Kerber bei den French Open Fragil wie eine Sandburg im Wind

Angelique Kerber enttäuschte in Paris.

(Foto: Getty Images)
  • Bei den French Open in Paris fliegt Angie Kerber gleich in Runde eins raus.
  • Gegen eine junge Russin gelingt ihr kaum etwas - am Ende steht eine klare Zweisatz-Niederlage.
Von Gerald Kleffmann, Paris

Das Mikrofon ging an, eine Frauenstimme sagte: "Angelique Kerber will be in the main interview room at one fourtyfive." Pause. "Correction", sagte die Dame. Nun teilte sie mit, Kerber würde schon um 12.55 Uhr kommen. In zehn Minuten! Ihr Match war kaum länger her. Das verriet schon einiges darüber, in welcher Verfassung die deutsche Tennisspielerin gleich anrauschen sollte: zackig die Pressekonferenz hinter sich bringen - und weg! Irgendwohin, wo es keine rote Asche gibt.

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"Paris und ich, das ist eine Geschichte für sich", sagte Kerber, als sie schließlich aufgetaucht war. Mit 4:6, 2:6 war die dreimalige Grand-Slam-Gewinnerin, die aktuelle Nummer fünf der Welt, in nur 73 Minuten an der 18 Jahre alten Anastasia Potapowa gescheitert. Die Russin hatte 2016 als Juniorin in Wimbledon gesiegt, 2018 war sie in die Top 100 vorgedrungen, ihre Karriere fängt gerade an. "Sie hat sehr gut gespielt" und "ihre Chancen genutzt", meinte Kerber.

Ihr Blick war diesmal nicht so aufgelöst wie 2016, als sie nach ihrem ersten Coup, dem Triumph bei den Australian Open, gleich beim folgenden Grand Slam in Roland Garros an der Niederländerin Kiki Bertens gescheitert war. Kerber strahlte eine Mischung aus Fatalismus und höchstens leichtem Angesäuertsein aus. Diesmal gab es Gründe für ihre teils gehemmte Leistung, was es offenbar erträglicher machte. "Ich denke, das Gefühl, das ich vor dem Turnier hatte, war richtig", sagte sie.

Keine hohen Erwartungen hatte sie da gehabt. Erst ein grippaler Infekt, dann eine langwierige Verletzung am rechten Sprunggelenk, die nachwirkt. "In verschiedenen Situationen" habe sie den Fuß doch gespürt, etwa bei Bewegungen gegen die Laufrichtung. Sie interpretierte daher ihr Aus erleichtert im größeren Kontext: "Die Sandplatzsaison ist für mich vorbei", sagte sie, "ich bin glücklich darüber." Ein Blick auf ihre Asche-Bilanz 2019 unterstreicht ihre Erlösung von dem bösen Belag: Sie bestritt nur drei Matches auf ihm, zwei verlor sie, das Turnier in Rom ließ sie ganz aus.

Im Nachhinein musste sie sich natürlich auch fragen lassen, ob es nicht besser gewesen wäre, die French Open sausen zu lassen. Ja, das hätte sie tun können, antwortete sie, "aber das bin ich nicht, dann kämpfe ich lieber". Das spricht für sie, doch es wurde ein zäher, passiver Kampf, wie in den vergangenen drei Wochen zuvor. Da hatte sie sogar mal ein paar Tage mehr oder weniger nur auf der Couch verbracht, wie sie bei der Ankunft im Westen von Paris verraten hatte. Mit ihrem Team entschied sie letztlich, anzutreten - wenn es der Schmerz zulasse. Keine ideale Voraussetzung im Leistungssport. Andererseits, zuletzt hatte sie eben auch gut trainiert, fand sie selbst, und da war ja diese Verlockung am Horizont: einmal Paris gewinnen. Wie Melbourne, Wimbledon, New York. Roland Garros ist der letzte große Einzel-Titel, der ihr fehlt.

Aber Paris und Kerber, das ist fürwahr eine eher inkompatible Geschichte, wie sie sarkastisch angedeutet hatte. Selbst wenn sie noch den Glauben spüre, dass die zwei mal zusammen finden und ihr gar der Karriere-Grand-Slam glücken kann - und selbst wenn diesmal das Sprunggelenk der mitschuldige Übeltäter war: Sand mag sie nun mal so gern wie Interviews nach Erstrunden-Pleiten, das machte sie auch auf Englisch den Medien klar. Darauf zu spielen, sei "immer eine große Challenge für mich", erklärte sie.

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Der Ballsprung, das Rutschen, die Geduld, die man aufbringen müsse, nein, das ist nichts für Frau Kerber. Roland Garros bleibt demnach ihr schlechtestes Grand Slam. Zweimal hat sie das Viertelfinale erreicht (2012/2018) - aber schon sechs Erstrundenniederlagen seit 2007 zu Buche stehen. Immerhin: Es gibt schlimmere Schicksale, als nur drei von vier Grand-Slam-Turnieren gewonnen zu haben, daher lamentierte sie am Sonntag nicht: "Man muss die Situation so annehmen, wie sie ist." So cool war Kerber nicht immer nach Rückschlägen.