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Fußball-WM: Interview mit Joachim Löw:"Ich habe mich geärgert, aber nicht für alle Zeit"

Vor dem Spiel gegen Argentinien: Bundestrainer Löw über die Aggressivität des Gegners und den Vergleich zwischen Özil und Messi.

SZ: Herr Löw, im Moment meldet sich in Deutschland fast jeder Bundesliga-Trainer zu Wort, um Sie in den höchsten Tönen zu loben. Interessiert Sie das, bekommen Sie das mit?

Germany's head coach Loew throws a bottle of water to the ground  during 2010 World Cup Group D soccer match against Serbia  in Port Elizabeth

Der Ärger muss raus: Joachim Löw beim Spiel gegen Serbien.

(Foto: rtr)

Löw: Ich lese bei einem Turnier grundsätzlich wenig, ich schaue außer den Fußballspielen auch nicht fern. Diese Woche habe ich den Fernseher wegen der Bundespräsidentenwahl mal kurz im Trainerraum angemacht, aber sonst nie. Auch auf Sizilien und in Südtirol im Trainingslager war der Fernseher in meinem Zimmer immer aus.

SZ: Ist Ihnen so viel Lob peinlich, werden Sie rot?

Löw: Nein, das nicht. Ich kann es ja einordnen. Als Bundestrainer lebt man immer zwischen Lob und Kritik, man darf beides nicht überbewerten. Im Übrigen gibt es noch überhaupt keinen Grund für abschließendes Lob: Wir haben bislang eine gute WM gespielt, aber das Turnier ist für uns noch nicht zu Ende. Wir wollen noch mehr.

SZ: Robin Dutt, der Trainer des SCFreiburg, sagt, Deutschland sei bei der WM eine der wenigen Nationen, bei der eine klare Handschrift erkennbar sei. Lob aus Ihrer Heimatstadt Freiburg akzeptieren Sie aber, oder?

Löw: Richtig ist, dass es bei der WM einige Teams gibt, die von großen Persönlichkeiten oder starkem Individualismus leben. Unsere Vorstellung war dagegen immer, dass wir eine eingespielte Mannschaft haben wollen, die konzeptionellen Fußball spielt. Das ist es wahrscheinlich, was Robin Dutt meint.

SZ: Also: Lob akzeptiert.

Löw: Okay, akzeptiert.

SZ: Und weiter geht's mit den Hymnen: Armin Veh, Trainer des HamburgerSV, sagt, Deutschland sei gegen Argentinien Favorit. Auch akzeptiert?

Löw: Nein, die Favoritenrolle liegt bei den Argentiniern. Sie haben im Turnier alle vier Spiele gewonnen und im März beim Test gegen uns in München auch sehr stark gespielt. Sie haben eine, ja, ich würde schon sagen: eine geniale Offensive und eine sehr routinierte Abwehr.

SZ: Gegen England gab es Szenen, die man von einer deutschen Nationalelf lange nicht mehr gesehen hat. Einmal hat Khedira den Ball hintenrum gespielt, im Doppelpass mit Müller und dann . . .

Löw: . . . es interessiert mich weniger, ob der Ball hinten- oder vornerum gespielt wird, Hauptsache, er wird richtig gespielt. Was mich interessiert: Dass die Mannschaft gelernt hat, das einfache Spiel zu beherrschen. Ballmitnahme, Spiel ohne Ball, spielen und gehen, und natürlich die Raumaufteilung - das waren die vier zentralen Themen, die wir vom ersten Trainingstag auf Sizilien an durchgekaut haben, in Theorie und Praxis. Und wir üben das weiter, bis zum heutigen Tag.

SZ: Was meinen Sie mit "spielen und gehen"?

Löw: Wir haben Spieler mit viel Potenzial, aber bei meinen Beobachtungen in der Liga habe ich festgestellt, dass das Spiel manchmal für sie erledigt ist, wenn sie den Ball abgespielt haben. Dann geht das Spiel aber weiter, dann muss man weitermachen, sich anbieten, in die abgesprochenen Räume gehen - das haben wir geübt, die Mannschaft hat es gut umgesetzt. Dadurch ist unser Spiel flüssiger und dynamischer geworden.

