Fußball Man will sich nicht mehr für den FC Bayern schämen müssen

Der Klub teilt nur noch aus, steckt aber nicht mehr ein - höchstens mehr Geld. Und Präsident Uli Hoeneß führt sich zunehmend auf wie der Scheich von Sechzig.

Kommentar von Detlef Esslinger

Als ich in den siebziger Jahren aufwuchs, war man für Bayern oder für Gladbach. Bei mir wurde es Bayern. Wegen Maier, Breitner, Beckenbauer, Müller, Hoeneß. Eine Kochzeitschrift dachte sich 1974 zur WM ein "Bomber-Steak" aus: Rumpsteak mit einer Peperoni drauf. Großartig. Das Champions-League-Finale 1999, gegen Manchester United, schauten wir bei Freunden. Ich brachte zwei Flaschen Taittinger mit, zur Feier des Sieges. Hinterher war ich der Einzige, der nicht einmal das Glas entgegennahm. (Wem Fußball egal ist, der hat nun leider Pech gehabt; aber ich kann das hier unmöglich erklären, es tut zu weh.) 2016 war ich dafür, dass Uli Hoeneß wieder Präsident wurde; mein Handzeichen in der Mitgliederversammlung bekam er. Noch vergangenes Jahr bin ich nach Madrid geflogen, zum Viertelfinale.

Und jetzt ist mir der FC Bayern so was von egal.

Nicht wegen Kovac. Nicht wegen Rödinghausen oder Freiburg. Sondern wegen Feltham und Harlaching.

Feltham ist der Stadtteil in London, in dem eine Firma namens Dazn ihren Sitz hat; man spricht sie anders aus als man sie schreibt. Wer seit dieser Saison den FC Bayern (und die anderen deutschen Teilnehmer) in der Champions League sehen will, der bekommt die Spiele nicht mehr beim ZDF, sondern nur noch bei Sky oder bei Dazn - also nur noch bei Sendern, für die man extra bezahlen muss. Was glauben all diese FC Bayerns eigentlich, wie viel Geld noch zu ihnen umverteilt werden soll? Schon bisher hatten sie Mühe, nicht in ihrem Konto zu ertrinken.

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Nun haben sie vergessen, warum sie zu all den Abermillionen gekommen sind: weil sich ihre Veranstaltung jahrzehntelang in der größtmöglichen Öffentlichkeit abgespielt hat. Die 90 Minuten sind immer nur der kleinere Teil eines Fußballspiels. Der größere ist das die ganze Woche dauernde Reden, Schimpfen, Aufregen, Jubeln; die Gewissheit, dass man auch mit dem Bayern-Hasser im Büro nebenan am nächsten Morgen sein Thema haben würde. Irgendwie war er ja doch reingeraten und hängengeblieben beim Spiel gegen Arsenal, im ZDF. Jetzt haben sich die Bayern verzupft in die Nische des Pay-TV, in der Erwartung, ihr Produkt sei so unkaputtbar, dass dort noch viel mehr Geld zu holen ist. Wie war noch gleich der Unterschied zwischen einem Mann mit sieben Kindern und einem Mann mit sieben Millionen Euro? Der mit den sieben Millionen will mehr. Von mir: nicht.

Hoeneß mit seiner Steuergeschichte war irgendwie anrührend; er ist ins Gefängnis geschickt worden (musste auch so sein) für Geld, das er letztlich nur verzockt hatte. Rummenigge mit seiner Uhrensache war schon grenzwertiger; der Mann lebte auch vor Dazn in einer Gehaltsklasse, die ihm den legalen Erwerb von Uhren ermöglicht haben sollte. Aber diese Abart einer Pressekonferenz in Harlaching neulich? Als sie beide mit der Würde des Menschen, also von FC-Bayern-Spielern, angerückt sind? Das war schon immer ein eindeutiges Erkennungszeichen von Neureichen: dass sie in ein Milieu streben, das ihnen bisher verschlossen blieb; dass sie sich dafür etwas angelesen haben, doch die neuen Ausdrücke zuverlässig immer dann benutzen, wenn sie garantiert nicht passen.

Man verlangt nicht, dass sein Verein immer super spielt und immer gewinnt. Wenn Dortmund diesmal Erster wird und Bayern ausnahmsweise hinter Düsseldorf landen sollte: okay.

Aber man will sich nicht schämen für seinen Verein. Man will nicht, dass Hoeneß, der Flüchtlinge bewirtet und einen Image-Film der Lichterkette im Stadion ausgestrahlt hat, sich neuerdings aufführt wie der Scheich von Sechzig. Man will auch nicht, also ich nicht, dass der Verein ernsthaft eine Pressemitteilung herausgibt, um mitzuteilen, dass die Frau eines Spielers sich beim Trainer für ihren Instakram entschuldigt hat. Was ist das für eine Vereinsführung, die immer nur austeilen, aber nichts einstecken kann; außer Geld? Wenn sie das Spektakel und Gedöns nicht mehr haben will: bitte, Synchronschwimmen ist auch ein schöner Sport.

Was also tun? Man kann ja deshalb nicht den Verein wechseln; man kann sich deshalb nicht wünschen, als Anhänger jenes Münchner Klubs geboren zu sein, dessen glücklichstes Jahr fraglos das von 1859 war. Ich fürchte, ich komme wieder. Aber ich weiß noch nicht, wann.

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