WM-Ticket für die Niederlande:Van Gaal drückt auf die Wahlwiederholung

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WM-Ticket für die Niederlande: Feierbild mit Rollstuhl: Frenkie de Jong postet bei Twitter ein Jubelfoto nach der geglückten WM-Qualifikation, ganz vorne zu sehen: der verletzte Bondscoach Louis van Gaal.

Feierbild mit Rollstuhl: Frenkie de Jong postet bei Twitter ein Jubelfoto nach der geglückten WM-Qualifikation, ganz vorne zu sehen: der verletzte Bondscoach Louis van Gaal.

(Foto: Twitter)

Von der Tribüne aus dirigiert der Bondscoach die Niederlande zur WM - per Handy, aus dem Rollstuhl. Er spricht von einem "brillant" umgesetzten Plan, doch es war ziemlich knapp.

Von Ulrich Hartmann

Den Karnevals-Hit "Viva Colonia" gibt es auch auf Niederländisch. Vom Schlagerkönig Wolter Kroes gesungen, war er 2008 sogar mal die Nummer eins der dortigen Charts. Dienstagnacht hat er seinen Weg in die niederländische Volksseele zurückgefunden. Die Fußballer der Nationalmannschaft zeigten im Internet ein Kabinenvideo, in dem sie in ihren orangefarbenen Trikots wild durcheinandertanzen. "Wir sind wieder dabei, das ist prima, Viva Hollandia", singen sie inbrünstig auf Holländisch. Ja, die Niederlande sind zurück auf der Weltbühne des Fußballs. In einem Jahr spielen sie erstmals seit 2014 wieder bei einer Weltmeisterschaft mit. Wie schwer ihnen die Qualifikation dafür beim 2:0-Sieg gegen Norwegen allerdings gefallen ist, verrät viel über den Zustand des niederländischen Fußballs.

Kurz vor Beginn des ultimativen Qualifikationsspiels in Rotterdam erschien der Bondscoach Louis van Gaal in einem Rollstuhl an der geöffneten Tür einer VIP-Loge hinter der Ehrentribüne. In seinem Schoß lagen ein Notizblock und ein Handy. Während des Spiels notierte er sich Dinge. Immer wieder griff er zum Handy und drückte auf die Wahlwiederholung. Dann sah man drunten auf der Bank am Spielfeldrand den Assistenzcoach Henk Fraser die Annahmetaste seines Kopfhörers betätigen.

Fußball, WM Quali, Niederlande - Norwegen ROTTERDAM - Holland coach Louis van Gaal calls the bench during the World Cup

Mit Block und Handy auf der Tribüne: Trainer Louis van Gaal (rechts) coachte seine Mannschaft unter ungewöhnlichen Umständen zum Sieg gegen Norwegen.

(Foto: Maurice van Steen/ANP/imago)

Die Niederlande durften auf keinen Fall verlieren gegen Norwegen. Es hatte in den vorangegangenen Tagen eine Serie von unheilvollen Ereignissen gegeben. Erst verbot die Regierung wegen der Corona-Inzidenz, dass trotz 44 000 verkaufter Eintrittskarten auch nur ein einziger Zuschauer ins Stadion De Kuip kommen darf. Dann verspielten die Fußballer in Montenegro eine 2:0-Führung und brachten mit einem 2:2 ihre schon sichere WM-Qualifikation wieder in Gefahr. Und dann fiel der Bondscoach auch noch vom Fahrrad und brach sich einen Hüftknochen. "Am Sonntag", gestand van Gaal jetzt, "hatte ich Angst, dass alles noch schiefgehen könnte."

Norwegen hat ohne Erling Haaland bei einer WM nichts zu suchen

Im Regen von Rotterdam beobachtete der 70-Jährige aus seinem Rollstuhl ein fast unerträglich statisches Spiel. In jedem Sitz des Stadions steckte ein orangenes Fähnchen, das niemand schwenkte, und auf dem Platz standen zwei Tore, die niemand bedrängte. Gegentore zu verhindern, war oberste Pflicht. Als eine halbe Stunde vor Schluss aus Podgorica in Montenegro die Kunde eintraf, dass die Türkei führte, war klar, dass ein einziger Treffer der Norweger genügen würde, um die Niederlande nach der WM 2018 auch jene 2022 in Katar verpassen zu lassen. "Es ist schwierig, wenn man weiß, dass jeder Fehler fatale Auswirkungen hat", bat hinterher der Abwehrchef Virgil van Dijk um Verständnis.

Als die wie gelähmt spielenden Norweger, deren Verband im Juni per Abstimmung beschlossen hatte, die WM in Katar nicht zu boykottieren, in den letzten zehn Minuten auch nur versuchten, ein bisschen mehr Druck zu machen, schossen Steven Bergwijn (84.) und Memphis Depay (91.) die beiden Tore für die Niederlande. Es war klar zu sehen: Norwegen hat ohne Erling Haaland bei einer WM nichts zu suchen. Der Wunderstürmer ist zurzeit verletzt. "Im Hinspiel in Oslo war er der Einzige, der für Gefahr gesorgt hat", erinnerte sich Oranje-Coach van Gaal.

Ebenso wenig hilfreich waren für den norwegischen Coach Ståle Solbakken die in Deutschland beschäftigten Nationalspieler Julian Ryerson (Union Berlin), Mats Møller Dæhli (1. FC Nürnberg) und Jens Petter Hauge (Eintracht Frankfurt). Die ersten beiden saßen auf der Bank. Hauge wurde zur zweiten Halbzeit ein- und 28 Minuten später wieder ausgewechselt. Sie alle müssen die WM im Fernsehen anschauen. Norwegen war letztmals bei der WM 1998 und bei der EM 2000 dabei.

Van Gaal sagt, seine Spieler hätten den Plan "brillant umgesetzt"

Auch bei den Niederländern saßen drei Deutschland-Legionäre nur auf der Bank: der Freiburger Torwart Mark Flekken, der Dortmunder Angreifer Donyell Malen und der Wolfsburger Mittelstürmer Wout Weghorst. An Memphis Depay vom FC Barcelona geht derzeit aber kein Weg vorbei. Mit zwölf Treffern (genauso viele wie Englands Harry Kane) und sechs Vorlagen ist der 27-Jährige der Topscorer der europäischen WM-Qualifikation. Das maue Spiel gegen Norwegen entschuldigte er mit obligatem Pragmatismus. "Wir haben getan, was getan werden musste", sagte er cool wie ein Cowboy.

Als die erlösenden Treffer fielen, zeigte van Gaal in seinem Rollstuhl keinerlei Regung. Vielleicht hätte ihm gelebte Freude auch nur körperliche Schmerzen bereitet. "Wir haben 90 Minuten lang sehr kompakt gespielt", rechtfertigte er die triste, aber effektive Vorstellung seiner Mannschaft: "Die Spieler haben den Plan brillant umgesetzt." In einem anderen Zusammenhang wäre das Wort "brillant" an diesem Abend aber auch nicht zu verwenden gewesen.

Und so bedurfte es eines nächtlichen Internet-Videos und eines Gruppenfotos rund um den im Rollstuhl sitzenden Trainer, um nach einem trostlosen Fußballspiel Euphorie ins Land hinauszusenden. All die fußballerischen Versprechen, die die Niederlande weder beim EM-Achtelfinal-Aus im Sommer unter dem Trainer Frank de Boer noch in der anschließenden WM-Qualifikation unter Louis van Gaal einlösen konnten, wollen sie in 13 Monaten in Katar nachholen. Viva Hollandia!

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