bedeckt München

Rassismus-Vorfall in der Champions League:Thiam warnt vor "zwei unversöhnlichen Lagern"

Rassismusdebatte der Süddeutschen Zeitung in Berlin, 2020

Pablo Thiam, 46, bestritt 311 Bundesliga-Spiele.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

Der frühere Bundesligaprofi will die Vorfälle in Paris lieber nicht "grob rassistisch" nennen - und wirbt stattdessen für einen konstruktiven Umgang.

Von Javier Cáceres

Der frühere Bundesligaprofi Pablo Thiam plädiert für einen differenzierten Blick auf den Rassismus-Eklat von Paris. Der sportliche Leiter der U23 des VfL Wolfsburg sprach gegenüber der SZ von einer "unglücklichen Äußerung in einer hitzigen Gesamtkonstellation". Es falle ihm deshalb schwer, von einem "grob rassistischen" Ausfall des Vierten Offiziellen der Champions-League-Partie zwischen Paris Saint-Germain und Basaksehir Istanbul (5:1) zu sprechen "und deswegen auf die Barrikaden zu gehen", sagte Thiam.

Die Partie zwischen PSG und Basaksehir war am Dienstagabend unterbrochen und erst am Mittwochabend zu Ende gespielt worden. Der Assistenztrainer des türkischen Teams, der Kameruner Pierre Webó, hatte sich von einem Schiedsrichter verunglimpft gefühlt. Der Vierte Offizielle hatte den Spielleiter auf ein mögliches Fehlverhalten Webós hingewiesen - und diesen in Rumänisch als "negru" bezeichnet, als Schwarzen. Webó sah sich als "negro" erniedrigt und beschwerte sich lautstark.

Thiam warb um Verständnis für die Erregung von Webó sowie Spielern wie Kylian Mbappé (PSG) oder dem ehemaligen Hoffenheimer Demba Ba (Basaksehir). Sie führten eine Solidarisierung an, die den zwischenzeitlichen Abbruch der Partie von Paris zur Folge hatte. Man dürfe die jahrelangen Diskriminierungs-Erfahrungen dieser Spieler nicht außer Acht lassen, sagte Thiam. Grundsätzlich warb er "um einen konstruktiven Umgang mit dem Thema", es müsse verhindert werden, dass "zwei unversöhnliche Lager gebildet werden, die sich bekriegen". Die Debatte müsse um grundlegendere Fragen kreisen - nämlich darum, dass im Fußball die Hautfarbe eines Spielers, eines Coaches oder eines Trainerstabmitglieds keine Rolle spielen dürfe.

In England wiederum nahm der ehemalige Nationalspieler John Barnes den Vierten Offiziellen in Schutz. "Warum soll man einen schwarzen Mann nicht als schwarz bezeichnen?", fragte er. Ähnlich äußerte sich Torwart Carlos Kameni (Espanyol), mit dem Webó einst in der kamerunischen Nationalmannschaf zusammenspielte: "Es war kein Rassismus." Der Rassismusbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der frühere Bundesligaprofi Cacau, forderte dagegen in der Bild, der Vierte Offizielle müsse "hart bestraft" werden. Ähnlich äußerten sich Organisationen wie "Fans Against Racism".

© SZ/moe/fse
Zur SZ-Startseite

Paris gegen Basaksehir
:Kniend um den Mittelkreis

Beim deutlichen Sieg von PSG im tags zuvor abgebrochenen Spiel gegen Basaksehir setzen beide Mannschaften und das Schiedsrichter-Team Zeichen gegen Rassismus.

Von Martin Schneider

Lesen Sie mehr zum Thema