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Fußball im Münchner Olympiastadion:Historischer Ort

Sie sahen: 1120 Fußballspiele. 1988 gewann Holland hier das EM-Finale gegen die UdSSR 2:0, Marco van Basten schoss volley, fast von der Grundlinie. Ein Jahrhunderttor. 1994 schoss Thomas Helmer gegen Nürnberg am Kasten vorbei, aber der Schiedsrichter gab den Treffer. Ein Jahrhundertphantomtor. 1997 trat Jürgen Klinsmann, ausgewechselt gegen Freiburg, vor Wut ein Jahrhundertloch in eine Werbetonne.

1997 gewann Dortmund gegen Turin die Champions League, Lars Ricken traf mit einem Heber aus dreißig Metern zum 3:1. Noch ein Jahrhunderttor. 2004 verschoss Francis Kyoyo in diesem Stadion einen Elfmeter gegen Berlin und fing an zu weinen, weil er ahnte: Sein Verein würde absteigen. Sein Verein war 1860, in Giesing zu Hause, im Olympiastadion auf Besuch, aber nie so alleingelassen und fremd wie danach in der Allianz-Arena.

2005 wurde das Olympiastadion in den Ruhestand geschickt. Man hätte es vielleicht modernisieren können, fit machen für den neuen Kommerzfußball. Aber würde man den Mythos dieses Stadions nicht beschädigen, wenn man es umbaute? Es stritten Fans, Architekten, Puristen und Geldmenschen, einer von ihnen war Franz Beckenbauer, der die Debatte bald satt hatte und sagte, es werde sich doch ein Terrorist finden, der das alte Stadion in die Luft jagt. Für diejenigen, die die Geschichte des Olympiastadions im Gedächtnis hatten oder sogar im Herzen, klang das wie ein bemerkenswert dämlicher Kommentar.

Die Bayern sind dann umgezogen, sie spielen jetzt in Fröttmaning, und über das Olympiastadion senkte sich eine beklemmende Ruhe wie über einen Rentner, der eigentlich gern noch arbeiten will. Es gab seitdem Konzerte da, Kirchentagsgottesdienste, Skiwettbewerbe und Flohmärkte; große Events, aber alle zu klein für dieses Stadion.

Es gab auch eine Weinmesse, sie hieß Weinwelt, und wer auf Youtube das Video dazu anklickt und die Weintrinker mit ihren Gläsern sitzen sieht, im Hintergrund die traurig lächelnden Schalensitze, den beschleicht so ein Gefühl, so ein Kratzen im Hals. Der versteht - auf das Stadion bezogen - den Begriff Weinwelt anders, als er gemeint ist. Also richtig.

Jetzt sind es nur noch ein paar Wochen bis zum Frauenfußballfinale in der Champions League. Das Münchner Olympiastadion: Der Platzwart wird die Linien kalken, der Rasen wird sattgrün sein, und sicher ist die Hütte voll. Etwas wird sein wie früher. Der kalte Wind wird über die Reporterplätze schleichen, wenn aus den Lautsprecherboxen diese Hymne donnert, Football's coming home.

Oft steht sie für nichts, manchmal für alles.

© SZ vom 13.03.2012/jbe
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