Dardai bei Hertha BSC:"Ich will hier keine Last sein"

enttaeuschung bei Chef-Trainer Pal Dardai (Hertha BSC Berlin) , FC Bayern Muenchen vs. Hertha BSC Berlin, 1. Bundesliga

Nach dem 0:5 beim FC Bayern enttäuscht: Hertha-Trainer Pal Dardai.

(Foto: Christian Kolbert/kolbert-press/imago)

Nach dem desolaten 0:5 gegen den FC Bayern kokettiert Pal Dardai damit, dass er seinen Posten sofort räumen würde - er sei schließlich nur ein "kleiner, netter Trainer".

Von Javier Cáceres, Berlin

Pal Dardai, 45, ist ein Trainer mit einem guten Näschen. Vor allem für das, was um ihn herum passiert. Und nichts von dem, was er öffentlich sagt, vollzieht sich im luftleeren Raum; der Sonntag dürfte dafür ein gutes Beispiel geliefert haben. Da saß Dardai im Presseraum des Hertha-Trainingszentrums und ließ nicht nur das 0:5-Debakel beim FC Bayern München Revue passieren, das er als "schockierend" empfunden hatte, wie er unumwunden zugab. Er gab auch zum Besten, dass er ein beneidenswert freier Mann ist.

Den Kontext, in dem er das kundtat, bildeten die in vielerlei Hinsicht entwaffnende Niederlage in München und einige interessante Wortmeldungen in den sozialen Netzwerken. Sportdirektor Arne Friedrich schrieb dort, dass die Hertha die nun anstehende "Länderspielpause nutzen" werde, "uns neu ausrichten". Und: "Was wir heute (am Samstag/d. Red.) abgeliefert haben, darf und wird sich nicht wiederholen!"

Der Investor Lars Windhorst, der Hertha vor gut zwei Jahren 375 Millionen Euro versprach und dann auch bezahlte, antwortete nahezu umgehend: "Danke für die klaren Worte @arnefriedrich. Stimme uneingeschränkt zu", schrieb Windhorst, der sich schon länger fragen dürfte, ob er das Geld, das er der Hertha gab, um sie zum "Big City Club" zu formen, nicht besser in einen lodernden Kamin hätte werfen sollen; das hätte immerhin ein bisschen Wärme abgestrahlt.

"Ich hänge nicht an meinem Sitz! Ich helfe aus!", sagt Dardai

Dardai reagierte darauf nicht explizit. Dass er frei von Fesseln jedweder Art ist, betonte er dennoch. "Ich hänge nicht an meinem Sitz! Ich helfe aus!", sagte Dardai. Und: "Ich will hier keine Last sein." Als er das sprach, konnte er noch nicht einmal wissen, dass ihn Herthas CEO Carsten Schmidt coram publico für die Rechtfertigungsversuche der letzten Wochen abstrafen würde. Der Hertha hänge noch die vergangene, vom mühsam überstandenem Abstiegskampf geprägte Saison in den Kleidern, hatte Dardai gesagt.

Dem widersprach nun Schmidt: "Ich finde, dass wir gegen Wolfsburg und Köln nicht in der Psychologie die Defizite hatten, sondern teilweise in der Taktik und teilweise auch in der Bereitschaft", sagte der seit Dezember amtierende Hertha-Boss in der TV-Sendung "Doppelpass". Taktik und Bereitschaft - das sind Felder, die zu den vornehmsten Betätigungsbereichen von Trainern gehören. Und so klang Schmidts Einlassung wie die unverlangt eingesandte Erklärung dafür, dass Dardai so klar wie nie andeutete, dass er in seiner jahrzehntelangen Tätigkeit bei Hertha - er wurde Rekordspieler, Nachwuchstrainer, zweimal Retter der Bundesligazugehörigkeit - schon mal mehr Rückendeckung verspürt hat.

Dardai hatte die Hertha letztmals im vergangenen Winter von Bruno Labbadia übernommen - wie man seit Sonntag weiß: aus Pflichtgefühl und mit Defätismus. "Ich wollte das nicht machen", sagte er, denn er meinte, dass man die Hertha in dieser Situation eher Ethan Hunt anvertraut hätte, dem Helden der Kino-Serie "Mission Impossible". Dardai schaffte das Ding der gefühlten Unmöglichkeit, mithilfe des "Heiligen Geistes", wie er sagte. Er konnte damit auf die Dankbarkeit der Fangemeinde zählen - und eine Dynamik in Gang setzen, die seinen Verbleib unausweichlich machte. Darüber, ob der neue Manager Fredi Bobic wirklich zu einhundert Prozent von Dardai überzeugt war, gibt es in Berlin und der Szene reichlich Spekulationen, die auch Dardai nicht verborgen geblieben sind.

