Gewalt-Exzess im italienischen Fußball:Anpfiff mit 45 Minuten Verspätung

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Der an dieser Absprache maßgeblich beteiligte Kurvenanführer ist der Sohn eines Camorra-Bosses. Über den angekündigten "Streik" der Tifosi, die ihre Spruchbänder nicht ausrollten und auf die üblichen Chöre verzichteten, war die Polizei vermutlich froh. Die versprochene Stille trat dann aber nicht ein: Als mit 45 Minuten Verspätung vor dem Anpfiff die Nationalhymne gespielt wurde, ertönte von den Rängen ein gellendes Pfeifkonzert. Wenn es gegen die Symbole ihres eigenen Staates geht, sind in Italien die erbittertsten Gegner ganz schnell vereint.

Es wurde ein sehenswertes Finale, falls ein Fußballspiel unter solchen Bedingungen überhaupt noch sehenswert sein kann: flottes Tempo, konsequentes Offensivspiel, gewitzte Kombinationen. Dabei musste Fiorentina-Trainer Vincenzo Montella auf seinen dauerverletzten Angreifer Mario Gomez verzichten - wie mit einer kurzen Unterbrechung schon die ganze Saison.

Der Deutsche trainiert zwar wieder, saß aber in Rom entgegen Montellas Ankündigung nicht auf der Bank. Dorthin hatte es immerhin Gomez' Sturmpartner Giuseppe Rossi geschafft - der Italiener war seit Januar verletzt und muss wie Gomez um die WM-Teilnahme bangen. Rossi wurde 20 Minuten vor Schluss eingewechselt.

Napoli spielte als Favorit, nicht nur, weil Trainer Rafael Benítez in den vergangenen Jahren bereits andere Trophäen gewonnen hatte: den Uefa-Cup mit dem FC Valencia, die Champions League mit dem FC Liverpool, den Weltpokal mit Inter Mailand, zuletzt die Europa League mit dem FC Chelsea. Mit dem SSC Neapel hat Benítez immerhin einen Platz für die Champions-League-Qualifikation ergattert, nachdem er in dieser Saison dort nur ein kurzes Gastspiel gegeben hatte.

Wer weiß, ob der weltläufige Spanier die Querelen seiner Klubführung mit dem englischen Guardian verfolgt hat, der in dieser Woche Neapel als eine "Hochburg der Mafia" bezeichnet hatte. Diese Einschätzung kann man durchaus gewinnen, wenn man italienische Lokalzeitungen und Polizeistatistiken liest, doch der SSC Neapel reagierte empört. Eine ganze Stadt mit der Mafia in Verbindung zu bringen, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme, sei "vulgär und dumm". Es handele sich um ein längst überholtes Klischee.

Eine leider ziemlich gewagte These. Solange Italiens Fußball krampfhaft seinen verlorenen Ruf verteidigt, anstatt sich endlich auf die Lösung der eigentlichen Probleme zu konzentrieren, werden Fußballfeste in diesem Land ein unerfüllter Traum bleiben. Da kann auch der Papst nicht helfen.

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