DEB-Team vor dem Start der Eishockey-WM:Kampf gegen die Erwartungen

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Bundestrainer Harold Kreis. (Foto: Daniel Goetzhaber/Gepa Pictures/Imago)

Kann das deutsche Eishockey-Team wie vor einem Jahr eine WM-Medaille holen? Berechtigte Frage, sagt Bundestrainer Kreis vor dem Auftakt gegen die Slowakei. Alles ist möglich. Nur rechnen sollte man damit nicht.

Von Johannes Schnitzler

Es ist der Fluch der guten Tat. Während der Vorbereitung auf die Eishockey-Weltmeisterschaft in Tschechien wurde Bundestrainer Harold Kreis so oft gefragt, ob nach Silber im vergangenen Jahr nun Gold möglich sei, dass irgendwann der Pressesprecher des Deutschen Eishockey-Bundes darum bat, die Frage nicht mehr zu stellen. Was sollte Kreis darauf antworten? Sicher, möglich ist alles. Und doch nichts gewiss. Aber die Frage kam immer wieder dahergetröpfelt wie Wasser durch einen undichten Hahn. Kreis, 65, lächelte dann stets tapfer. "Ich verstehe die Frage, sie ist berechtigt", sagte er.

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Die erste WM-Medaille einer deutschen Eishockeymannschaft nach 70 Jahren hat dem DEB-Team einen bescheidenen Luxus verschafft. In der knapp 10 000 Zuschauer fassenden Ostravar Arena durfte der deutsche Tross die zweitgrößte Kabine beziehen und sich als Fünfter der Weltrangliste - vor Schweden (6.) und Gastgeber Tschechien (8.) etwa - seine Trainingszeiten aussuchen. So legte das deutsche Team nach der Anreise am Dienstag bereits am Mittwoch als einziges eine Einheit in der Hauptarena ein. Die Silbermedaille hat Kreis aber auch ein paar dazugehörende Luxusprobleme beschert. Die Erwartungshaltung steigt und mit ihr der Druck von außen, auf den Coup von Tampere doch bitte schön noch einen draufzusetzen. Zumal in ProSieben nun einer der großen Sender die Spiele frei empfangbar überträgt. "Es ist ja auch schön, dass die Leute uns jetzt anders wahrnehmen", sagt Angreifer Nico Sturm. "Aber für uns ist es genau dasselbe Konzept wie letztes Jahr." Also: Erst mal das Viertelfinale erreichen. "Dann wissen wir: Von da an kann alles passieren."

"Wir müssen uns alles wieder von null an erarbeiten."

Kreis kennt die Gefahren, die in Ostrava lauern, wo die Gruppe B mit Deutschland ihre Spiele austrägt. Er muss einerseits die Erfolgsfaktoren von 2023 weiter auf der Rechnung haben, ohne sich darauf verlassen zu können, dass sie zum selben Ergebnis führen. "Die Silbermedaille haben wir sehr hart erarbeitet, aber es gehört viel mehr dazu: Fortune, Momentum, ein glückliches Tor zum richtigen Moment", sagt Kreis. "Die Wahrheit ist, dass wir uns alles von null an wieder erarbeiten müssen." Im vergangenen Jahr startete das Team mit drei sehr guten Spielen gegen Schweden, Finnland und die USA - die es alle mit einem Tor Unterschied verlor. Im Schlüsselspiel gegen Dänemark fielen in den letzten fünf Minuten fünf Tore, ehe das 6:4 und der erste deutsche Turniererfolg feststand, dem bis ins Finale (2:5 gegen Kanada) fünf weitere folgten. Wenn das DEB-Team nun gegen die Slowakei, USA und Schweden ein nahezu identisches Auftaktprogramm hat wie vor einem Jahr, ist Selbstbewusstsein also angemessen: Die Mannschaft weiß, dass sie sich aus engen Situationen befreien kann. Selbstverständlich ist aber nichts. "Man kann nichts faken oder kopieren", sagt Nico Sturm.

Feste Größe im deutschen Team: NHL-Profi Nico Sturm. (Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Sturm, 29, NHL-Profi bei den San Jose Sharks, war im vergangenen Jahr einer von acht WM-Debütanten auf dem Eis. Auf Sturm kann Kreis, für den es die erste WM als Cheftrainer war, ebenso wieder bauen wie auf John-Jason Peterka (Buffalo), der 2023 zum besten Stürmer der WM gewählt wurde. Dazu kommen in Torhüter Philipp Grubauer (Seattle) und Lukas Reichel (Chicago) zwei weitere NHL-Profis. Nominell ist der Kader mindestens so stark wie im vergangenen Jahr, und wie damals verzichtet Kreis auch diesmal auf zwei der punktbesten deutschen DEL-Profis, den Olympia-Silbermedaillengewinner Matthias Plachta (Mannheim) und Torschützenkönig Justin Schütz (Köln). Der Bundestrainer bleibt damit seinem Credo treu, Spieler mitzunehmen, die in der besten Verfassung sind, um die ihnen zugedachten Rollen bestmöglich auszufüllen. Absagen, besonders jene von NHL-Verteidiger Moritz Seider, der in Detroit den ersten großen Millionen-Vertrag seiner Karriere aushandelt, oder jene der verletzten Tim Stützle (Ottawa) Leon Gawanke (Mannheim) und Marcel Noebels (Berlin) tun weh. Trotzdem soll seine Mannschaft an diesem Freitag (16.20 Uhr, Pro Sieben und Magentasport) gegen Auftaktgegner Slowakei mutig spielen. Zur Identität des Teams gehöre nämlich auch, dass es immer den maximalen Erfolg anstrebe. Alles ist möglich.

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