Deutschland bei der Handball-EM:Der erste Dämpfer

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Deutschland bei der Handball-EM: Enttäuschte deutsche Nationalspieler: Patrick Wiencek zieht sich nach der ersten Turnierniederlage das Trikot über das Gesicht.

Enttäuschte deutsche Nationalspieler: Patrick Wiencek zieht sich nach der ersten Turnierniederlage das Trikot über das Gesicht.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Die coronageplagten deutschen Handballer sind gegen Titelverteidiger Spanien beim 23:29 chancenlos. Schon am Freitagabend wartet der nächste Gegner Norwegen - noch ist das Halbfinale möglich.

Von Ralf Tögel

Um 13.07 Uhr konnte Alfred Gislason loslegen. Da kam die Nachricht des europäischen Handballverbandes EHF, dass sich kein weiterer deutscher Spieler bei der Europameisterschaft in Ungarn und der Slowakei mit dem Coronavirus infiziert hatte. Also blieben dem Bundestrainer fünf Stunden Zeit, seine Auswahl auf das erste Hauptrundenspiel vorzubereiten, das zweifellos wichtigste im bisherigen Turnierverlauf. Ohne Training, mit virtueller Videoanalyse (die Spieler waren bis zur Abfahrt in die Halle in ihren Einzelzimmern) und der Vorgabe, wieder ein paar kurzfristig nachgereiste Akteure in Mannschaft und System einzubauen.

Dabei musste der Isländer schon froh sein, überhaupt einen vollständigen Kader zur Verfügung zu haben. Im letzten Vorrundenspiel gegen die Polen etwa stand im nachnominierten Jogi Bitter nur ein etatmäßiger Torhüter im Kader - die beiden Stammkräfte Andreas Wolff und Till Klimpke sitzen seit geraumer Zeit isoliert in ihren Einzelzimmern, sie sind zwei der bisher insgesamt elf infizierten Profis. Eigentlich waren ja zwölf Spieler isoliert worden, aber Christoph Steinert bekam kurz vor Spielbeginn die Nachricht, dass er fälschlicherweise positiv getestet worden war. Steinert suchte im Hotel eilig seine Sachen zusammen, dann rannte er zur Halle. Die jüngste Volte dieser so kuriosen Europameisterschaft.

Der Gegner zum Auftakt in der Hauptrunde, an deren Ende die zwei Bestplatzierten in das Halbfinale einziehen, war Titelverteidiger Spanien, der das Spiel letztlich klar mit 29:23 gewann. "Wir haben zu viele Fehler gemacht", resümierte Gislason, "dann hast du gegen eine Mannschaft wie Spanien keine Chance." Die Iberer waren mit drei Siegen durch die Vorrunde spaziert, was auch der deutschen Mannschaft gelungen war, die den Nachteil der vielen Ausfälle bislang mit enormem Kampfgeist und Siegeswillen wettgemacht hatte. Zwar musste auch der spanische Trainer Jordi Ribera in Joan Cañellas und Ian Tarrafeta auf zwei wichtige Akteure verzichten, im Vergleich zu Gislason konnte er aber auf eine vergleichsweise eingespielte Mannschaft zurückgreifen.

Denn Ribera konnte im Gegensatz zu den Deutschen, die angesichts der unsicheren Lage Kontakte minimierten, mit seinem Team zweimal trainieren. Trotz allem hatte Spaniens Kapitän Gedeon Guardiola vor einem Gegner "mit viel Physis, Qualität und Ehrgeiz" gewarnt. Der spanische Abwehrspezialist spielt seit zehn Jahren in der Bundesliga, kennt die Spieler also aus dem Effeff - und er sollte zunächst Recht behalten.

Nur in der ersten Halbzeit können die Deutschen mithalten, dann bestrafen die Spanier jeden Fehler gnadenlos

Denn die deutsche Auswahl startete erneut mit viel Schwung. Julian Köster, der gegen Polen so unbekümmert aufgespielt hatte und zum "Player of the Match" gekürt worden war, traf seine ersten Würfe und half der Mannschaft, das Spiel in der ersten Halbzeit gegen den Favoriten ausgeglichen zu gestalten. 10:9 führte die DHB-Auswahl, doch die Zahl der leichten Fehler nahm zu. Und die Iberer sind ein Team, das leichte Fehler gnadenlos zu bestrafen pflegt. Gislason merkte das, nahm beim 12:14-Rückstand eine Auszeit und mahnte seine Spieler, tunlichst mit keinem größeren Rückstand in die Pause zu gehen.

Deutschland bei der Handball-EM: Bundestrainer Alfred Gislason hat nur wenig Zeit, seine Spieler aufzubauen: Schon am Freitag wartet der nächste Gegner Norwegen.

Bundestrainer Alfred Gislason hat nur wenig Zeit, seine Spieler aufzubauen: Schon am Freitag wartet der nächste Gegner Norwegen.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Das gelang noch, doch in den ersten zehn Minuten nach dem Wechsel klappte nicht mehr viel. Was einerseits der Qualität des Gegners geschuldet war, vor allem Torhüter Moreno Perez de Vargas trieb die deutschen Werfer zusehends in die Verzweiflung. Und dann zeigten sich auch noch die längst erwarteten Defizite: Ungenauigkeiten im Passspiel, fehlende Absprachen in der Abwehr, schlechte Abschlüsse. Je mehr die deutsche Auswahl abbaute, desto besser kam der Titelverteidiger in die Partie, dem in den zweiten 30 Minuten beinahe alles gelang. Gegen die abgezockten Spanier stieß die neuerlich völlig umformierte DHB-Auswahl, die dieses Spiel ja am liebsten verschoben hätte, erstmals an unüberwindliche Grenzen.

Gislason nutzte die ab Mitte der zweiten Halbzeit aussichtslose Partie, um nachnominierten Akteuren Einsatzzeit zu geben, so kamen Torhüter Daniel Rebmann, Lukas Stutzke und David Schmidt zu ihrem EM-Debüt. Linksaußen Patrick Zieker machte mit vier Treffern auf sich aufmerksam. Golla traf ebenfalls viermal, Köster dreimal.

Trotz dieser deutlichen Niederlage ist das Turnier für die Deutschen längst nicht vorbei, denn neben den souveränen Spaniern, die als klarer Gruppenfavorit anzusehen sind, liegen die Deutschen mit zwei Punkten gleichauf mit Schweden und Russland. Am Freitagabend (20.30 Uhr) geht es für die deutsche Mannschaft gegen Norwegen, falls es keine weiteren Zwischenfälle mehr gibt. Für die Spieler ging es nach der Niederlage umgehend auf die Einzelzimmer, um das zu gewährleisten.

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