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Fußball in England:Tottenham tappt im Übermut in die Falle

Chelsea v Tottenham Hotspur - The Emirates FA Cup Semi-Final

Entscheidender Mann: Tottenham kommt zweimal gegen Chelsea zurück, das 3:2 durch Hazard können die Hotspur dann allerdings nicht mehr kontern.

(Foto: Richard Heathcote/Getty Images)
  • Schon wieder kann Tottenham nicht gegen Chelsea gewinnen.
  • Im FA-Cup-Halbfinale steht es am Ende 4:2 für Chelsea, weil die "Blues" abgezockter spielen.
  • Leidet Tottenham unter einer Wembley-Phobie?

Von Sven Haist, London

Fluchtartig verließen die Fans der Tottenham Hotspur ihre Sitzplätze. Keiner von ihnen wollte es ertragen, die eigene Mannschaft in Wembley wieder verlieren zu sehen. Von den Stadiontoren rannten einige gar zur nahe gelegenen Bahnstation. So schnell wie möglich weg, einfach weg von den Erinnerungen an das Stadion und den FC Chelsea, den Stadtrivalen, der den Spurs in der jüngeren Vergangenheit schon so einige desillusionierende Momente zugefügt hatte.

Da wäre das verlorene Ligapokalfinale im März 2015, als Chelsea den Emporkömmlingen aus Tottenham in der Debütsaison ihres Trainers Mauricio Pochettino den Titel wegschnappte. Die Schmähgesänge in der vergangenen Spielzeit, als ein Unentschieden der beiden Vereine den Traum der Spurs von der ersten Meisterschaft in der Premier League beendete.

Die Gedanken an diese Erlebnisse kamen nun in die Köpfe der Fans zurück. Und auch in die der Spieler: An der Seitenlinie kauerte Spielmacher Dele Alli nach Abpfiff am Boden, Harry Kane lief am Mittelkreis in sich gekehrt umher. Begutachtet vom traurigen Blick des Vorsitzenden Daniel Levy auf der Ehrentribüne.

"Chelsea war abgezockter"

Chelseas 4:2 (2:1) im Halbfinale des FA-Cups hat Wunden aufgerissen bei Tottenham, von denen der Verein bereits überzeugt gewesen ist, dass sie verheilt waren. "Wir sind sehr enttäuscht", sagte Pochettino. "Ich finde, dass wir mehr verdient hätten, weil wir das Spiel dominiert haben. Aber Chelsea war abgezockter." Chelsea benötigte für vier Tore lediglich fünf Torschüsse.

Seit 1991 warten die Tottenham Hotspur auf einen Pokalsieg in England. Über die siebte Halbfinalniederlage nacheinander ließe sich ja drüber hinwegsehen (Pochettino: "Ich kann die Vergangenheit nicht ändern"), aber vermutlich bleibt es nicht bei dieser Auswirkung. Das verlorene Spiel dürfte ebenso Einfluss nehmen auf die Entscheidung in der Meisterschaft. Zeitweise besaß Chelsea einen Vorsprung von 13 Punkten auf den Tabellen-Zweiten Tottenham. Mit dem besten Lauf seit 1967 (sieben Erfolge am Stück) und dem Heimnimbus (noch ungeschlagen an der White Hart Lane) reduzierten die Spurs den Rückstand auf vier Punkte. Das Momentum schien gekippt zu sein - bis Chelseas Nemanja Matic am Samstagabend den Ball aus 30 Metern Entfernung zum Endstand in den Torwinkel knallte. Und Chelsea damit ins FA-Cup-Finale am 27. Mai.

Tottenhams Phobie hält also an: vor Chelsea, vor Wembley. Zum Leidwesen der Spurs trägt der englische Verband seit Dekaden im Pokal die Halbfinals und das Endspiel im Nationalstadion aus. Von den vergangenen neun Spielen haben die Spurs dort bloß eines gewonnen. Das kostete den Klub schon das Überstehen der Gruppenphase in der Champions League und jegliche Ambitionen in der Europa League. Die internationalen Partien hat Tottenham ins Wembley verlegt, weil die Umbaumaßnahmen an der eigenen Arena zu gravierend sind. In der kommenden Saison droht das Szenario gar für jede Partie.

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