Süddeutsche Zeitung

Fußball im Münchner Olympiastadion:Damenbesuch in der alten Hütte

Ein Ort, der im Sport gleich mehrfach Geschichte schrieb, erfindet sich neu: Das Münchner Olympiastadion ist wie ein Rentner, der gerne noch arbeiten würde, es beherbergt Banales wie Rockkonzerte, Flohmärkte und Weinmessen - nun wird dort endlich wieder einmal richtiger Fußball gespielt, wenn die besten Frauenteams Europas sich hier messen.

Im Münchner Olympiastadion wird wieder Fußball gespielt, das Champions-League-Finale der Frauen, und auch wenn zur Garstigkeit neigende Menschen jetzt behaupten werden, das könne man so nicht sagen, Frauenfußball sei kein richtiger Fußball - geschenkt. Im Münchner Olympiastadion wird wieder Fußball gespielt, welche Teams antreten, steht noch nicht fest, aber es wird ein Ereignis werden im Mai.

Dafür sorgt das Olympiastadion, es ist größer als die Fußballerinnen, größer als die Kritiker der Fußballerinnen. Das Olympiastadion ist sozusagen der Helmut Schmidt der Sportarenen. Und wenn es jetzt wiederbelebt wird, ist es so, als wäre Schmidt noch mal für einen Tag Bundeskanzler.

Den Leuten gefällt der Gedanke, wenn ein Mensch - oder ein menschgewordenes Bauwerk - aus dem Ruhestand geholt wird, weil dann Erinnerungen an alte Geschichten sanft wachgerufen werden. Das Münchner Olympiastadion ist gebaut aus Steinen, Acrylglas und Erinnerungen. Und es hat eine Geschichte wie kein anderes Stadion in Deutschland.

Jeder hat schon mal Schnipsel aus alten Dokumentarfilmen gesehen, Eröffnung der Olympischen Spiele 1972. Ein Spätsommertag, der Himmel münchnerisch blau. Man sieht, wie die Mannschaft Israels sich auf den Weg macht, eine Runde durchs Stadion. Der Fahnenträger vorweg, dann die kleine Delegation. Blaue Anzüge und Kostüme, weiße Sommerhüte mit himmelblauem Band. 27 Jahre nach dem Ende der Nazis trat ein israelisches Team in Deutschland an, wenige Kilometer entfernt von Dachau.

Elf Tage später lagen elf Mitglieder dieser Mannschaft tot im Quartier im Olympiapark oder am Flughafen Fürstenfeldbruck, überfallen, gekidnappt, ermordet von palästinensischen Terroristen. So fing die Geschichte dieses Stadions an, mit einer Tragödie. Aber wenn sich in diesem eigenartigen Raum, den man "kollektives Gedächtnis" nennt, der Gedanke festgesetzt hat, die Spiele in München seien, trotz allem, auch ein liebenswürdiges Ereignis gewesen, dann hat das bestimmt auch mit dem Stadion zu tun und seiner Ausstrahlung.

Mit dem Glasdach, das Licht und Luft durchlassen sollte, beflügelnd wirkend, nicht beengend. Mit den Menschen, die vor der Nacht des Attentats begeistert jubelten und nach der Nacht des Attentats versuchten, die Athleten fair zu unterstützen. Obwohl vielen, Athleten und Zuschauern, nicht nach Feiern zumute war. Das Olympiastadion ist auch ein Ort, wo sich alle, verzweifelt oder trotzig entschlossen, den Wirkkräften des Terrors entgegengestellt haben. Indem sie weitermachten.

So fing es an. Die Dramen, die danach in diesem Stadion erzählt wurden, waren harmlos, aber bedeutsam für Fußballfans, denn es wurde jetzt ja Fußball gespielt in der grünen Mitte der Arena. Die deutsche Nationalmannschaft wurde hier Weltmeister, die Bayern Müller, Breitner, Maier wurden Stars in diesem Stadion, Beckenbauer sogar zum Weltstar.

Der FC Bayern stieg auf zum wichtigsten Verein der Landes, alle zwei Wochen hatte das Theater geöffnet, und auf den Tribünen war es zugig, ein merkwürdiger, nur in diesem Stadion registrierbarer Wind brachte das Papier der Journalisten zum Zittern, die damals noch richtige Blätter in richtige Schreibmaschinen spannten für ihre Spielberichte.

Historischer Ort

Sie sahen: 1120 Fußballspiele. 1988 gewann Holland hier das EM-Finale gegen die UdSSR 2:0, Marco van Basten schoss volley, fast von der Grundlinie. Ein Jahrhunderttor. 1994 schoss Thomas Helmer gegen Nürnberg am Kasten vorbei, aber der Schiedsrichter gab den Treffer. Ein Jahrhundertphantomtor. 1997 trat Jürgen Klinsmann, ausgewechselt gegen Freiburg, vor Wut ein Jahrhundertloch in eine Werbetonne.

1997 gewann Dortmund gegen Turin die Champions League, Lars Ricken traf mit einem Heber aus dreißig Metern zum 3:1. Noch ein Jahrhunderttor. 2004 verschoss Francis Kyoyo in diesem Stadion einen Elfmeter gegen Berlin und fing an zu weinen, weil er ahnte: Sein Verein würde absteigen. Sein Verein war 1860, in Giesing zu Hause, im Olympiastadion auf Besuch, aber nie so alleingelassen und fremd wie danach in der Allianz-Arena.

2005 wurde das Olympiastadion in den Ruhestand geschickt. Man hätte es vielleicht modernisieren können, fit machen für den neuen Kommerzfußball. Aber würde man den Mythos dieses Stadions nicht beschädigen, wenn man es umbaute? Es stritten Fans, Architekten, Puristen und Geldmenschen, einer von ihnen war Franz Beckenbauer, der die Debatte bald satt hatte und sagte, es werde sich doch ein Terrorist finden, der das alte Stadion in die Luft jagt. Für diejenigen, die die Geschichte des Olympiastadions im Gedächtnis hatten oder sogar im Herzen, klang das wie ein bemerkenswert dämlicher Kommentar.

Die Bayern sind dann umgezogen, sie spielen jetzt in Fröttmaning, und über das Olympiastadion senkte sich eine beklemmende Ruhe wie über einen Rentner, der eigentlich gern noch arbeiten will. Es gab seitdem Konzerte da, Kirchentagsgottesdienste, Skiwettbewerbe und Flohmärkte; große Events, aber alle zu klein für dieses Stadion.

Es gab auch eine Weinmesse, sie hieß Weinwelt, und wer auf Youtube das Video dazu anklickt und die Weintrinker mit ihren Gläsern sitzen sieht, im Hintergrund die traurig lächelnden Schalensitze, den beschleicht so ein Gefühl, so ein Kratzen im Hals. Der versteht - auf das Stadion bezogen - den Begriff Weinwelt anders, als er gemeint ist. Also richtig.

Jetzt sind es nur noch ein paar Wochen bis zum Frauenfußballfinale in der Champions League. Das Münchner Olympiastadion: Der Platzwart wird die Linien kalken, der Rasen wird sattgrün sein, und sicher ist die Hütte voll. Etwas wird sein wie früher. Der kalte Wind wird über die Reporterplätze schleichen, wenn aus den Lautsprecherboxen diese Hymne donnert, Football's coming home.

Oft steht sie für nichts, manchmal für alles.

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SZ vom 13.03.2012/jbe
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