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Olympia:Julia Stepanowa ist unter jeder Flagge unerwünscht

Mit dreisten Bauerntricks hält das Internationale Olympische Komitee das Startverbot für die russische Leichtathletin und Whistleblowerin Julia Stepanowa aufrecht. Ein verheerendes Signal.

Die olympische Farce um Julia Stepanowa geht in die Endrunde. Die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) bleibt beim Verweigerungskurs ihres Präsidenten Thomas Bach, lässt die russische Whistleblowerin nicht für die Sommerspiele zu - und scheut, um dieses weltweit kritisierte Verdikt zu begründen, keine Peinlichkeit. Stepanowa hatte mit Angaben zum staatlich gesteuerten Dopingprogramm in Russland die Enthüllung der größten Leistungsbetrugsverschwörung seit dem Untergang der Ostblockstaaten ermöglicht, zum Dank schmetterte das IOC nun auch einen zweiten Startantrag der Läuferin ab. Darüber sei nicht mehr gesprochen worden, teilte ein IOC-Sprecher nach der ersten Vorstandssitzung am Samstag in Rio de Janeiro mit, die Sache sei ja schon am 24. Juli geregelt worden.

Das IOC könnte Stepanowa jederzeit das Startrecht einräumen; der Leichtathletik-Weltverband IAAF unterstützt das massiv, der Welt-Sportgerichtshof Cas hat dafür den Weg freigeräumt, eine internationale Anti-Doping-Allianz aus Betrugsfahndern, Funktionären und Athleten fordert diesen Schritt. Am Sonntag erreichte das IOC nun die Petition einer deutschen Pro-Stepanowa-Initiative, die in knapp einer Woche mehr als 66 000 Unterstützer fand.

Das IOC unter dem deutschen Wirtschaftsanwalt Bach sprach der Athletin die "ethische" Eignung für den Olympiastart ab. Schließlich habe Stepanowa einst selbst im russischen Systemdoping gesteckt. Applaus erhält Bach für die bizarre Linie vornehmlich von alten Gefolgsleuten wie Alfons Hörmann, dem Chef des Deutschen Olympischen Sport-Bundes (DOSB).

Dabei gerät das IOC argumentativ immer tiefer in den Treibsand. Das zeigt die jüngste Korrespondenz zwischen den Parteien. Stepanowa hält dem Ringe-Clan vor, sie habe keineswegs, wie vom IOC-Ethikkomitee als Prüfinstanz insinuiert, einen Start unter russischer Flagge abgelehnt. Als Beleg veröffentlichte sie das Protokoll ihrer Anhörung. Darin fragen die Ethiker: "Würden Sie akzeptieren, unter der Voraussetzung, dass auch das russische Nationale Olympische Komitee das akzeptiert, als Teil der russischen Mannschaft zu starten?" Stepanowa: "Wenn ich diese Erlaubnis hätte, dann ja, ja, ich wäre glücklich, im russischen Nationalteam zu sein."

IOC verteidigt sich notdürftig

Per E-Mail am Freitag parierte IOC-Generaldirektor Christoph de Kepper den Vorwurf der Athletin mit einem Griff in die Trickkiste. Er teilte ihr mit, sie habe das IOC darum gebeten, an den Spielen "als neutrale Athletin teilzunehmen und nicht als russische Athletin". Zwar sei im Ethik-Hearing die Möglichkeit diskutiert worden, dass Russlands Olympiakomitee ROC sie als Teammitglied berufen könne. "Sie haben jedoch ihre Anfrage, als neutrale Athletin an den Spielen teilzunehmen, nicht geändert, weshalb dies die einzige Option war, die der Prüfung der Ethikkommission zugrunde lag." Es sei nur um einen neutralen Start gegangen.

Der jüngste Dreh des IOC zielt auf eine Art Formfehler ab: Die Athletin habe ja gar nicht nachgefragt, ob sie unter russischer Flagge starten dürfe. Warum dies notwendig wäre, wenn doch die Ethiker selbst ihr diese Frage stellten, und Stepanowa sie klar bejaht hat - das lässt das IOC im Dunkeln. Das legt den Schluss nahe, die Frage nach einem ROC-Start könne als Falle gestellt worden sein - in der Hoffnung, die Athletin werde hineintappen und auf einen neutralen Start pochen. Dies war dann auch der erste Anschein, der nach außen hin erweckt wurde - bis Stepanowa per Vorlage des Protokolls das Gegenteil darlegte.