Fußball-Regionalliga:Vom Böllerwurf zum Aufstiegskrimi

Lesezeit: 3 min

Fußball-Regionalliga: Mit Rückenwind: Am Wochenende feierten die Spieler von Rot-Weiss Essen unverhofft den Sprung an die Tabellenspitze.

Mit Rückenwind: Am Wochenende feierten die Spieler von Rot-Weiss Essen unverhofft den Sprung an die Tabellenspitze.

(Foto: K. Hoeft/frontalvision.com/Imago)

Rot-Weiss Essen gegen Preußen Münster: Das emotionalste Meisterduell findet in der West-Staffel der vierten Liga statt. Würde der Fall nach historischer Gerechtigkeit entschieden, wäre der Sieger klar.

Von Ulrich Hartmann, Düsseldorf

Fußballspiele zwischen den nordrhein-westfälischen Traditionsklubs Rot-Weiss Essen und Preußen Münster gehen selten ohne schwere Randale vonstatten, das liegt an der erbitterten Rivalität zweier eskalationsbereiter Fanlager. Deshalb ist es tröstlich, dass das emotional heißeste Duell seit Langem an diesem Samstag mit 70 Kilometern Distanz ausgetragen wird. Im Fernduell geht es für beide um den Aufstieg in die dritte Liga. Für Essen ist es das wichtigste Spiel der jüngeren Vereinsgeschichte, man weiß nicht, wie sich die Enttäuschung der Fans entladen würde, sollte Essen auch im dritten Jahr nacheinander knapp am Aufstieg scheitern. "Unser Publikum ist noch mal emotionaler als anderswo", weiß der Geschäftsführer Marcus Uhlig.

Das bisher letzte direkte Duell zwischen Rot-Weiss und Preußen ging vor drei Monaten mit einem katastrophalen Knalleffekt zu Ende: Ein Böllerwurf aus dem Essener Fanblock sorgte für einen Spielabbruch kurz vor Schluss - beim Stand von 1:1. Zwei Preußen-Spieler erlitten ein Knalltrauma, Münster bekam vom Sportgericht nachträglich den Sieg zugesprochen.

Auch deshalb kommt es nun zum ultimativen Showdown. Vor dem letzten Spieltag liegen beide punktgleich an der Spitze der Regionalliga West. Sollte Essen (gegen Rot Weiss Ahlen) erneut scheitern und am Ende doch Münster (gegen den 1. FC Köln II) aufsteigen, müsste man dies letztlich auf jenen Böllerwurf zurückführen, auf die irre Tat eines vorbestraften Einzeltäters aus Marl, den die Behörden nicht mal dem Essener Fanlager zurechnen.

Neun Monate dauert die Saison, 37 Partien haben beide absolviert. Nach zwei Mal 55,5 Stunden Viertliga-Fußball wird die Angelegenheiten nun also binnen 90 Minuten entschieden. Beim Torverhältnis ist Essen quasi um drei Treffer voraus (zwei in der Differenz, plus mehr erzielte Tore). Das Stadion an der Hafenstraße ist am Samstag mit 16 500 Zuschauern ausverkauft, das Preußenstadion mit 14 300. Beide Klubs hätten vermutlich doppelt so viele Karten verkaufen können. Würde der Fall nach historischer Gerechtigkeit entschieden, müsste Essen das Rennen machen. Denn während die Münsteraner erst im zweiten Jahr nacheinander viertklassig spielen, versuchen die Rot-Weissen schon seit elf Jahren, die vierte Liga zu verlassen.

Zuletzt war Essens Pech kulminiert. Vor zwei Jahren wurde die Saison wegen Corona abgebrochen, bevor Essen zu einem Schlussspurt ansetzen konnte - stattdessen stieg der SC Verl als West-Vertreter in der Relegation gegen Lok Leipzig auf. Vor einem Jahr schwächelten dann zuvor lange Zeit souveräne Essener just zum Saisonende, Profiteur war Borussia Dortmund II. Zwischen Februar 2020 und Februar 2021 hatte Essen zwölf Monate lang kein Pflichtspiel verloren und im DFB-Pokal Arminia Bielefeld, Fortuna Düsseldorf und Bayer Leverkusen rausgeworfen. Doch der erneut knapp verpasste Aufstieg setzte danach dem Verein und den Fans zu.

