nach dem Abendspiel der Fußball-Bundesliga zwischen der TSG Hoffenheim und Bayer Leverkusen. Sicher war nur: Fans, Reporter und Spieler hatten soeben einem historischen Moment beigewohnt.

Die Szene hatte sich nach 70 Minuten ereignet. Leverkusens Gonzalo Castro hatte einen Eckball gen Strafraum geschickt, Kießling sprang hoch, der Ball segelte aufs Tor. Neben das Tor. Ganz knapp. Kießling drehte erbost ab, er fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Schiedsrichter Felix Brych entfernte sich unauffällig vom Tatort, er machte keine Handbewegungen, auf den Fernsehbildern ist zumindest nichts zu erkennen. Also Abstoß.

Oder doch nicht? Plötzlich jubelte Leverkusen. Der Ball, der neben dem Tor gelandet war, kullerte plötzlich durchs Tor. Die Kollegen versammelten sich um Kießling, den vermeintlichen Torschützen, sie umarmten ihn, Emir Spahic nahm ihn freundschaftlich in den Schwitzkasten. Kießling selbst lächelte ungläubig, wie ein Geburtstagskind, das gerade von seinen Freunden mit einer Überraschungsparty beglückt wurde.

Sportler haben ein gutes Gefühl für das Spiel. Sie wissen sehr genau, wo das Tor steht, ob ein Schuss gut war oder nicht. Nun sagte ihnen das Gefühl: Irgendetwas stimmt hier nicht.

"Ich hatte leichte Zweifel"

Felix Brych spürte das. Sekunden nach dem Tor diskutierte er mit Kießling und Sam im Mittelkreis. "Ich hatte leichte Zweifel", würde Brych später sagen, "aber die Reaktionen der Spieler waren eindeutig, es gab kein Kontra. Es hat mir keiner gesagt, dass der Ball nicht im Tor war." Für ein paar Sekunden standen Brych und die Leverkusener ratlos herum, wie eine Touristengruppe, die gerade ihren Reiseführer verloren hat. Dann pfiff Brych die Partie an.

Hoffenheim protestierte nicht. Noch nicht. Die Hoffenheimer Ersatzspieler inspizierten derweil das Tornetz. Sie entdeckten ein Loch, ein kleines, genau an der Stelle, an der Kießlings Ball unter mysteriösen Umständen seinen Weg ins Tor gefunden hatte. Brych wurde herbeizitiert, er ahnte vermutlich, welchen Streich ihm das Spiel gerade gespielt hatte. Hätte er seine Entscheidung nicht zu diesem Zeitpunkt zurücknehmen können, wurde er nach dem Spiel gefragt: "Nur bis zum Anstoß, zur Spielfortführung", sagte Brych (in Übereinstimmung mit den DFB-Regeln).

"Das darf ja nicht gelten, so ein Spiel"

Ein Fall fürs Sportgericht also. Hoffenheim ist bereits beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) vorstellig geworden, zwecks Protest. "Skandalös" sei das alles, polterte TSG-Sportdirektor Alexander Rosen am Freitagabend vor den Kameras, auf der Tribüne pfiffen die Fans. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) teilte am Samstagmittag mit, man werde in den kommenden Tagen alle Beteiligten anhören, das Verfahren werde vermutlich nicht in der kommenden Woche beginnen, sagte DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig. Wenn es kein Wiederholungsspiel gebe, sagte Hoffenheims Trainer Markus Gisdol, "würde ja niemand die Fußballwelt verstehen. Das darf ja nicht gelten, so ein Spiel."

Ob das Spiel tatsächlich wiederholt wird, ist allerdings völlig ungewiss. Zwar hat der DFB 1994 die vieldiskutierte Partie zwischen Bayern München und dem 1. FC Nürnberg erneut austragen lassen, Thomas Helmer hatte den Ball am Tor vorbeigestochert, die Schiedsrichter dennoch auf Tor entschieden. Doch die Entscheidung führte zu schweren Verwerfungen zwischen dem DFB und dem Weltverband Fifa.

Letzterer dachte darüber nach, deutsche Mannschaften international zu sperren. Immerhin hatte der DFB damals eine Tatsachenentscheidung revidiert, ein Tabubruch für die Regelhüter. Nun droht ein ähnliches Szenario, in Brychs Fall handelt es sich ebenfalls um ein Tatsachenurteil. "Das ist ein hochbrisantes Thema", sagte der ehemalige Fifa-Schiedsrichter Bernd Heynemann am Samstag.

Der DFB äußerte sich entsprechend defensiv: Man werde sich mit der Fifa abstimmen, "um die verbindlichen Vorgaben des Weltverbandes bei der Entscheidungsfindung zu berücksichtigen". Rainer Koch, im DFB-Vorstand verantwortlich für Rechtsfragen, klang nicht gerade so, als verspüre er große Lust auf eine Neuansetzung: "Der reflexartige Ruf nach einer Wiederholung des Spiels ist verständlich, aber wir wissen aus der Vergangenheit auch, wie sehr die FIFA die Tatsachenentscheidung eines Schiedsrichters schützt."

Auch das Regelwerk des DFB (mit einem Bild von Felix Brych auf dem Titel) dürfte den Hoffenheimern wenig Hoffnung machen. Im "Regel 1 - Das Spielfeld" heißt es: "Der Platzverein ist für die richtige Zeichnung des Spielfeldes sowie den ordnungsgemäßen Aufbau der Tore, ihre zuverlässige Befestigung und ihren unbeschädigten Zustand verantwortlich." Zwar hatte der Linienrichter das Tornetz vor Spielbeginn geprüft, das kleine Loch allerdings nicht erspäht.

Die Reaktionen am Morgen danach fielen unterschiedlich aus. Zunächst meldete sich Kießling noch einmal, auf seiner Facebook-Seite: "Ich kann die Reaktionen von vielen von Euch hundertprozentig verstehen und bin selbst ganz aufgewühlt", schreibt Kießling, "nach den Wiederholungen im Fernsehen sehe ich es eindeutig so: es war kein reguläres Tor."

Markus Merk, ehemaliger Weltschiedsrichter, befand: "Man kann keinem der Beteiligten einen Vorwurf machen, weder dem Schiedsrichter noch Stefan Kießling. Es ist eine absolut unglückliche Situation." Derartige Vorfälle, so Merk, könne man nur mithilfe technischer Mittel lösen. Heynemann tadelte dagegen Brychs Leistung: "Man muss sehen, dass der Ball neben dem Pfosten landet", sagte Heynemann, Brych hätte also energischer beim Torschützen nachhaken müssen. Thomas Helmer, zuständig für das Phantomtor im April 1994, assistierte: "Das ist nicht nur der Fehler des Spielers, sondern auch der Fehler des Schiedsrichters. Es geht um Sekunden, und du weißt als Schütze selbst nicht so genau, ob er drin war."

Ziemlich sicher ist mittlerweile: Als ewiger Phantomtor-Experte hat Thomas Helmer seit gestern Abend einen Nachfolger.

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