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Holland vor der Fußball-EM:"Ich ben boos geworden"

Huntelaar sieht sich daher faktisch im Vorteil, er geizte nicht mit Vokabeln des Unmuts, nachdem ihm van Marwijk am Wochenende erklärt hatte, dass er zum EM-Start gegen Dänemark van Persie beginnen lasse. Das Gespräch auf van Marwijks Hotelzimmer hieß im Jargon der niederländischen Presse "Slechtnieuwsgesprek". Huntelaar sieht es ähnlich. "Ich ben boos geworden", erzählte er hinterher, also: "sauer, böse". Van Marwijk ist in der seltsamen Situation, sich dafür rechtfertigen zu müssen, den Torschützenkönig der Premier League aufzubieten. Aber er ist eben Dompteur einer stattlichen Meute von Alphatieren.

Huntelaar muss er nun bei Laune halten, indem er seine Entscheidung relativiert. "Ich habe Robin van Persie ja noch nicht für die komplette EM ausgewählt, ich habe Klaas-Jan gesagt, dass ich keine Entscheidungen für drei, vier Spiele treffe." Als Huntelaar gegen Nordirland nach 56 Minuten für van Persie eingewechselt wurde, hatte Letzterer zwei Tore geschossen und dem starken, zuletzt lange verletzten Linksaußen Ibrahim Afellay vom FC Barcelona zwei Torvorlagen gewährt. Huntelaar gelang hingegen wenig. Dass er sich kurz vor der EM öffentlich beklagt, verrät viel über die leichte Erregbarkeit in der mit allerhand Diven besetzten Mannschaft.

Die Zeitungen fragen nun eifrig ihre Leser, wen sie spielen lassen würden. Eine Mehrheit stimmt für den Sympathieträger Huntelaar. Van Marwijks Schwiegersohn van Bommel muss das Votum des Volkes auch aus familiären Gründen abtun: "In Holland gibt es immer Diskussionen", sagt er lächelnd, "wir sind ein kleines Land mit 16 Millionen Bundestrainern, da gehört es dazu und ist doch auch schön, dass jeder das so intensiv miterlebt und etwas dazu sagen will."

Der früher beim FC Bayern und nun beim AC Mailand spielende van Bommel tut abseits des Platzes gerne diplomatisch: "Wir haben nicht nur elf gute Spieler, sondern 23, und wenn man die EM gewinnen will, braucht man alle", sagt er - auch den Flügelstürmer Dirk Kuyt, 31, der vom FC Liverpool zu Fenerbahce Istanbul wechselt und nicht zum ebenfalls interessierten Hamburger SV.

Dänemark, Deutschland und Portugal heißen in der EM-Gruppe die Gegner. Die Frage ob ihre fragile Abwehr und ihr brüchiger Zusammenhalt dem hohen Standard der internationalen Konkurrenz widersteht, ist fraglich. "Wir haben in München (beim 2:3 gegen den FC Bayernnicht gut gespielt und gegen Bulgarien auch nicht", sagt van Bommel, "jetzt wird unser Spiel langsam besser, aber auch das ist keine Garantie dafür, dass wir bei der EM gut spielen."

Van Marwijk räumt ein, "dass wir hinten links Probleme haben". So ist nicht alles ausgeräumt, wenn die Holländer an diesem Montag ins WM-Quartier nach Krakau fliegen. Zu allen drei Gruppenspielen in Charkow reisen sie mit dem Flugzeug an und wieder ab. Zumindest bei den Bonusmeilen werden sie also zu den besten Teams gehören.

© SZ vom 04.06.2012/ebc
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