Sogar um die Perspektiven eines möglichen Nachfolgers machte sich Dardai am Sonntag Gedanken

"Im Sommer hieß es auch nicht, dass ich das unbedingt machen werde", sagte er wörtlich - und meinte damit offenkundig, dass es nicht sicher war, dass er zur Spielzeit 2021/22 auf dem Trainerstuhl bleiben würde. "Wahrscheinlich sucht Hertha seit Langem einen großen Trainer. Pal ist ein kleiner, netter Trainer", erläuterte Dardai, als fische er nach Komplimenten, und sagte sodann, dass er den Weg sofort für einen etwaigen Nachfolger freimachen würde. "Ich gehe dann auch sofort zur U16 zurück." Das zumindest ist alles andere als Koketterie. Er ist in Berlin heimisch, er braucht die Bundesliga nicht zum Lebensglück, er ist finanziell abgesichert ("Ich brauche keinen Hubschrauber"), und die Nachbarn sind auch nett, auch wenn ihn einer vor Wochenfrist beim Ausparken fragte, wie zur Hölle er kurz vor dem 2:1-Siegtor der Wolfsburger mit einem Dreierwechsel die Defensive auseinanderschrauben konnte.

Sogar um die Perspektiven eines möglichen Nachfolgers machte sich Dardai am Sonntag Gedanken. Auch gegen die Bayern trat zutage, dass der Kader gehörige Unwuchten aufweist. Es gebricht ihm an Führungsspielern, in München kam ihm die Mannschaft vor wie ein stummer Chor, in dem die neuen Stimmen gerade heiser sind. Der prominente Zugang Stevan Jovetic musste ausgewechselt werden, ebenso Rückkehrer Davie Selke, er zog sich einen Rippenbruch zu. Und der als Leader vorgesehene Kevin-Prince Boateng? Reiste gar nicht erst mit nach München - der Mann, der dem Team Rückgrat sein soll, hat's am Rücken. In der vergangenen Woche holte Hertha für kleines Geld Ishak Belfodil von der TSG 1899 Hoffenheim; am Samstag wurde die Verpflichtung des niederländischen U21-Nationalspielers Jurgen Ekkelenkamp bekannt gegeben, er spielte bislang im Mittelfeld von Ajax Amsterdam. Doch ob sie die Spieler vergessen machen können, die im letzten Jahr dem Heiligen Geist zu Diensten waren?

Córdoba? Weg! Cunha? Weg!

Torjäger Jhon Córdoba wurde nach Russland verkauft, der im Winter ausgeliehene Nemanja Radonjic ist von Marseille nach Lissabon weitergezogen, Mattéo Guendouzi ist nun bei Olympique Marseille. Und Matheus Cunha? Hatte in Berlin laut Schmidt das Mannschaftsgefüge durcheinandergebracht, werde aber nun bei Atlético Madrid gewiss einschlagen. Was zu beweisen wäre.

Doch das ist für die Berliner Gegenwart auch erst einmal irrelevant. Die Gruppe, die im Berliner Westend den x-ten Neustart vollbringen soll und nach der Länderspielpause die ersten Punkte holen muss, ist verbesserungsbedürftig. Wenn tatsächlich "ein großer Trainer" kommen sollte, bleibe zu hoffen, dass auch "ein paar große Spieler zu ihm kommen", sagte Dardai. Was ja auch eine Aussage über die aktuellen Spieler Herthas darstellt.

Immerhin: Von Schmidt kam das, was man als Rückendeckung deuten kann. Hertha sei in der vergangenen Saison "durch die Hölle gegangen", und "Pal hat sich in dieser Phase unser Vertrauen absolut erarbeitet. Wir haben auch das Vertrauen, dass er genau das, was wir jetzt brauchen, nämlich das 'Gemeinsam Hertha', jetzt schafft", fügte er hinzu. An der Aufrichtigkeit von Dardais Verbundenheit mit der Hertha bestehen nicht die geringsten Zweifel, er wird am Gemeinsam Hertha schon mitarbeiten. Nur die Frage, in welcher Rolle das geschieht, hat er selbst aufgeworfen, und sie dürfte in den kommenden Tagen für Diskussionen sorgen.

© SZ/pps/mp/bkl
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