Jan de Witt in Wimbledon:Deutschlands bester Coach

Gilles Simon of France hits a shot during his match against Tomas Berdych of the Czech Republic at the Wimbledon Tennis Championships in London

Gilles Simon trifft im Viertelfinale von Wimbledon auf Roger Federer. Gelingt ein Coup?

(Foto: REUTERS)
  • Jan de Witt gilt als Deutschlands bester Tennistrainer, obwohl ihn kaum jemand kennt.
  • Das hat mir seiner akribischen Arbeitsweise zu tun, aber auch mit seiner Herkunft.
  • In Wimbledon coacht er den französischen Tennisspieler Gilles Simon, mit dem er im Viertelfinale auf Roger Federer trifft.

Von Gerald Kleffmann, Wimbledon

Wenn Jan de Witt, 50, nicht gerade in der Box auf einem der Beobachterplätze sitzt oder sich im Media Work Room interessante Statistiken besorgt, die hier in Wimbledon im Minutentakt einlaufen, ist er draußen in den Gassen der Anlage anzutreffen. Man sah ihn schon den St. Mary's Walk hinunterflitzen, als er auf dem Weg war zum Schiedsrichterbüro, um sich dafür einzusetzen, dass ein Match zweier seiner Spieler auf dem Centre Court fortgesetzt werden soll.

Gilles Simon und Gaël Monfils, deren Partie in der dritten Runde auf Court No. 1 wegen Dunkelheit abgebrochen wurde, ging dann tatsächlich unter Flutlicht im Hauptstadion zu Ende. Als Simon, der literatenhafte Künstler und Sieger des Duells mit seinem Kompagnon Monfils, auch noch das Achtelfinale gegen den Tschechen Tomáš Berdych gewonnen hatte, war Jan de Witt schon wieder unterwegs.

Jeder in der Szene weiß, wie gut dieser de Witt ist

"Ich muss zu Roger Federer", Simons Gegner an diesem Mittwoch im Viertelfinale, und leicht schnaufend offenbarte de Witt trotzdem noch rasch seine aktuellen Gedanken. "So gut habe ich Gilles noch nie gesehen", sprach er. Flach und eine Spur aggressiver als sonst habe er die Bälle übers Netz gespielt, die taktische Route durchgezogen, mental sei er wie ein Eisberg gewesen, gefühllos, konsequent. Dabei ist Simon so ein empfindsamer Bauchmensch.

Aber auch das hat de Witt hingekriegt, in Paris bei den French Open führte er bereits Monfils ins Achtelfinale, der dann am Schweizer Tennisgott Federer scheiterte. Nun steht Simon im Viertelfinale. Ein Deutscher, der die besten zwei Franzosen trainiert, der einzige mit zwei Top-20-Profis? Ist das nicht ein Unding? De Witt lächelt. "Meine Herkunft spielt doch überhaupt keine Rolle." Weil eben jeder in der internationalen Szene weiß, wie gut dieser de Witt ist. Er ist Deutschlands bester Coach, ohne dass Deutschland das mitkriegt. Und das hat sehr wohl etwas mit seiner Herkunft zu tun.

Jan de Witt Tennis Coach

Jan de Witt bei den Australian Open im Januar dieses Jahres.

(Foto: imago/Hasenkopf)

De Witt stammt aus einer Region, in der die Menschen nicht einen auf dicke Hose machen. In Celle wurde er geboren, in Bielefeld und Bremen war er später sesshaft, nun wohnt er seit Ewigkeiten in Bad Oeynhausen, drei Kinder, das Haus ist abgezahlt. "Für Geld arbeite ich nicht mehr", sagt er einmal, aber völlig beiläufig. Denn sein Beruf, Spitzenspieler noch besser zu machen, war schon immer, seit er ein junger Erwachsener war, sein Wunsch, und so hat er diesen Beruf von der Pike auf gelernt. Soziologe ist er eigentlich, studierte Betriebsorganisation und Personalwesen, nur konnte er sich mit 26 keinen Schreibtischjob vorstellen. Im Tennis reichte es bis zur Regionalliga, aber es war seine Passion, das didaktische Referieren liegt ihm im Blut.

"Ich wachse auch der Arbeit"

Sechs Jahre war er beim Westfälischen Verband, machte Trainerscheine, fragte sich wie ein Wissenschaftler: "Wie soll der Transfer von Jugendlichen zu Profis aussehen?" Weil er aber auch ein Mann der Tat ist, wagte er den Schritt in die Selbständigkeit. Er hatte leider nur keine drei Wimbledonsiege vorzuweisen wie Boris Becker, der gleich auf dem Level von Novak Djokovic als Trainer einstieg. Er war auch kein Stefan Edberg, der nun Federer berät. Er baute dafür Schritt für Schritt die Breakpoint-Base in Halle/Westfalen auf, die nun im Gerry Weber Sportpark angegliedert ist, wo das bekannte ATP-Rasenturnier stattfindet, und das gelang ihm auch über Mundpropaganda. In der Szene erzählten sich die Menschen, dass dieser de Witt einer sei, der wirklich Spieler besser mache. Gab ja genügend Beweise.

