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Fußball-WM in Katar:Infantino hat ein Problem

FIFA - Kongress und Wahl des Präsidenten in Paris

Gianni Infantino: Durch die US-Justiz auf Trab gehalten

(Foto: Alessandra Tarantino/dpa)

Die "Null-Toleranz"-Politik der Fifa bei Korruption lässt nur den Schluss zu, Katar die WM zu entziehen. Weltverbandspräsident Infantino wirkt allerdings so verwundbar, als hätte man in Katar etwas gegen ihn in der Hand.

Damit hat Fifa-Chef Gianni Infantino kaum gerechnet: Dass ihn die trübe Geschäftsrealität so schnell einholt. In der Virus-Krise versucht er gerade, sich als Mischwesen aus Sugar Daddy und Mutter Teresa des Weltfußballs neu zu erfinden, aber jetzt ist die Zeit der Frömmelei schon wieder vorbei. Seine Fifa hat sich ja einer "Null Toleranz" bei Korruption verpflichtet. Dass die US-Justiz nun Strafprozesse wegen Stimmkäufen bei den WM-Vergaben 2018 und 2022 einleitet, wird ihn fortan auf Trab halten.

Das Wüstenspektakel steht ja noch aus, es sind zweieinhalb Jahre hin. Sollte ein Prozess in den USA zuvor klare Beweise für Korruption zutage fördern, wäre das Vertragswerk hinfällig: weil auf krimineller Basis erstellt. Eine Null-Toleranz-Politik ließe in dem Fall nur eine Konsequenz zu: Die WM müsste Katar entzogen und andernorts veranstaltet werden. Letzteres wäre kein Problem. In Europa stünden diverse Ausrichter kurzfristig parat, vorneweg England, das bei der WM-Vergabe 2018 an Russland als erster Kandidat rausgeflogen war. Nun können die Briten nachlesen, wie dem Fifa-Funktionär Jack Warner Schmiergelder in die Karibik rübergespielt worden sein sollen.

Dass die USA ihre Anklage just jetzt publizieren, inmitten des globalen Stillstandes und kurz vor dem Platzen des für sie bedeutsamen Sommermärchen-Prozesses in der Schweiz, signalisiert zweierlei. Zum einen, dass sie die Nase voll haben von den Kapriolen der Berner Bundesanwaltschaft (BA) unter dem obskuren Michael Lauber. So viele geheime, von Lügen umwölkte Dates gab es mit Infantino, dass nicht nur das Sommermärchen, sondern alle Fußballprozesse wegen Befangenheit auf der Kippe stehen. Höchste Zeit einzugreifen, bevor eine Allianz aus helvetischen Justiz- und Fußballbuddys eine globale Strafermittlung torpediert. Dass Lauber seine Geheimtreffen mit Infantino zudem Tür an Tür mit Katars Botschaft abhielt, ist so absurd, dass es schwerfällt, da nur an die Einfältigkeit einer Top-Behörde zu glauben.

Zweitens: Infantino hat ein Problem. Werden Stimmkäufe beim WM-Zuschlag an Katar nachgewiesen, drohen immense Folgen. Dürfen in Korruptionsverdacht geratene US-Medien diese Rechte weiter auswerten? Wie würde sich ein Sponsoring für ein korruptes Sportevent aufs Geschäft global tätiger Firmen auswirken?

Infantino wirkt in Sachen Katar längst so verwundbar, als hätte man dort etwas gegen ihn in der Hand. Als er die WM 2022 auf 48 Teilnehmer aufblähen und an Co-Veranstalter verteilen wollte, senkte Doha nur kurz den Daumen, schon war der Traum vorbei. Und als jüngst die BA ein Korruptionsverfahren gegen Katars Topvertreter Nasser al-Khelaifi eröffnen wollte, zog die Fifa ihre Klage in letzter Sekunde zurück. Warum? Man habe sich privat verständigt, hieß es. Wie? Auch darüber darf nun spekuliert werden. Es ist eröffnet, das Endspiel um die WM 2022.

© SZ vom 08.04.2020
Jack Warner

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