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Fall Kalou und die Bundesliga:Wenn die Theorie an der Praxis scheitert

Bundesliga: Salomon Kalou von Hertha BSC Berlin

Salomon Kalou wurde von Hertha BSC sofort nach dem Video suspendiert.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Die DFL hat ein pedantisches Corona-Konzept erstellt - und muss nun per Facebook dabei zusehen, wie es am Fußball-Alltag zerbröselt. Die Prüfung des heikelsten Punktes steht dabei noch aus.

Was man der DFL, die ja in diesen Tagen für "den Fußball" in Deutschland steht, wirklich nicht vorwerfen kann, ist, dass sie nicht versucht hat, an alles zu denken. In der Theorie. In der Theorie steht in ihrem vielzitierten Hygienekonzept, dass Spieler "Wäsche und Schuhe selber waschen oder eigenständig in die Waschmaschine legen" sollen. In dem Konzept wird den Spielern nahegebracht, sie sollten zu Hause das Treppengeländer "mindestens einmal täglich reinigen". Auch für den Fall, dass ein Spieler im Alltag ein Stofftaschentuch benutzen sollte, gibt es eine Vorgabe. Man solle es "anschließend bei 60°C waschen." Es gibt sogar eine Empfehlung für die optimale Raumtemperatur in Hotels. Sie soll 21 Grad betragen.

Und unter Punkt 6.17. steht doch tatsächlich: "Vorsicht bei der Verwendung von Handys."

Wie wahr. Denn nun hat das Handy von Salomon Kalou gezeigt, wie in der Praxis mit dem theoretischen Konzept der DFL umgegangen wird. In dem Video, das der Hertha-Stürmer am Montag in die Welt streamte, sieht man, dass im Profifußball-Alltag Abstandsregeln nicht eingehalten werden, dass sich per Handschlag begrüßt wird, dass der Physiotherapeut beim Corona-Test keine ausreichende Schutzausrüstung trägt und, und, und ...

Dass das Papier der DFL wacklig ist, dass es ein "Restrisiko" gibt, dass jedes Konzept der Welt nur so gut ist, wie es auch ausgeführt wird, und dass der Faktor "Gedankenlosigkeit der Spieler" immer berücksichtigt werden muss - das war von Anfang an klar. Dass man es so früh und so deutlich zu sehen bekommen würde, war nicht unbedingt zu erwarten. Da hilft es natürlich nicht, dass Hertha BSC Kalou nun wenig glaubwürdig als "Einzelfall" bezeichnet, denn das wird höchstens insofern stimmen, als dass er im Innersten des Betriebs bisher als einziger ein Facebook-Live-Video gedreht hat. Vorsichtig vermutet, dürfte auch in anderen Kabinen eher nicht die Entwicklung des R-Faktors debattiert werden, und wenn Kingsley Coman mit seinem McLaren zum Bayern-Training fährt, hört er wahrscheinlich auch nicht die letzte Folge des Podcasts mit Prof. Christian Drosten.

Natürlich ist es die Aufgabe der Vereine, die hochbezahlten Angestellten über den Ernst der Lage aufzuklären. Natürlich ist Naivität keine Entschuldigung für irgendwas. Aber selbst, wenn man jedem Einzelnen das 51-seitige Konzept vorliest, und auch wenn andere Vereine tatsächlich konsequenter in der Umsetzung sein sollten als Hertha BSC - wie soll man es bis in die Häuser der Spieler überprüfen? Banale Antwort: Man kann es nicht.

22 Spieler auf dem Platz können keinen Abstand halten

Wie bewusst sich alle Beteiligten der heiklen Situation sind, zeigt - im negativen Sinne - der Umgang des 1. FC Köln mit seinem Spieler Birger Verstraete. Der äußerte in einem Interview nachvollziehbare Bedenken, machte sich Sorgen um seine herzkranke Freundin - und wurde von der Klubführung fast schon ehrabschneidend zum Rapport gerufen, musste öffentlich zu Kreuze kriechen. Dass die DFL dann prompt eine Mail an alle Klubs schrieb, sie sollten positive Tests nicht mehr selbst melden, passt in das Bild. Man will allein durch zentrale Kommunikation Schaden vermeiden. Wer zu solchen Mitteln greift, der weiß, auf welch dünnem Eis er steht.

Was der Liga im Moment mehr als alles andere hilft, ist die allgemeine Stimmung. Wenn Markus Söder am Dienstag verkündet, dass Biergärten und Nagelstudios wieder öffnen - dann kann der Fußball für sich selbst natürlich reklamieren, dass er es zumindest wieder versuchen darf mit dem Spielbetrieb.

Dennoch können 22 Spieler auf dem Platz keinen Abstand halten, und der Praxistest für die heikelste Stelle in dem ganzen Konzept steht darum noch aus. Nämlich jene, wonach auch bei laufendem Spielbetrieb nicht ganze Mannschaften in Quarantäne müssen, selbst wenn ein Spieler positiv getestet wird. Im Moment begegnen sich die Spieler nur in Kleingruppen (auch im Kalou-Video ist das der Fall), sie werden getestet, man kann reagieren - aber was tut man, wenn ein Spieler unmittelbar nach einem Spiel Hertha gegen Köln positiv getestet wird? Und kurz darauf vielleicht ein Spieler der gegnerischen Mannschaft? Dass man in so einem Fall die Definition des Robert-Koch-Instituts der Kontaktpersonen ersten Grades und zweiten Grades geradezu schmerzhaft dehnt, ist neben dem Faktor "Gedankenlosigkeit" der größte Schwachpunkt des ganzen Konstrukts.

Vielleicht kann man vor Kalou noch die Augen verschließen und ihn als "Einzelfall" abtun, wenn man es sich nur lange genug einredet. Wenn auch das Virus sich aber einfach nicht an das Hygienekonzept halten will, und zwar im Spielbetrieb, dann bleibt der Liga nur einzusehen, dass man alles versucht hat - die Realität aber einfach eine andere ist.

© SZ.de/chge

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