Süddeutsche Zeitung

Fußball-WM: Spanien - Schweiz:Der erste Paukenschlag

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Spanien dominiert die Partie gegen die Schweiz - und unterliegt mit 0:1, weil Gelson Fernandes den Ball bei einem der wenigen Konter ins Tor stochert.

Moritz Kielbassa, Durban

Als letzter WM-Favorit sollte Spanien sein Grußwort sprechen. Aus den Stühlen gehoben hatte das Niveau in Südafrika die Zuschauer bisher nicht, vom Europameister aber erwartete die Welt: Hacke, Spitze, Tore, attraktive Angriffe im Zickzackstil. Der Rahmen passte, Südafrikas Wintereinbruch fiel in Durban aus, am Indischen Ozean war es sonnig-mild. Vor dem Anpfiff umarmten sich die Trainer Vicente del Bosque (Spanien) und Ottmar Hitzfeld (Schweiz), alte Bekannte. In der Loge saß Fifa-Präsident Sepp Blatter - und staunte über seine Landsleute. Die Schweiz schaffte die erste Sensation am Kap, durch ein glückliches, tapfer erstrittenes 1:0 (0:0). Gelson Fernandes, 23, vom AS. St. Etienne, geboren auf den Kapverdischen Inseln, wurde mit seinem Tor (52.) zum Helden. Es war der erste Schweizer Sieg gegen Spanien im 19. Versuch - für den Verlierer: ein Schock aus heiterem Himmel.

Die Partie begann mit den erwarteten Rollen: Spanien passte sich die Kugel flüssig zu, die Schweizer verschoben zwischen den Roten, deren Ballbesitz in Prozent nicht weit entfernt lag von kommunistischen Wahlergebnissen. Ihre Aufstellung liest sich ja wie der Wunschzettel eines steinreichen Kluboligarchen, dabei fehlte im Luxusmittelfeld Fabregas (FC Arsenal), und im Sturm wurde der lange verletzte Torres (Liverpool) noch geschont. Es dauerte jedoch 24 Minuten, bis sich auf der Einbahnstraße Gefährliches ereignete: Iniesta (FC Barcelona), der dem Zauber mit seinen Gassenpässen oft Sinn und Ziel gibt, steckte durch zu Pique, der schlug einen Haken um Verteidiger Grichting, doch Diego Benaglio (VfL Wolfsburg) besserte mit einer Parade den Ruf der WM-Torhüter auf.

Die Schweizer waren von virtuosem Aufbauspiel so weit entfernt wie das Matterhorn vom Marianengraben. Aber: Ihre Notwehr hinter dem Ball war wacker, und mit zweckgerichtetem Ergebnisfußball hatten sie schon das vierte große Turnier in Serie erreicht. Ihre zuletzt kritisierte Defensive hielt, auch weil Stürmer Villa oft einen Schlenker zu viel machte. Grichtling foulte Iniesta einmal nah an der Strafraumkante (26.), und der zweite Innenverteidiger der Schweizer, Senderos, verletzte sich bei einer Kollision mit dem Kollegen Lichtsteiner so arg, dass er vom Feld musste (36.). Ihn ersetzte Steve von Bergen - ein Abwehrmann von Hertha BSC gegen die laut Hitzfeld "beste Mannschaft der WM". Sachen gibt´s.

Hitzfeld als Favoritenschreck

Für Hitzfeld ist es die erste WM als Trainer, mit 61 Jahren, er hätte das früher erleben können. 2004, am Tiefpunkt der deutschen Rumpelfüßlerkrise, sollte Hitzfeld DFB-Trainer werden, als Nachfolger von Rudi Völler, er verzichtete. Vor dem Spiel hatte sich Hitzfeld nun des ersten Bundestrainers erinnert, Sepp Herberger. Der hatte 1954 in der WM- Vorrunde, gegen die für übermächtig gehaltenen Ungarn (3:8), viele Stammkräfte nicht eingesetzt - der Bluff war der Anfang des späteren "Wunders von Bern". So weit dachte Hitzfeld nicht, er ist kein Phantast, der auf den WM-Titel mit einer Alpenrepublik hofft, er ist, wie der Zürcher Tages-Anzeiger schrieb: "der Mann mit dem Magengesicht, in dem das verinnerlichte Undertstatement liegt".

Hitzfelds - rasch verworfene - Überlegung war: Erspare deinen Besten den Europameister, der im Stil der alten Ungarn 34 seiner 35 letzten Spiele gewonnen hatte (außer: Confed-Cup 2009, USA), denn gegen Honduras und Chile könnten die Ausgeruhten später ins Achtelfinale vorstoßen, wo Hitzfeld "dann gerne ein Favoritenschreck" wäre. Dachte er - und schockte gleich die Spanier.

Vier starke Schweizer fehlten ohnehin verletzt: Streller, Spycher (beide daheim), Behrami - und Frei, der Torjäger aus Basel, für den Eren Derdiyok als Halbspitze anfing. Man nahm nicht viel Notiz vom Leverkusener, bis zur 52. Minute. Ein Langstrecken-Abschlag von Benaglio schlüpfte auf Umwegen durch Spaniens Deckung, Derdiyok steuerte allein auf das Tor zu und wurde von Keeper Casillas rustikal geblockt. Doch der nachsetzende Fernandes stocherte im Kuddelmuddel die Kugel ins Netz, 0:1. Die Bilder zum Tor: Verteidiger Pique holte sich beim Rettungsversuch eine blutige Schläfe. Und Hitzfeld reckte zum unverhofften Glück die rechte Faust in die Luft, mit eingeklemmtem Kugelschreiber - einmal nicht sein typischer Doppelfaustschüttler in Brusthöhe.

Kollege Del Bosque? Brachte, wen sonst, Fernando Torres in die Partie, dazu den quirligen Navas rechts. Und nun wurde es turbulent: Benaglio bremste Villa (60.), Iniesta (63.) und Torres (68.) schlenzten knapp vorbei, ein Hieb von Xabi Alonso klatschte an die Latte (71.), Navas zielte Zentimeter zu weit links (77.), Chancen genug für das 1:1. Nun hatte die WM ihr erstes Drama, in dem das Spiel hin und her wogte. Vis a vis? Tanzte Derdiyok wie ein Slalomartist zwei Verteidiger aus und schnibbelte den Ball an den Pfosten, beinahe das 0:2 (74). So bangte Hitzfeld noch quälend lange 20 Minuten, fünf wurden nachgespielt. Und dann war er mal wieder: ein Erfolgstrainer reinsten Wassers.

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SZ vom 17.06.2010/jüsc
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