WM 2010: Deutschland - Argentinien

Die Magie der 85. Minute

Löw über den Vergleich Özil/Messi

SZ: Eine kritische Stimme haben wir aber doch gefunden: Jens Lehmann sagt, 2006 sei die Mannschaft defensiv besser organisiert gewesen. Hat er Recht?

WM 2010 - Deutschland - England

Joachim Löw umarmt Mesut Özil, neben Bastian Schweinsteiger der prägenden Spieler der deutschen Elf.

(Foto: dpa)

Löw: Gegen England waren wir sehr gut organisiert, aber gegen Serbien und Ghana hätten wir als Mannschaft besser verteidigen können. Defensiv sind wir sicher nicht über alle Zweifel erhaben, das betrifft aber nicht die Abwehr allein, sondern die ganze Mannschaft.

SZ: Lehmann hat auch gesagt, Mesut Özil sei im Moment besser in Form als Lionel Messi. Stimmen Sie zu?

Löw: Da kann ich nicht zustimmen. Die beiden kann man noch nicht vergleichen. Messi spielt beim fußballerisch wohl besten Verein der Welt und vor allem: Er spielt schon über Jahre auf diesem Niveau. Auch wenn er bei dieser WM noch nicht so zur Geltung kam wie in Barcelona: Von ihm geht im argentinischen Spiel alles aus. Und er hat bei dieser WM die meisten Assists von allen.

SZ: Wird Özil mal so gut wie Messi?

Löw: Wohin es mal geht bei ihm, kann man nicht voraussagen, aber es macht einfach Freude, ihm zuzuschauen. Mesut ist einer, der die einfachen Dinge perfekt beherrscht. Vieles macht er mit einer angeborenen Selbstverständlichkeit: Er nimmt den Ball in die richtige Richtung mit, weg vom Gegner, hin zum Tor. Er hat ein ausgeprägtes Orientierungsvermögen - so wie es einst Zinedine Zidane hatte und so wie es heute auch Lionel Messi hat. Mesut sieht und spürt die richtige Lösung.

SZ: Sie schwärmen ja richtig.

Löw: Ja, schauen Sie sich doch mal seine Vorlage bei unserem vierten Tor gegen England an: Er spielt den Ball im richtigen Moment dem Engländer durch die Beine, aber der Ball kommt nicht zu hart und zu weich, nicht zu kurz und nicht zu weit. Und alles sieht ganz leicht und einfach aus. Das ist die Genialität von Mesut Özil.

SZ: Ist er der begabteste Spieler, den Sie je trainiert haben?

Löw: Er muss schon noch einiges lernen. Er muss mal lernen, eine gewisse Konstanz zu zeigen, auch im Defensivverhalten muss er besser werden. Und auch bei meinem Lieblingsthema "spielen und gehen" hat er viel Luft nach oben, er ist da auch so ein Kandidat: In Bremen war es oft so, dass er einen genialen Pass gespielt hat, aber danach war das Spiel für ihn vorübergehend beendet. Aber Mesut macht enorme Fortschritte, er lernt - er macht das schon viel besser als vor fünf, sechs Monaten.

SZ: Ist es Ihnen eigentlich recht, dass Bastian Schweinsteiger die große Argentinien-Debatte angezettelt hat? Hält Ihre junge Mannschaft die Wucht dieser Debatte schon aus?

Löw: Es ist schon so, dass die Argentinier manchmal am Rande der Legalität spielen. Das sind aggressive Spieler, die den Zweikampf und den Körperkontakt lieben, sie fühlen sich dem Gegner auch körperlich überlegen. Damit reizen sie den Gegner gerne, da gibt es schon mal die eine oder andere Provokation. Darauf müssen wir uns diesmal auch wieder einstellen. Aber meine Mannschaft ist eigentlich keine, die sich von so etwas provozieren lässt. Die sind viel zu konzentriert auf ihre Aufgabe.

SZ: Nimmt man die hymnischen Kritiken für Ihre Mannschaft zum Maßstab, dann könnten Sie eigentlich selbst im Falle einer ehrenvollen Niederlage gegen Argentinien gleich zum Feiern ans Brandenburger Tor fliegen.

Löw: So weit haben wir noch nicht gedacht, bisher ist noch nichts geplant . . .

SZ: . . . aber ist es nicht so, dass Sie mit dieser jungen Mannschaft und ohne Michael Ballack eine Art Mindestziel schon jetzt erreicht haben?

