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Bakery Jatta beim HSV:"Zu Hause ist da, wo man Frieden findet"

Bakery Jatta

HSV-Stürmer Bakery Jatta.

(Foto: Robert Michael/dpa)
  • Vor dem Hamburger Derby gegen den FC St. Pauli äußert sich HSV-Stürmer Bakery Jatta erstmals zu seinen schweren Wochen im Herbst 2019.
  • Jatta war nach der Beschuldigung, seine Identität geändert zu haben, beim Auswärtsspiel in Karlsruhe rassistisch beschimpft und auch von der AfD instrumentalisiert worden.
  • Der HSV, sagt Jatta, habe ihn in dieser Situation "behütet und beschützt".

Am Samstag im Lokalderby gegen den FC St. Pauli wird Bakery Jatta von den gegnerischen Fans vermutlich nichts zu befürchten haben - obwohl sein Verein, der Hamburger SV, der Lieblingsfeind des Kiezklubs ist. Schon im September 2019, kurz nachdem Sport-Bild Zweifel an der Identität des 2015 nach Deutschland geflohenen Gambiers gesät hatte, empfingen sie ihn beim Zweitliga-Duell am Millerntor mit dem Plakat "Welcome Bakery Jatta". Doch die Wochen, in denen sogar der DFB und das Bezirksamt Hamburg-Mitte nach Belegen suchten, ob Jatta nicht in Wirklichkeit Bakary Daffeh heiße und zwei Jahre älter sei, waren für den 21-Jährigen eine schwierige Zeit. Er fühlte sich "an den Pranger gestellt" und hatte das Gefühl, als "wollte man mich wegsperren, mich ins Gefängnis stecken".

Diese Sätze stammen aus einem Interview, das der Stürmer mit der Redaktion der Vereinszeitung "HSV live" geführt hat und das am Freitag veröffentlicht wurde. Erstmals spricht Jatta darüber, was er in dieser Phase durchzustehen hatte. Bisher hatte die HSV-Medienabteilung alle Interview-Anfragen abgeblockt; selbst über sein Tor beim 4:1 gegen Nürnberg vor drei Wochen durfte er öffentlich nicht reden.

Nun hat er das, was er erlebt hat, erstmals ausführlich in Worte gefasst. "Meine Mannschaft, der ganze Klub und alle Fans haben mich in dieser Zeit aufgefangen. Ich weiß bis heute nicht, wie ich diesen Menschen jemals das zurückzahlen kann, was sie mir gegeben haben", sagte der Afrikaner. Er war nach der Beschuldigung, seine Identität geändert zu haben, beim Auswärtsspiel in Karlsruhe rassistisch beschimpft und auch von der AfD instrumentalisiert worden.

"Ich bin selbständig geworden", sagt Jatta

Man habe ihn "nicht weggeschubst, sondern mich behütet und beschützt, man stand und steht an meiner Seite", so beschrieb er die Reaktionen des Vereins. Besonders Sportvorstand Jonas Boldt, Trainer Dieter Hecking und seine Mitspieler hätten ihn gestärkt. Boldt habe ihm "nur einmal in die Augen geschaut, und ich wusste sofort, dass er bedingungslos hinter mir steht". Und zu Hecking, der ihn trotz der theoretisch drohenden Punktabzüge immer aufstellte, sei er nach seinem Tor zum 3:0 gegen Hannover 96 am 1. September direkt hin gelaufen. "Er wusste, wie hart die Zeit zuvor für mich gewesen war, und er hat so bedingungslos zu mir gestanden, deshalb war dieses Tor für ihn."

Der Coach sei "für mich und für die Mannschaft wie ein Vater". Wie er das alles bewältigt habe, erklärte Jatta so: "Wenn mir Menschen etwas Böses wollen, dann darf ich sie nicht in mein Herz lassen. Das hat einen schlechten Einfluss auf mich, es zieht mich runter und lenkt mich ab von meinen Zielen." Jatta spielte in diesen schweren Wochen so stark, dass sogar U 21-Trainer Stefan Kuntz darüber nachdachte, ob der Flügelstürmer ein Kandidat für die DFB-Auswahl sein könnte.

Sein Leben habe sich seit seiner Ankunft in Deutschland als Flüchtling 2015 radikal geändert, sagte der Profi, der schon seit 2016 beim HSV unter Vertrag steht. "Mittlerweile habe ich meinen Führerschein gemacht, ich habe eine eigene Wohnung, eine Freundin und bin selbständig geworden", sagte Jatta. Er habe auch gelernt, dass er diszipliniert sein müsse, "denn das hier ist Deutschland". Er versuche nicht nur "ein guter Fußballer zu sein, sondern vor allem ein guter Mensch". Sein Zuhause seien jetzt Hamburg und der HSV. "Zu Hause ist da, wo man Frieden findet. Und ich habe hier meinen Frieden gefunden", sagte Jatta, der trotz seines Vertrages bis 2024 inzwischen auch für Klubs interessant geworden ist, die größere Ziele haben als der HSV derzeit.

Momentan hat der HSV, der ehemalige "Dino", nur einen Plan: die Rückkehr in die erste Bundesliga. Dafür braucht der Tabellenzweite unter anderem einen Sieg gegen den Nachbarn St. Pauli. Dass das nicht einfach wird, ist schon am Hinspiel-Ergebnis abzulesen, das der größere Klub mit 0:2 am Millerntor verlor. Trotzdem sieht Jatta die sportliche Zukunft des Hamburger SV positiv: "Ich denke, wir sind auf dem richtigen Weg. Den wollen wir weitergehen, so wie auch ich meinen Weg weitergehen möchte", sagt er. So viel Zuversicht hat es beim HSV tatsächlich schon lange nicht mehr gegeben.

© SZ vom 22.02.2020/ebc
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