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Fußball und Coronavirus:"Sala, bitte: Lösch das Video!"

Die Bundesliga vermeldet zehn positive Corona-Tests und deutet das als Beleg, dass ihr Konzept funktioniert. Doch dann stellt Hertha-Spieler Salomon Kalou ein Handyvideo ins Netz.

Wenn es einen Verein in der Fußball-Bundesliga gibt, der sich rühmt, in den sogenannten sozialen Netzwerken zu Hause zu sein, dann ist das Hertha BSC. In Paul Keuter sitzt sogar ein früherer Twitter-Manager in der Geschäftsleitung des Klubs. So gesehen mutet es fast bizarr an, mit wie vielen Problemen der Bundesligist in dieser Saison schon an der Internet-Front kämpfen musste. Um die Jahreswende trieb Jürgen Klinsmann den Klub auf Facebook vor sich her, dann kündigte er ebendort ("HaHoHe, Euer Jürgen") seinen Job als Coach. Klinsmann ist also längst weg, doch bei Facebook tat sich am Montag neuerlich Alarm auf.

Der ivorische Stürmer Salomon Kalou, unter Klinsmann ausgemustert, veröffentlichte ein Facebook-Live-Video, das zumindest potenziell geeignet war, die Bemühungen der ganzen Fußballindustrie zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs zu konterkarieren.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat vor allem die Wahrung von Disziplin und Hygiene zum Schlüsselbestandteil ihres Sicherheitskonzepts erhoben, es soll die Approbation der Politik für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs garantieren. Doch durch ein 25-minütiges Video, das erst viral ging und dann überstürzt gelöscht wurde (hier ist es noch abrufbar), legte Kalou den Gedanken nahe, dass von Grundschulkindern in Zeiten von Corona eine größere Beachtung von Hygienevorschriften zu erwarten ist als von Fußballprofis. Wie dramatisch die Bilder wirkten, legt die Reaktion der DFL nahe, die prompt erfolgte: "Die Bilder von Salomon #Kalou aus der Kabine von Hertha BSC sind absolut inakzeptabel. Hierfür kann es keine Toleranz geben - auch mit Blick auf Spieler und Clubs, die sich an die Vorgaben halten, weil sie die Ernsthaftigkeit der Situation erfasst haben."

Zu sehen war zunächst, wie Kalou in Begleitung eines Freundes in seiner Limousine durch die Stadt fährt. Dann macht er Aufnahmen, wie er auf dem Weg in die Kabine bei einem Staff-Mitglied im Büro vorbeischaut und dieses per Handschlag begrüßt: Athletiktrainer Henrik Kuchno. In der Umkleide reichen ihm dann sowohl Vedad Ibisevic wie auch Per Skjelbred die Hand. Kalou nahm auch auf, wie er fröhlich "Coronavirus!" rief. Und er filmte, wie ein Hertha-Mitarbeiter mit Gesichtsmaske einen Abstrich bei Verteidiger Jordan Torunarigha macht. Der Mitarbeiter ruft: "Sala, bitte: Lösch das Video, bitte!"

In den einschlägigen Netzwerken sorgte Kalous Video auch deshalb für Empörung, weil es heikle Kabinengespräche zutage förderte, die das Bild des nimmersatten Profis befeuern. So wedelt Kalou mit einem Blatt Papier vor der Kamera herum, von dem er selbst auf Französisch sagt, dass es sein Gehaltsscheck sei. Zu hören und zu sehen ist auch, dass sich Kapitän Ibisevic über Honorarkürzungen ereifert. Den Aussagen zufolge, die auf dem Video zu hören sind, und die teilweise aus dem Off kommen, liegen sie bei mehr als elf Prozent. "Die sind verrückt, Bruder. Ich verstehe verdammt noch mal nicht, warum sie das machen. Wir sollten mit Arne ("Performance-Manager" Arne Friedrich; d. Red.) reden. Er ist mit den Papieren rumgerannt und hat gesagt 'Unterschreibt hier'." Dabei geht es offenbar um die Papiere, in denen die Herthaner einen Gehaltsverzicht wegen Corona in Kauf nehmen.

Die Diskussion zum Gehaltsverzicht sei "durch fehlerhafte Abrechnungen entstanden", teilte Hertha BSC später mit: "Diese wurden mittlerweile korrigiert." Vor allem ging es in der Stellungnahme des Klubs am Abend aber um Kalou: Der Stürmer wurde umgehend suspendiert. Er habe den Eindruck vermittelt, die Spieler würden die Regeln der Gesundheitsbehörden nicht ernst nehmen, schrieb der Klub. Es handle sich um "die Verfehlung eines einzelnen Spielers". Dass seine Mitspieler ihm die Hand gaben? Dass es ihnen keineswegs außergewöhnlich vorzukommen schien, wie Kalou sich verhielt? Das verdeutliche, hieß es lediglich, "dass die regelmäßigen Hinweise auf die Abstands- und Hygieneregeln noch intensiver ausfallen müssen".

