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Hertha BSC:"Es ist wahnsinnig traurig"

Fussball Herren Regionalliga Nordost Saison 2019 2020 8 Spieltag vorgezogen Hertha BSC II; imago42081151h

Herthas U23-Trainer Andreas Neuendorf (hier bei einem Spiel gegen Wacker Nordhausen im September) versuchte zunächst, den Verfall herunterzuspielen.

(Foto: Matthias Koch/imago)
  • Beim Spiel der U23-Mannschaft gegen Lokomotive Leipzig wird Jessic Ngankam von einem Gegenspieler und gegnerischen Fans rassistisch beleidigt.
  • Hertha BSC reagiert zögerlich. Das kommt auch bei zwei Profis der ersten Mannschaft nicht gut an.

Durch eine verspätete Reaktion auf einen Rassismus-Eklat am Rande eines Spiels der eigenen Reserve ist Bundesligist Hertha BSC unter Rechtfertigungsdruck geraten. Nachdem der Klub erklärt hatte, dass er "die rassistischen Anfeindungen" gegen seinen U23-Spieler Jessic Ngankam beim Spiel gegen Lokomotive Leipzig "aufs Schärfste verurteilt", sagte das Mitglied der Geschäftsführung Paul Keuter: "Ja, wir hätten früher reagieren müssen."

Die Attacke auf Ngankam stammte vom Freitagabend; Herthas Reaktion kam erst Montagnacht zustande, im Zuge von Debatten in sozialen Netzwerken. "An unserem sehr ernst gemeinten Einsatz gegen Rassismus sollte keiner zweifeln", sagte Keuter.

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Herthas Talent Ngankam war bei der Partie rassistisch beleidigt worden. Ein Gegenspieler habe ihn als "Affen" geschmäht; die mitgereisten und einschlägig beleumundeten Lok-Fans hatten den Spieler mit Affenlauten eingedeckt. Ungeachtet dieses Kontexts und der Niedergeschlagenheit Ngankams spielte Herthas U23-Trainer Andreas Neuendorf den Vorfall zunächst herunter. "Einer sagt mal: 'Du Doofi', einer sagt mal: 'Du Esel', einer sagt mal: 'Du Affe' ... Vielleicht war es gar nicht rassistisch-politisch gemeint, deswegen will ich's nicht so hochhängen", sagte Neuendorf dem MDR.

Der Klub will in Sachen Antirassismus als Pionier gelten

Der Klub selbst ließ es zunächst mit zwei Emojis unter einem Beitrag in den sozialen Medien von Ngankam bewenden. Loks Co-Trainer Nicky Adler gab sich dagegen peinlich berührt. "Wenn es so war, ist es wahnsinnig traurig. Es gibt leider immer Unbelehrbare", sagte er.

Zusätzlich befeuert wurde die Debatte durch die Intervention von zwei schwarzen Hertha-Profis auf ihren digitalen Accounts. Verteidiger Jordan Torunarigha und Stürmer Javairo Dilrosun löschten auf ihren Instagram-Konten alle Fotos mit Hertha-Bezug. Dilrosun veröffentlichte zudem ein Foto, auf dem er einen Rollkoffer zieht, dazu den Kommentar: "Ich kann nur nach vorn schauen." Der Niederländer gilt als ein großes Stürmertalent und hatte Hertha in dieser Saison nach dem Fehlstart mit Glanzauftritten aus dem Tief befreit. Unter Trainer Jürgen Klinsmann saß er zuletzt nur auf der Bank.

Nachdem auf Twitter debattiert wurde, ob die Abwendung von Torunarigha und Dilrosun damit zu tun habe, dass der Klub sich mit einer deutlichen Reaktion auf die Ngankam-Affäre Zeit ließ, wandte sich Torunarigha an einen Fan. Man solle nicht darüber streiten, warum Hertha "erst jetzt" ein Statement abgebe, betonte er. Aus Dilrosuns Umfeld verlautete, dass die Bilder gelöscht wurden, weil der Internetauftritt des Stürmers umgebaut werde.

Für Hertha ist die Affäre unangenehm, weil der Klub gerade in den digitalen Welten und beim Thema Antirassismus als Pionier gelten will. Für Aufsehen sorgte 2017 die "Take-a-Knee"-Aktion: Das Bundesligateam imitierte vor einem Heimspiel die Kniefall-Geste, mit der American-Football-Profis in den USA damals gegen Polizeigewalt und Rassismus protestieren. Hertha wurde im Anschluss unterstellt, aus Marketinggründen einen PR-Gag inszeniert zu haben; der Klub wehrte sich vehement dagegen. 2018 reichte die Agentur Jung von Matt die Aktion dann beim PR-Bewerb "Clio Awards" ein - und landete auf dem zweiten Platz.

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