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Hamburger SV:Digitale Intrigen beim Traditionsklub

HSV: Marcell Jansen auf einer Mitgliederversammlung des Hamburger SV

Mitten im Machtkampf: HSV-Präsident Marcell Jansen.

(Foto: Axel Heimken/dpa)

Beim HSV eskaliert ein lange schwelender Richtungsstreit. Auslöser ist eine ominöse E-Mail an zahlreiche Mitglieder, in der vor einem "Putsch" gewarnt wird.

Von Thomas Hürner, Hamburg

Daten gelten als der Rohstoff des 21. Jahrhunderts, sie eignen sich für Intrigen von politischer Tragweite. Es war also lediglich eine Frage der Zeit, bis dieser Rohstoff in diversen Fußball-Traditionsklubs zur Verwendung kommt, in denen Machtkämpfe bislang analog ausgetragen wurden - nach dem VfB Stuttgart ist nun der Hamburger SV an der Reihe. Ein gewisser Kevin Schmitz, darüber berichtete zuerst das Hamburger Abendblatt, wandte sich zuletzt per Mail an zahlreiche Mitglieder, zuvorderst an einflussreiche Akteure aus der Anhängerschaft. Sein Aufruf: "Diese Machtübernahme muss umgehend gestoppt werden!"

Der Verfasser der Mail warnt vor einem "Putsch", der von einer Allianz um den Präsidenten und Aufsichtsratschef Marcell Jansen, den Finanzvorstand Klaus Wettstein und den HSV-Beirat vorangetrieben werde - unter Federführung und im Interesse des prominenten Milliardärs und Investors Klaus-Michael Kühne. In dem Empörungsschreiben enthalten sind auch die Mailadressen aller fünf Beiratsmitglieder und der Appell, diese über die "Fassungslosigkeit" und das "Entsetzen" innerhalb der HSV-Familie in Kenntnis zu setzen. Es ist unklar, wer dieser Kevin Schmitz genau ist und woher er die Mailadressen der Beiratsmitglieder sowie der Empfänger hat. Im Raum steht der Vorwurf des Datenmissbrauchs, die Herren aus dem Beirat wollen Anzeige erstatten.

"Team Kühne" gegen "Team Hoffmann"

Klar ist aber, welche Interessengemeinschaft im Klub durch dieses Pamphlet gestärkt wird: Vizepräsident Thomas Schulz und Schatzmeister Moritz Schaefer, die zusammen mit Jansen das dreiköpfige Präsidium bilden. Es handelt sich um die Eskalation eines schon länger schwelenden Richtungsstreits beim Zweitligisten, in dem sich, zugespitzt, das "Team Kühne" und das "Team Hoffmann" gegenüberstehen. Schulz und Schaefer gelten als Getreue des ehemaligen Vorstandschefs Bernd Hoffmann, der im März des vergangenen Jahres in einer Kampfabstimmung des Aufsichtsrats seines Amtes enthoben wurde - unter anderem mit der Stimme von Jansen, dem wiederum eine Nähe zu Investor Kühne nachgesagt wird.

Der Konflikt hat zwei Ebenen. Einerseits geht es um die Besetzung von zwei Posten im Aufsichtsrat, in dem gerade nur fünf statt der laut Satzung vorgeschriebenen sieben Sitze belegt sind. Die Kandidaten für das Gremium wählt das dreiköpfige Präsidium aus, in dem das Hoffmann-Lager durch Schulz und Schaefer die Hoheit hätte und Jansen überstimmen könnte. Und wer über den Aufsichtsrat regiert, der bestimmt auch die Richtung des Klubs: Das Kontrollgremium gilt beim HSV traditionell eher als Behörde für strategische Einflussnahme.

Auch deshalb wittern Leute im Klub, die sich selbst keinem der beiden Lager zuordnen, eine stille Machtübernahme von Hoffmann. Manch einer spekuliert sogar darüber, dass aus dem Kreise Hoffmanns immer wieder die Identitätsfragen um den HSV-Spieler Bakery Jatta befeuert werden, um Unruhe im Gefüge zu stiften. Alles hinter vorgehaltener Hand, alles nur Gemauschel - aber eben auch ein Indikator dafür, wie zerrüttet die Verhältnisse sind.

Für Schulz sind die Anschuldigungen "substanzlos"

Es geht aber auch um die grundsätzliche Ausrichtung des Klubs, seine Durchlässigkeit für fremdes Kapital. Derzeit sind 24,33 Prozent der Anteile vergeben, darunter mehr als 20 Prozent an Investor Kühne. Die restlichen 75,67 Prozent liegen im Besitz des HSV e.V., also jenes Vereins, dessen Präsident Jansen ist. Laut Satzung dürfen nicht mehr als 24,9 Prozent verkauft werden. Diese Hürde ist elementar für viele Mitglieder, weil so der Einfluss anderer Gesellschafter klein gehalten wird - unter anderem der von Kühne. Zuletzt hatte Jansen seine Offenheit für frisches Geld signalisiert, was zulasten der 24,9-Prozent-Klausel gehen würde. Das ist wohl, was in der ominösen Mail mit dem angeblich von Jansen & Co. geplanten "Putsch" gemeint ist: Die Aussicht auf mehr Einfluss von Kühne und anderen Investoren.

Der Jansen-Gegenspieler und Vizepräsident Schulz hingegen hatte sich zuletzt öffentlich als Hüter der 24,9-Prozent-Hürde positioniert. Jansen selbst scheint im Klub viele Verbündete zu haben. Der HSV-Ehrenrat hat einen Misstrauensantrag gegen Schulz gestellt und eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen, in der über dessen Zukunft abgestimmt wird. Schulz sei "nicht länger tragbar", heißt es in dem Antrag, sein Verhalten sei von "Taktik und Manipulation" geprägt. Für Schulz sind diese Anschuldigungen "substanzlos". Die Gemengelage ist kompliziert, fest steht aber: Überleben wird die Auseinandersetzung nur ein Lager.

© SZ/klef/pps/tbr
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