Mit der heiklen Posse aus Berlin war auch endgültig überlagert, was noch am Morgen als das Thema des Tages gegolten hatte. Da hatte der 1. FC Köln die Mitteilung des Vertragslabors erhalten, dass die zweite Runde der Corona-Tests an Mannschaft, Betreuer- und Trainerstab keine weiteren positiven Resultate hervorgebracht hatte. Das sorgte für Erleichterung in der Klubzentrale, nachdem am Freitag drei Fälle von Infektionen bekannt geworden waren, die am Wochenende Diskussionen über den geplanten Neustart der Bundesliga hervorgerufen hatten. Die Kölner setzten demzufolge ihr separates Gruppen-Training fort, und auch an anderen Schauplätzen des Profifußballs sorgten die Ergebnisse der bei allen 36 Vereinen vorgenommenen Tests für Ermutigung und Dynamik. Der SC Paderborn gab nach Auswertung der zweiten Testrunde bekannt, dass keine Infektionsfälle aufgetreten seien; als erster deutscher Verein nahm er am Nachmittag das Mannschaftstraining auf.

Doch in die bescheidenen Erfolgsnachrichten mischten sich schon am Nachmittag weitere Neuigkeiten - auch sie kamen, anders als später das Kalou-Video, nicht unerwartet, machten die Gemengelage aber zumindest schon mal komplexer.

In Frankfurt gab die DFL bekannt, dass Köln nicht der einzige Ort war, an dem positive Testresultate identifiziert wurden. Der Verband berichtete nach Vorlage der Meldungen aus den Erst- und Zweitligaklubs, im Zuge der insgesamt 1724 Proben der ersten Test-Reihe seien zehn Infektionen erkannt und den örtlichen Gesundheitsämtern gemeldet worden. "Die entsprechenden Maßnahmen, zum Beispiel die Isolation der Personen inklusive Umfeld-Diagnostik", seien nach den Vorgaben der Behörden erfolgt. Offenbar stand also zunächst nicht fest, welche Formen der Quarantäne die Fachleute anordnen werden. In Köln hatte das Gesundheitsamt lediglich die drei Betroffenen nach Hause geschickt: zwei Spieler und einen Physiotherapeuten. Letzterer hatte zwar außer mit den Identifizierten auch mit anderen Spielern zu tun, da er aber seine Dienste mit Schutzkleidung, Gesichtsmaske und Handschuhen versehen hatte, ordnete man ihn nicht der sogenannten Risikogruppe 1 zu.

Zehn Fälle klingt kritisch, dürfte Fachleute aber nicht überraschen

Zu den weiteren Infektionsfällen im Fußball-Personal nahm die DFL nur bedingt Stellung. Ob die Betroffenen zu den Fußballern zählen, dazu machte die DFL keine Angaben, sie informierte zunächst auch nicht darüber, welchen Vereinen die Fälle angehören. Verschiedene Erstligisten - Borussia Mönchengladbach, RB Leipzig, Mainz 05 und der FC Augsburg - hatten sich zu den Test-Ergebnissen ausdrücklich nicht äußern wollen, was allerdings einer verschiedentlich als "Maulkorb" interpretierten Vorgabe der DFL entsprach, dass nicht jeder Klub einzeln seine Testergebnisse veröffentlichen solle. Der VfB Stuttgart hatte am Sonntag mitgeteilt, ein Test habe einen unklaren Befund ergeben, der Betroffene sei vorsorglich in Quarantäne. Ob der Stuttgarter Fall in die Gesamtrechnung eingegangen ist, das war am Nachmittag noch nicht geklärt.

Zehn Fälle klingt kritisch, dürfte die Fachleute aber nicht überraschen. Am Wochenende hatte Tim Meyer, der Leiter der medizinischen Sonderkommission der DFL, darauf hingewiesen, dass eine bestimmte Zahl von Befunden im Rahmen der Erwartungen bleibe. Dies sei die "Widerspiegelung der Verhältnisse in Deutschland". Virologen rechnen mit einer hohen Dunkelziffer an Infektionen, auch unter solchen Bedingungen, wie sie die Infizierten beim 1. FC Köln erlebten. Alle drei hatten an sich keine Symptome festgestellt. Die DFL erklärte am Montag, die Tests hätten "ihren Zweck erfüllt": Es gehe darum, Infektionsfälle zu erkennen und auszuschließen, um die Fortsetzung des Trainingsbetriebs zu ermöglichen. Auch die zweite Testrunde könne positive Ergebnisse erbringen, zumal da "falsch negative Befunde" nicht auszuschließen seien.

Darüber hinaus verbreitete die DFL zum wiederholten Male einen Appell an die Beteiligten: "Die individuelle Einhaltung allgemeiner Hygiene-Regeln im Alltag liegt als Grundvoraussetzung in der Verantwortung jedes Einzelnen". Das ist die nur schwer lösbare Schwachstelle des Konzepts, wie der Berliner Vorfall bewies.

© SZ vom 05.05.2020/schm

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