Essen würde zum dritten Mal knapp scheitern - in der Vorwoche wurde sogar noch der Trainer gewechselt

Es könnte auch die Angst vor dem dritten unglücklichen Aufstiegsscheitern in Serie gewesen sein, die die Essener Verantwortlichen in der Vorwoche dazu bewog, den Cheftrainer Christian Neidhart freizustellen und ihren Sportdirektor Jörn Nowak für gerade mal zwei verbleibende Saisonspiele zum Teamchef zu ernennen. "Wir wollten noch mal einen Impuls setzen", sagt Geschäftsführer Uhlig. Beim 3:0 vorigen Samstag in Rödinghausen habe dieser Schachzug "gut funktioniert", so Uhlig, "nun geht es darum, dies genauso gegen Ahlen anzugehen."

Die Münsteraner waren bereits auf dem besten Weg, sich als Tabellenführer durchzusetzen, ehe sie sich am vergangenen Wochenende beim SC Wiedenbrück ein 0:0 erlaubten und Platz eins an Essen verloren. "Danach mussten wir uns erst mal schütteln", sagt Preußen-Sportchef Peter Niemeyer. Jetzt werde man aber noch mal alles reinlegen. "Grundsätzlich gehören beide Traditionsklubs, Preußen Münster und Rot-Weiss Essen, mindestens in die dritte Liga", findet Niemeyer. Die Diskrepanz unter den Klubs in der Regionalliga sei generell groß: "Da hat die dritte Liga schon eine andere Dimension und ist für uns ein großer Anreiz."

Fußball-Regionalliga: Ohren zuhalten! Spieler von Preußen Münster nach dem Böllerwurf aus der Fankurve während des Spiels gegen Essen im Februar.

Ohren zuhalten! Spieler von Preußen Münster nach dem Böllerwurf aus der Fankurve während des Spiels gegen Essen im Februar.

(Foto: Markus Endberg/Imago)

Ihre besten Zeiten hatten beide Klubs in den Fünfzigerjahren. Münster verlor 1951 in Berlin das Endspiel um die deutsche Meisterschaft gegen Kaiserslautern. Essen wurde 1953 gegen Alemannia Aachen Pokalsieger und 1955 Meister gegen Kaiserslautern. 1963 war Preußen Münster Gründungsmitglied der Bundesliga, stieg aber direkt ab und kehrte auch nie zurück. Essen spielte sieben Jahre in der Bundesliga, stieg aber bereits 1977 zum bisher letzten Mal ab.

Der Böllerwurf vor drei Monaten spielt für beide Klubs vor dem Showdown keine große Rolle mehr. "Das war für alle Beteiligten blöd, ist aber jetzt ad acta gelegt", sagt Niemeyer. In Essen wollen sie erst nach der Saison entscheiden, ob sie den Täter verklagen. Der Schaden könnte, falls Rot-Weiss nicht aufsteigt, enorm sein, sechsstellig, vielleicht siebenstellig, aber zu holen wäre bei dem Täter ohnehin nichts.

Der Aufstieg in die dritte Liga, das haben sie in Essen gelernt, ist Schwerstarbeit. Noch in dieser Woche mussten sie einen letzten Seitenhieb aus Münster abwehren. Im Internet witzelte einer von drei Fanbeauftragten des SC Preußen zynisch: "Am 14.5. dann bitte Freudenböller auf die Ahlener Spieler werfen, aber nur falls notwendig und sich kein Essener Idiot finden sollte; der Aufstieg wird aber in Münster gefeiert." Jener Fanbeauftragte wurde von Preußen Münster noch am selben Tag von seinen Aufgaben entbunden.

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