Angelique Kerber:Warum Kerber das Spiel auf Gras liegt

Die Frage wird sein, wie weit diese Emotionen sie tragen können über den Rasen von Wimbledon. Angelique Kerber, 31, hat bislang ein eher mittelmäßiges Tennisjahr erlebt, dessen Tiefpunkt mutmaßlich mit dem Erstrunden-Scheitern bei den French Open, dem prestigeträchtigen Sandplatzturnier, Ende Mai erreicht war. In Paris war sie noch geschwächt von einem grippalen Infekt angetreten, zudem plagten sie die Nachwirkungen einer langwierigen Verletzung am Sprunggelenk. Seitdem, sagte sie in ihrer üblichen zurückhaltenden Art, habe sie jede Möglichkeit genutzt, sich "so gut es geht" auf die Titelverteidigung vorzubereiten.

Sie hat zwei ihrer Meinung nach sogar gute Turniere auf Rasen gespielt: zunächst in Mallorca, wo sie im Halbfinale in drei Sätzen gegen Belinda Bencic aus der Schweiz verlor. Dann in Eastbourne an der englischen Südküste, wo sie am Samstag nach einem kampflosen Halbfinale im Endspiel der Tschechin Karolina Pliskova unterlag. Zwar fiel diese Niederlage mit 1:6, 4:6 recht deutlich aus, und Kerber schien kein Mittel gegen die harten Grundlinienschläge Pliskovas zu finden, die von der früheren Wimbledonsiegerin Conchita Martinez instruiert wird und inzwischen auch über einen beachtlichen Rückhand-Slice verfügt. Aber die Dienstreise nach Eastbourne war eindeutig als Testlauf für Wimbledon geplant. Und danach konnte Kerber verkünden, dass sie sich wieder trittfest fühlt auf den acht Millimeter kurzen Halmen.

Jedes Turnier markiert einen kompletten Neuanfang

Sie mag das Rasenspiel. Immer schon. Die Bälle, sagt sie, springen nicht so hoch ab, so dass sie variabler spielen könne. Sie fühlt sich wohl auf Gras und glaubt, dass der Belag für ihre Bewegungsabläufe von Vorteil sei. Kurz: Sie beherrsche die Technik für diesen Untergrund - "im Gegensatz zum Sand", erklärte sie schmunzelnd, "wo ich ja gar keine Ahnung habe, wie man darauf spielt". Die Expertin Barbara Rittner, Hauptverantwortliche für das Frauentennis im Deutschen Tennis Bund (DTB), hat Kerber sogar zur Turnierfavoritin erklärt - trotz des Umstands, dass sie in diesem Jahr noch keinen Wettbewerb gewonnen hat und die letzten Grand-Slam-Trophäen an die jüngeren Kolleginnen Naomi Osaka (US Open, Australian Open) und Ashleigh Barty (French Open) gingen.

Doch jedes Turnier markiert einen kompletten Neuanfang, und daran ändert die Klubmitgliedschaft in Wimbledon so wenig wie der Umstand, dass jemand sogar zur Säulenheiligen im All England Club aufgestiegen ist. "Ich muss mich beweisen", sagt Kerber, "egal gegen wen." Ihre erste Gegnerin am Dienstag ist die Fed-Cup-Kollegin Tatjana Maria aus Bad Saulgau, ebenfalls eine Liebhaberin des Rasentennis, die im vergangenen Jahr das Mallorca-Turnier gewann. Danach könnte ein Drittrundenmatch mit der Russin Maria Scharapowa anstehen, und schon im Achtelfinale sieht das Tableau ein mögliches Duell mit Serena Williams vor. Aber so weit will Angelique Kerber noch gar nicht vorausschauen, sie sagt, sie denke nur von Spiel zu Spiel. Alles kommt zu seiner Zeit. Auch der Abstecher auf die Terrasse zu den Gurkensandwiches muss warten.

© SZ vom 01.07.2019/vit
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