Fußball-WM: Spanien - Schweiz:Hitzfeld als Favoritenschreck

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Für Hitzfeld ist es die erste WM als Trainer, mit 61 Jahren, er hätte das früher erleben können. 2004, am Tiefpunkt der deutschen Rumpelfüßlerkrise, sollte Hitzfeld DFB-Trainer werden, als Nachfolger von Rudi Völler, er verzichtete. Vor dem Spiel hatte sich Hitzfeld nun des ersten Bundestrainers erinnert, Sepp Herberger. Der hatte 1954 in der WM- Vorrunde, gegen die für übermächtig gehaltenen Ungarn (3:8), viele Stammkräfte nicht eingesetzt - der Bluff war der Anfang des späteren "Wunders von Bern". So weit dachte Hitzfeld nicht, er ist kein Phantast, der auf den WM-Titel mit einer Alpenrepublik hofft, er ist, wie der Zürcher Tages-Anzeiger schrieb: "der Mann mit dem Magengesicht, in dem das verinnerlichte Undertstatement liegt".

Hitzfelds - rasch verworfene - Überlegung war: Erspare deinen Besten den Europameister, der im Stil der alten Ungarn 34 seiner 35 letzten Spiele gewonnen hatte (außer: Confed-Cup 2009, USA), denn gegen Honduras und Chile könnten die Ausgeruhten später ins Achtelfinale vorstoßen, wo Hitzfeld "dann gerne ein Favoritenschreck" wäre. Dachte er - und schockte gleich die Spanier.

Vier starke Schweizer fehlten ohnehin verletzt: Streller, Spycher (beide daheim), Behrami - und Frei, der Torjäger aus Basel, für den Eren Derdiyok als Halbspitze anfing. Man nahm nicht viel Notiz vom Leverkusener, bis zur 52. Minute. Ein Langstrecken-Abschlag von Benaglio schlüpfte auf Umwegen durch Spaniens Deckung, Derdiyok steuerte allein auf das Tor zu und wurde von Keeper Casillas rustikal geblockt. Doch der nachsetzende Fernandes stocherte im Kuddelmuddel die Kugel ins Netz, 0:1. Die Bilder zum Tor: Verteidiger Pique holte sich beim Rettungsversuch eine blutige Schläfe. Und Hitzfeld reckte zum unverhofften Glück die rechte Faust in die Luft, mit eingeklemmtem Kugelschreiber - einmal nicht sein typischer Doppelfaustschüttler in Brusthöhe.

Kollege Del Bosque? Brachte, wen sonst, Fernando Torres in die Partie, dazu den quirligen Navas rechts. Und nun wurde es turbulent: Benaglio bremste Villa (60.), Iniesta (63.) und Torres (68.) schlenzten knapp vorbei, ein Hieb von Xabi Alonso klatschte an die Latte (71.), Navas zielte Zentimeter zu weit links (77.), Chancen genug für das 1:1. Nun hatte die WM ihr erstes Drama, in dem das Spiel hin und her wogte. Vis a vis? Tanzte Derdiyok wie ein Slalomartist zwei Verteidiger aus und schnibbelte den Ball an den Pfosten, beinahe das 0:2 (74). So bangte Hitzfeld noch quälend lange 20 Minuten, fünf wurden nachgespielt. Und dann war er mal wieder: ein Erfolgstrainer reinsten Wassers.

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