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IOC-Präsident Bach:Wie ein wirrer Aufruf zum Staatsdoping

Da geht's lang: Wer IOC-Präsident Thomas Bach die Richtung vorgibt, ist eine viel diskutierte Frage.

(Foto: Roberto Schmidt/AFP)

In der größten Vertrauenskrise agiert IOC-Präsident Bach wie früher als Fechter: täuschen, fintieren, jäh zustechen. Trotzdem verheddert er sich.

Es wurde öfter Mal vernehmlich gegluckst im Raum Samba des Medienzentrums. Thomas Bach hatte bei der ersten Pressekonferenz in Rio bohrende Fragen zu beantworten, zu manchen riefen die Berichterstatter einander vorab die Antwort zu: "No!" Nein sagt der Chef des Internationalen Olympischen Komitees verlässlich - zur Frage, ob die saloppe Abhandlung der Staatsdoping-Affäre in Russland das IOC beschädige, ebenso wie zu der Kernfrage, die ja längst über der Angelegenheit schwebt: Wie eng ist die Freundschaft zu Wladimir Putin, "werden Sie von russischer Seite beeinflusst?"

"No!", rief Bach in den Saal. Dazu breitete der Deutsche seine Sicht auf die Problematik aus, die auf den Spielen lastet.

Niemals, sagt dazu der Alterspräsident des IOC, Dick Pound, habe er den Ringe-Zirkel in größerer Erklärungsnot erlebt zu dem Thema schlechthin: Integrität. Der Kanadier, Gründungspräsident der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, ist seit 1978 dabei. Ein paar Krisen hat es seither durchaus gegeben. Aber keine wie diese.

"Wir können keinen Staatschef bestrafen", doziert Bach

Bach war Fechter. Er hat stets hinter der Maske gekämpft; täuschen, fintieren, zustechen gehört zum Repertoire. Aber selbst der Wirtschaftsadvokat, dessen Spezialität es ist, entschlossen für eine Sache zu sein und zugleich strikt dagegen, verheddert sich nun in den eigenen Argumentationssträngen. Am Ende klingen seine Ausflüchte zur Behandlung der Staatsdoping-Causa Russland wie ein wirrer Aufruf pro Staatsdoping.

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Einerseits ist Bach für den sanftmütigen Umgang, den sein IOC mit russischen Dopingathleten pflegt: "Wie weit darf man gehen, um Athleten für die Fehler ihrer Regierung zu bestrafen?" Nicht weit, die Antwort schwingt mit. Andererseits, die Regierung - auch ein Problem. "Wir können keinen Staatschef oder Minister bestrafen", doziert der IOC-Boss. Summe dieser Pharma-Logik: Es braucht nur ein Staat seine Athleten dopen, und alle sind fein raus! Die Sportler werden zu schützenswerten Opfern, und die Täter: Nun, die kann der Sport ja nicht bestrafen.

Bach ist nicht zu fassen. Er sitzt auf dem Podium und versucht zu lächeln; der offene Hemdkragen dort, wo die Vorgänger teure Krawatten trugen, signalisiert Nähe und formlosen Umgang. Tatsächlich fällt das IOC unter dem Deutschen in die starre Autokratie zurück, die Jacques Rogge in seiner Amtszeit bis 2013 just ein wenig aufgelockert hatte. Der Belgier übernahm den Thron 2001 von Juan Antonio Samaranch.

Der spanische Franco-Verehrer hatte den Laden eisern im Griff, nach 21 Herrschaftsjahren musste er abtreten, weil der Korruptionsskandal um Salt Lake City sein IOC an den Rand des Untergangs getrieben hatte. Samaranch beugte sich auch dem Druck der Amerikaner, die ihn zum Bußgang nach Washington beordert hatten. So, wie Jahre später das FBI den ewigen Fifa-Patron Sepp Blatter zum Abgang zwang.

Samaranch, einst Botschafter in Moskau, musste gehen, vieles von ihm blieb. Darunter Bach, Samaranchs Musterzögling, der 1991 ins IOC eingerückt und schon 1996 in den Vorstand geklettert war. 2001, als Samaranch den Stab bei einer im geliebten Moskau veranstalteten Session an Rogge abgab, wurde auch die Zukunft für die Zeit nach dem Intermezzo des belgischen Arztes aufgestellt. Bach sollte es werden. So hat es jedenfalls 2013 einer in die ARD-Kamera gesagt, der es wissen müsste; einer, der Bach als wichtigster Wahlhelfer auf den Thron half: Ahmad Al-Sabah. Der Scheich aus Kuwait, der beste Drähte nach Moskau hat, beschrieb Bachs Aufstieg als eine Art Masterplan - in dem der Deutsche, wenn er Präsident sei, auch seinen Teil der Abmachung zu erfüllen habe.