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Italienische Nationalmannschaft:Der Commissario wirbelt Italiens Fußball auf

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Wegweiser nach dem WM-Qualifikations-Debakel: der neue italienische Nationaltrainer Roberto Mancini bei der Arbeit

(Foto: Getty Images)
  • Mancinis Vorgänger Giampiero Ventura verpasste mit Italien die Teilnahme an der WM 2018 - eine Tragödie für das Land.
  • Unter anderem wird dafür der mangelnde Nachwuchs verantwortlich gemacht.
  • Anlässlich des Neustarts baut Mancini sein Team sehr unkonventionell um - mit einigen Debütanten und einem altgedienten Rückkehrer.

Von Birgit Schönau, Rom

Ein Tiefpunkt sei das für Italien, klagt Roberto Mancini. Und damit sei nicht einmal der demütigende Platz 21 im Fifa-Ranking gemeint, das könne sich ja schnell ändern. Das Problem sei: "Noch nie habe ich in der Serie A so wenige Italiener spielen gesehen. Die sitzen auf der Bank, dabei sind sie oft besser als die ausländischen Stammspieler." Tatsächlich haben 57,6 Prozent der Erstligaprofis in Italien einen ausländischen Pass, eine bis dato unerreichte Marke. Woher also Spieler nehmen für die Nationalmannschaft? "Auf jeden Fall glaube ich nicht, dass es nur an Ventura gelegen hat", sagt Mancini. Mit "es" meint er das größte Schlamassel in der 120-jährigen Geschichte der Squadra Azzurra.

Der Unterschied zwischen Italiens neuem Nationaltrainer und seinem Vorgänger, Giampiero Ventura, könnte größer nicht sein. Ventura war 68 Jahre alt, als er 2016 zum Commissario Tecnico berufen wurde, er war als Spieler nie über die dritte Liga hinausgekommen, und als Trainer von immerhin 18 Klubs schaffte er auch nur eine sehr kurze Strecke in der Serie A. Diesem international vollkommen unerfahrenen Mann im Pensionsalter wurde also die Nationalmannschaft anvertraut. Ventura erwies sich, wenig überraschend, als Fehlbesetzung. Mit ihm verpasste Italien die WM-Qualifikation, erstmals seit 1958.

Mancini soll die Azzurri jetzt aus dem Jammertal führen, am Freitag starten sie gegen Polen in der Nations League. Und egal, wie es ausgeht: Am Trainer dürfte es diesmal kaum liegen. Schon als Spieler (bei Bologna, Sampdoria Genua, Lazio und Leicester) galt Mancini als einer der besten Zehner Italiens, ein charismatischer Typ von überragendem Taktikverstand und starkem Charakter. Letzterer verhinderte, dass "il Mancio" von Großklubs wie Juventus oder den Mailänder Vereinen berufen wurde. Da hätte er sich unterordnen müssen, und das war und ist nicht sein Ding.

Es reichte aber auch so zu immerhin zwei Meistertiteln und zwei Europapokalen der Pokalsieger. In der Nationalmannschaft stand "Mancio" sich dann wieder selbst im Weg. Trainer Enzo Bearzot schloss ihn umgehend aus dem Kader aus, weil der junge Mancini sich im Trainingslager in New York ins Nachtleben gestürzt hatte. Bei Arrigo Sacchi passte er nicht ins Taktikkonzept, anderen passte schlicht seine Nase nicht. "Der ist zu ehrlich, zu spontan. In dieser Branche muss man auch heucheln können", hat das Urgestein Renzo Ulivieri mal über Roberto Mancini gesagt, was freundlich gemeint war. Der engagierte Linke Ulivieri ist heute Vorsitzender des italienischen Trainerverbandes und einer der größten Fans von Mancini als Nationalcoach: "Er wird alles geben."

Pirlo: "Mut ist nicht gerade eine herausragende Eigenschaft italienischer Trainer"

Kein anderer Commissario Tecnico brachte so viel Auslandserfahrung mit wie Mancini. Giovanni Trapattoni hatte vor seinem Einsatz in der Nationalmannschaft außerhalb von Italien nur den FC Bayern trainiert. Mancini gewann drei Meistertitel mit Inter Mailand und vier Pokale mit Inter, Florenz und Lazio, bevor er in England Meister und Pokalsieger mit Manchester City wurde. Später arbeitete er für Galatasaray Istanbul und zuletzt für Zenit St. Petersburg. Nirgends wurde er vor einen Karren gespannt, der derart tief im Dreck steckte wie jetzt Italiens Nationalelf.

Die Klubs haben ihren Anteil daran, sagt auch Andrea Pirlo. Der Ex-Nationalspieler und Weltmeister von 2006 sollte eigentlich in Mancinis Stab arbeiten, aber der Verband winkte ab, als Pirlo einen Vertrag als Fernsehkommentator annahm. In der Serie A würden tatsächlich kaum junge Italiener gefördert, so Pirlo: "Mut ist nicht gerade eine herausragende Eigenschaft italienischer Trainer. Die lassen nur sehr begrenzt junge Spieler heran. Schwierig, dass ein 18-Jähriger hier einem 30-Jährigen ernsthaft Konkurrenz macht." Tatsächlich haben neun von 20 Erstligamannschaften in dieser Saison keinen einzigen Spieler aus der eigenen Jugendabteilung aufgeboten, darunter auch Dauermeister Juventus. Die Juve hatte über Jahrzehnte das Rückgrat der Azzurri gebildet - neuerdings ziert sich die Klubleitung nicht nur bei Testspielen. Zugang Cristiano Ronaldo hat soeben sogar die Teilnahme an Portugals beiden Länderspielen abgesagt.

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