Andrei Pavel etwa, der Rumäne, war, obwohl mal die Nummer eins der Junioren weltweit, eigentlich schon gescheitert. Binnen eines Jahres schoss er in der Weltrangliste nach oben, 13. im Ranking war er 2004, fünf Millionen Dollar Karriere-Preisgeld. So etwas macht de Witt schon stolz. Aber auch ganz andere Geschichten. "Viele haben es als Profi nicht dauerhaft geschafft und trotzdem tolle Berufe", sagt er, "das ist auch unsere Philosophie. Wir wollen allen etwas fürs Leben mitgeben." Werte vor allem, und genau deshalb sprüht de Witt regelrecht vor Begeisterung wie ein Lottogewinner, als er über Simon und Monfils spricht. "Denn ich wachse auch an der Arbeit mit ihnen." Die beiden fordern ihn als Persönlichkeiten genau so, wie es Viktor Troicki tat, den er bis 2012 betreute; der Serbe wäre beinahe in Wimbledon ins Viertelfinale eingezogen.

De Witt scannt jeden Aspekt des Spiels

An Monfils schätzt de Witt dessen "schillerndes, vielfältiges Naturell", grundehrlich sei der 28-jährige Pariser, dessen Vater aus Guadeloupe stammt und die Mutter aus Martinique: "und sehr professionell". Im Gegensatz zu Simon, dem 30-Jährigen aus Nizza, kam der auch stets pünktlich, Simon ist da mehr der Filou, "der will alles erst verstehen, bevor er etwas umsetzt", sagt de Witt. Er schätzt aber diese Attitude, diesen Intellekt. "Er ist der faszinierendste Spieler", findet er und erzählt eine Begebenheit. Landkarten nennt de Witt jene Strategien, die er mit seinen Spielern ausarbeitet, um das Optimum auf den Plätzen dann rauszuholen. . Diese Landkarten bilden nicht die Realität ab, aber sie sind der Versuch, ihr möglichst nahe zu kommen. Zum Beispiel ist es ihm in der Matchvorbereitung wichtig zu betonen, dass es um den Versuch geht oder gehen kann, etwas aus der Vergangenheit, das funktionierte, möglichst gut abzubilden. Als er Simon übernahm, sagte der ihm, welche Landkarte er habe und de Witt sagte seine. Erst mal widersetzte sich Simon, ihm war nicht alles schlüssig, "aber nach einem halben Jahr kam er und meinte: Deine Landkarte ist gut, so machen wir es."

Die Landkarten erstellt de Witt wiederum auf vielschichtige Weise, er kann ja nicht wie Becker sagen, damals, in meinem Match gegen John McEnroe, habe ich es so und so gemacht. De Witt scannt jeden Aspekt dafür, studiert Videos, greift auf unfassbar ausführliche Analysen einer Firma in Kalifornien zurück. "Hier, die Fakten in der Kurzversion", sagt er und scrollt die Seiten auf dem Laptop runter. Es sind 16 nur zu Federer, Simons prominenten Gegner nun.

Manchmal aber auch ist de Witt, dank der Kraft der Erfahrung, ganz anders. "Dann mach ich es wie der Beckenbauer früher", sagt er und lacht, "dann sage ich nur, geht's raus und spielt's Tennis." Vor dem Sieg gegen Berdych war das ein bisschen so. Simon hat er natürlich einen detaillierten Matchplan mitgegeben, aber er hat ihm auch mal weniger mit Videos eingestimmt, weil es in diesem Fall um eine andere Herangehensweise ging. Weil der Gegner einer war, den Simon besonders gut nach Stärken und Schwächen selbst auch deuten konnte. Der Gefühlspuncher von der Grundlinie wählte die Taktik, die Bälle möglichst oft flach zu platzieren, weil das Berdych als unangenehm empfindet. Ein Augengenuss am Ende für de Witt, wie auch das Drittrundenspiel zuvor. Da trafen seine beiden Spieler direkt aufeinander und boten ein Fünfsatz-Spektakel, inklusive Umzugs von Court No. 1 auf den Centre Court am späten Abend. Da setzte sich de Witt entspannt unters Dach, coachte keinen der beiden und genoss es, Trainer dieser zwei besonderen Athleten zu sein.

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