WM 2010: DFB-Elf auf Safari

Dompteure im Streichelzoo

Löw über Ergebnisse

Germany's coach Loew and DFB president Zwanziger address a news conference at the Velmore hotel in Pretoria

Kein Äger mehr: Theo Zwanziger und Joachim Löw.

(Foto: rtr)

Löw: Ich bin nicht der Trainer, der immer nur alles an Ergebnissen oder Titeln festmacht. Als Trainer verspüre ich auch eine gewisse Befriedigung, wenn ich die Entwicklung und die Fortschritte dieser Mannschaft betrachte. Das wird für mich in meiner Arbeit immer ein entscheidender Punkt sein. Deshalb: Wir wollen unbedingt weiterkommen, aber wir könnten auch mit einer Niederlage gegen Argentinien weiterleben.

SZ: Sollten Sie weiterkommen, droht im Halbfinale zunächst Spanien und - in einem theoretischen Finale - Brasilien. Ganz ehrlich: Kann die Mannschaft das schon schaffen?

Löw: Von Losglück kann diesmal zumindest keine Rede sein. Wir hatten schon eine recht schwierige Gruppe, dann England, und jetzt diese Perspektive . . . Aber wenn's gut läuft, kann meine Mannschaft auch das schaffen.

SZ: Ihr Job scheint Ihnen wieder richtig Spaß zu machen. Vor ein paar Monaten - nach der öffentlich geplatzten Vertragsverlängerung, als Sie plötzlich als Raffke dastanden - schienen Sie die Lust verloren zu haben.

Löw: Nein, die Lust habe ich nicht verloren, dieser Eindruck täuscht. Natürlich hat mich diese Sache mit der Vertragsverlängerung sehr gestört, aber ich habe eingesehen, dass mein Team und ich auch Fehler gemacht haben.

SZ: Inwiefern?

Löw: In der Vorgehensweise war aus unserer Sicht auch nicht alles glücklich. Oliver Bierhoff und ich haben nach dem Scheitern der Verhandlungen eine Sitzung mit unseren Beratern einberufen und wir haben gesagt: Okay, Leute, das lief jetzt blöd, aber hätten wir vielleicht auch etwas besser machen können?

SZ: Und: Hätten Sie?

Löw: Wir hätten vielleicht vor unseren Forderungen noch mal ein Gespräch mit dem Präsidenten suchen können. Das habe ich auch versäumt. Aber ich bin kein Mensch, der sich über Monate in so was reinsteigert. Die Sache ist passiert, ich habe mich geärgert, aber nicht für alle Zeit. Die WM war mir als Ziel immer viel zu wichtig, um mich in meiner Konzentration stören zu lassen.

SZ: DFB-Präsident Theo Zwanziger hat nach dem Australien-Spiel gesagt, dass Sie als Trainer doch sicherlich mehr als nur ein einziges Turnier mit dieser entwicklungsfähigen Mannschaft spielen wollen. Hat er Recht?

Löw: Zunächst mal ist es mir wichtig zu betonen, dass es kein Problem zwischen Herrn Dr. Zwanziger und mir gibt, wie immer wieder interpretiert wurde. Wir hatten schon zwei, drei Wochen nach der geplatzten Vertragsverlängerung ein gutes Gespräch, bei dem alles auf den Tisch kam. Wie immer es nach dem Turnier weitergeht: Es hat nichts mit dem Verhältnis zum Präsidenten zu tun.

SZ: Es spricht also nichts mehr dagegen, als Bundestrainer weiterzumachen?

Löw: Dazu will ich mich noch nicht äußern. Ich werde mir nach diesem Turnier überlegen, was meine nächsten Schritte sein sollen. Was habe ich vor? Und in welcher Besetzung? Das erste Gespräch werden wir Trainer und Oliver Bierhoff führen, und sonst niemand.

SZ: Werden Sie sich in der Heimat überhaupt wieder zurechtfinden?

Löw: Das wird sicher schwierig nach über 50 Tagen, da werde ich mich bestimmt erstmal einsam fühlen.

SZ: Werden Sie die eigene Frau wieder erkennen?

Löw: Die erkenne ich wieder, keine Sorge.

© SZ vom 03.07.2010/jüsc
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