Spaniens Frauenteam:Meuterei per E-Mail

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Spaniens Frauenteam: Gemeinsame Absage: Fünfzehn Spanierinnen erklären wortgleich, nicht an den nächsten Spielen des Nationalteams teilnehmen zu können.

Gemeinsame Absage: Fünfzehn Spanierinnen erklären wortgleich, nicht an den nächsten Spielen des Nationalteams teilnehmen zu können.

(Foto: NurPhoto/Imago)

Fünfzehn spanische Nationalspielerinnen erklären sich außerstande, für ihr Land aufzulaufen. Sie streben offenbar die Absetzung von Trainer Vilda an. Der Verband will die Fußballerinnen nun in die Knie zwingen.

Von Javier Cáceres

Am Donnerstagabend machte es auf dem E-Mail-Server des spanischen Fußballverbandes RFEF um 19.00 Uhr fünfzehn Mal "pling". Und das setzte die RFEF in Brand.

Fünfzehn Spielerinnen des spanischen Nationalteams - zu denen die knieverletzte Weltfußballerin Alexia Putella vom FC Barcelona nicht zählt - schickten wortgleich formulierte elektronische Briefe an die RFEF, in denen sie erklärten, wegen ihres "emotionalen und damit gesundheitlichen Zustands derzeit außerstande" zu sein, an den nächsten Spielen des Nationalteams teilzunehmen. Man stehe erst wieder für Länderspiele zur Verfügung, wenn "die Lage" korrigiert worden sei. In welcher Form? Das ergab sich aus der geharnischten Antwort des Verbands: "Die RFEF wird nicht zulassen, dass die Spielerinnen die Fortdauer der Amtszeit des Nationaltrainers und seines Teams infrage stellen."

Spaniens Frauenteam: Schwierige Zusammenarbeit: Zwischen Trainer Jorge Vilda (links) und seinem Team um Kapitänin Irene Paredes (rechts) knirscht es offenkundig gewaltig.

Schwierige Zusammenarbeit: Zwischen Trainer Jorge Vilda (links) und seinem Team um Kapitänin Irene Paredes (rechts) knirscht es offenkundig gewaltig.

(Foto: Miguel Tona/Imago)

Vor ein paar Wochen schon sollen die Nationalspielerinnen den Kopf von Jorge Vilda gefordert haben - was sie Anfang September bei einer Pressekonferenz dementierten. In Medienberichten war von tiefen sportlichen Divergenzen die Rede. Sie brachen nach der enttäuschend verlaufenen EM 2022 in England auf; Spanien schied im Viertelfinale aus. Demnach hätten sich die Spielerinnen über Vildas angebliche Inkompetenz beklagt. Er beachte Reservistinnen nicht und lasse falsch trainieren.

Am Freitagabend folgte ein Kommuniqué der Spielerinnen. Sie beteuerten, keinesfalls die Absetzung Vildas zu fordern. Sie widersprachen der Darstellung des Verbandes, sie seien aus der Nationalelf zurückgetreten. Man wolle nur "konstruktiv und offen" dazu beitragen, dass sich die Leistungsfähigkeit des Frauenteams verbessere. Während sich die Spaniens Öffentlichkeit fragte, ob das wohl alles sei - es gibt keine Hinweise darauf, dass es anders sein könnte -, schäumte der Verband. Es handele sich um eine "Situation, die in der Geschichte des Fußballs, sowohl der Männer wie auch der Frauen, beispiellos ist, sowohl auf spanischem Gebiet wie weltweit".

Die Spanierinnen werden unterstützt: US-Fußballerin Megan Rapinoe bezeichnet sich als "16. Spielerin"

Das freilich lässt sich widerlegen: Die Frauenteams des FC Barcelona und von Real Madrid erzwangen per Epistel die Absetzungen ihrer jeweiligen Trainer Lluís Cortés (2017) und David Aznar (2021). Allerdings: Bei Männerteams zählt das geschriebene Wort nur selten zum modus operandi, wenn ein missliebiger Coach abgesetzt werden soll; berühmt wurde aber nur der Fall des Männerteams der Franzosen bei der WM 2010, sie zwangen ihren Trainer Raymond Domenech zur Verlesung eines Kommuniqués. Millionenschwere Männerprofiteams liefern ein paar schlechte Spiele ab und garnieren das mit diskret platzierten Andeutungen über taktische Fehler des Vorgesetzten in Fachmedien. Die Spanierinnen haben, immerhin, die Unterstützung der US-Nationalspielerin Megan Rapinoe. Sie könnten auf sie "als 16. Spielerin" zählen, schrieb die Fußballikone der Frauen.

So oder so: Die Reaktion der RFEF war der Wink mit dem Zaunpfahl, der höher geriet als der nach Picasso benannte Wolkenkratzer in Madrid. "Gemäß der geltenden spanischen Gesetze wird die Missachtung einer Berufung in ein Nationalteam als schweres Vergehen angesehen, das Sperren von zwei bis fünf Jahren nach sich ziehen kann", schrieb die RFEF.

Die RFEF teilte aber auch mit, die Abtrünnigen gar nicht berufen zu wollen. "Der Verband wird nur auf Fußballerinnen zählen, die sich verpflichtet fühlen - und wenn er mit Jugendlichen auflaufen muss." Die Rebellinen würden erst dann wieder für Spanien spielen dürfen, wenn sie ihren "Fehler" eingesehen und "um Vergebung gebeten" hätten. Auch Sportminister José Manuel Franco schaltete sich ein: "Dein Land zu repräsentieren, ist das Höchste, wonach ein Spanier streben kann!", rief er im Rundfunksender Cope. Dem Vernehmen nach meinte er die Spanierinnen übrigens gleich mit. Wie es nun weitergeht, ist offen. Eine Fortsetzung des Dramas um die Rebellion der Fünfzehn gilt aber als gewiss.

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