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Hamburger SV:Staatlicher Freispruch für Bakery Jatta

Auswechslung Bakery Jatta Hamburger SV Standing Ovations und hier im Bild Umarmung mit Cheftrain

Chef und Torschütze: HSV-Trainer Dieter Hecking umarmt Bakery Jatta nach dem 3:0 am Sonntag im Nord-Derby gegen Hannover.

(Foto: Susanne Hübner/imago)
  • Das Bezirksamt Hamburg-Mitte stellt Ermittlungen zu einer möglichen falschen Identität des HSV-Spielers Bakery Jatta ein.
  • Es gebe "keine belastbaren Anhaltspunkte", sagte die Amtsleiterin.
  • Nach Berichten der Sportbild hatten mehrere Zweitligisten Protest gegen die Spielwertung eingelegt. Die Entscheidung über diese Einsprüche steht noch aus.

Am Sonntagnachmittag war Bakery Jatta der Mann des Tages im Volksparkstadion, 54 000 Zuschauer erlebten einen Höhepunkt seiner irren Geschichte. Als noch aufgeregt gerätselt wurde, wie es im Streit um seine Identität denn nun weitergehe, da trug der Linksaußen aus Gambia seinen Teil zum feierlichen 3:0-Sieg des Hamburger SV gegen Hannover 96 bei. Das dritte Tor schoss er selbst. Die Mitspieler herzten ihn, das Publikum rief seinen Namen, nachher sah man ihn mit Schal und Maskottchen. Dann wurde es Montag, und gegen Mittag folgten gute Nachrichten vom Hamburger Bezirksamt-Mitte.

Die Behörde stellt ihre Nachforschungen in der skurrilen Causa Jatta ein. Sie habe die vorliegenden Unterlagen geprüft, gab Amtsleiter Falko Droßmann, SPD, bekannt. Daraus gingen "keine belastbaren Anhaltspunkte hervor, die ausländerrechtliche Maßnahmen begründen würden". Die Angaben hätten sich "im Rahmen der Anhörung nicht bestätigt." Die Entscheidung sei "aufgrund der Dokumente, die wir vorgelegt haben, folgerichtig", meint Jattas Anwalt Thomas Bliwier. Er hatte im Rahmen einer Anhörung außer einer Stellungnahme auch Jattas gültigen Reisepass eingereicht sowie zuletzt einen Auszug aus dem gambischen Geburtenregister, der offenbar erst spät auftauchte. Bakery Jatta, laut seiner Papiere geboren am 6.6.1998 in Gunjur, seit 2016 Profi beim Hamburger SV und ausgestattet mit einer Aufenthaltsgenehmigung. Fall erledigt?

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Die Mitteilung aus dem Bezirksamt-Mitte gilt als staatlicher Freispruch für Jatta. Über den hatte zunächst die Zeitschrift Sport-Bild mit ein paar Indizien den Verdacht in die Welt gesetzt, dass er vielleicht gar nicht der 21 Jahre alte Bakery Jatta sei, sondern der 23 Jahre alte Bakary Daffeh. Seither hatte es reichlich Verwirrung gegeben in Hamburgs Bezirksamt-Mitte, das für den Hamburger Bürger und Arbeitnehmer Jatta zuständig ist, sowie beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) und der Deutschen Fußball Liga DFL. Wilde Recherchen und Theorien machten die Runde.

Nacheinander der 1. FC Nürnberg, der VfL Bochum und der Karlsruher SC legten angesichts der Berichterstattung Protest gegen ihre Niederlagen gegen den HSV ein, weil Jatta mitgespielt hatte und die Personalie nicht geklärt sei. Der FC St. Pauli dagegen gab vor dem Lokalderby in zwei Wochen bekannt, an einen Einspruch nicht zu denken. Auch Hannover 96 verzichtete. "Im Fußball zählt das, was auf dem Platz passiert", teilten die Niedersachsen mit. "Alles andere hat auf Sieg oder Niederlage keinen Einfluss. Identität und Herkunft spielen auf dem Rasen glücklicherweise keine Rolle. So soll es bleiben, und deshalb wird Hannover 96 keinen Protest gegen die Niederlage in Hamburg einlegen." Nun wird sich zeigen, ob das DFB-Sportgericht seine für den 9. September geplante Verhandlung noch veranstaltet.

In Frankfurt am Main sollte dann ein Kronzeuge aus dem Senegal aussagen, er will Jatta als Daffeh erkannt haben, Daffeh spielte auch in Senegal. Allerdings ist jetzt nicht mehr klar, ob die drei Kläger bei ihren Klagen gegen den HSV bleiben. Auch müssten sie nachweisen, dass der HSV Jatta nicht hätte einsetzen dürfen und das wider besseren Wissens trotzdem getan hatte. Wäre Jatta nicht Jatta und hätte sein Arbeitgeber davon gewusst, dann könnten dem HSV theoretisch die Punkte aus seinen Einsätzen aberkannt und jenen Gegnern zugesprochen werden, die dagegen geklagt hatten, wobei die Meinungen der Juristen da erheblich auseinander gehen.

Auch beim DFB war man bis zuletzt unsicher, wie mit der Sache umzugehen sei. Doch wenn von Amtswegen nichts an den Papieren des Bakery Jatta auszusetzen ist, dann dürften auch die Funktionäre nichts dagegen haben. Anton Nachreiner, Vorsitzender des DFB-Kontrollausschusses und Präsident des Deggendorfer Landgerichts, hatte auf SZ-Anfrage kürzlich darauf hingewiesen, dass erst der Staat ermitteln müsse. So einen Fall, gab er zu, habe man noch nie gehabt.

Die seltsamen Gerüchte um Jatta stützten sich unter anderem auf die Aussagen zweier ehemaliger Trainer von Bakary Daffeh sowie auf Fotos, auf denen sich Jatta und dieser Daffeh ähnlich sehen. Die Version mit Daffeh hat auch damit zu tun, dass anfangs nicht jeder hatte glauben wollen, dass Jatta bei seiner Ankunft als unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter 2015 in Deutschland wirklich erst 17 Jahre alt gewesen sei und vor seiner Flucht durch die Wüste und übers Mittelmeer nie in einem richtigen Verein gespielt habe, ehe er beim HSV unterschrieb. Außerdem fand sich von dem früheren U 20-Nationalspieler Daffeh plötzlich keine Spur mehr. Die Bild-Zeitung entsandte sogar Reporter nach Gambia, stieß aber nur auf eine vermeintliche Stiefmutter Jattas.

Wo ist Daffeh? Der Zweitliga-Tabellenführer Hamburger SV steht geschlossen hinter seinem Stürmer. Nach seinem Tor gegen Hannover fiel Bakery Jatta, genannt Baka, seinem Trainer Dieter Hecking um den Hals. "So", sprach Hecking, "kann man ein Drehbuch schreiben. Oder auch nicht."

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Die Hamburger Behörde findet keine Anhaltspunkte, die Zweifel an der Identität des HSV-Profis stützen würden. Der Klub reagierte erleichtert - das Urteil des DFB steht noch aus.