Marco Rose beim BVB:Mammutaufgabe mit Schatten

Fußball: 1. Bundesliga, Saison 2021/2022, Training von Borussia Dortmund am 15.07.2021 in Dortmund Brackel (Nordrhein-W

Roses Kavalier: Der Dortmunder Torjäger Erling Haaland (rechts) sagt zur Begrüßung des neuen Trainers: "I believe in Marco Rose!"

(Foto: Noah Wedel via www.imago-images.de/imago images/Kirchner-Media)

Auf Borussia Dortmunds neuen Trainer Marco Rose warten vielerlei Herausforderungen: hohe Ziele, wenig Zeit zur Vorbereitung - und der charmante Vorgänger sitzt im Direktorenbüro.

Von Ulrich Hartmann

Erling Haaland hat manchmal einen herrlichen Sinn für augenzwinkernde Theatralik. Ein Champions- League-Tor gegen Paris hat der norwegische Mittelstürmer von Borussia Dortmund einst im tosenden Stadion im Lotus-Sitz zelebriert. Dem Torwart des FC Sevilla hatte er nach einem verwandelten Elfmeter mit irrem Blick einen argentinischen Fluch ("Kiricocho") ins Ohr gebrüllt. Und wenn man sich entscheiden müsste, welcher Satz aus dem jüngsten BVB-Trainingslager in der Schweiz in Erinnerung bleibt, dann wäre es Haalands staatstragende Formulierung: "I believe in Marco Rose."

Dieses international verständliche Glaubensbekenntnis zum neuen Trainer beinhaltet zwei Lesarten: Erstens, dass Haaland Rose die Bewältigung der Mammutaufgabe BVB zutraut. Zweitens, dass Haaland sich unter Rose diesmal einen Stammplatz ausrechnet, nachdem er 2019 bei RB Salzburg unter demselben Trainer bloß vier Pflichtspiele mit 146 Einsatzminuten bestreiten durfte. Der 21 Jahre alte Norweger Haaland, der damals gerade vom Heimatklub Molde nach Salzburg gewechselt war, kann das im Rückblick allerdings gut einordnen. Er war seinerzeit nach einer Verletzung noch nicht fit und musste zudem erst Roses Spielsystem erlernen. Jetzt, zwei Jahre später im 575 Kilometer entfernten Dortmund, hat Haaland die erforderliche Software längst drauf. Man darf wohl sogar sagen: Roses Wohl und Wehe beim BVB wird von Haalands Torquote abhängen.

Sechs Jahre, nachdem Jürgen Klopp in Dortmund eine siebenjährige Trainer-Ära beendet hat, tritt Rose als seither sechster Coach sein Amt bei der Borussia an. Nach zwei Jahren Thomas Tuchel, je einem halben Jahr Peter Bosz und Peter Stöger, zweieinhalb Jahren Lucien Favre und einem halben Jahr Edin Terzic träumen die Westfalen von attraktivem, erfolgreichem Fußball und halten dafür den gegen fünf Millionen Euro Ablöse aus Mönchengladbach losgeeisten Rose, 44, für prädestiniert.

Sollte sich der gebürtige Leipziger aber mal schwer tun, wie gerade in seinem enttäuschenden letzten Halbjahr in Gladbach, dann hat ihm für diesen Fall die BVB-Führung schon jetzt den zweifelhaften Gefallen getan, öffentliche Debatten im Voraus zu kanalisieren. Man hält nämlich Roses erfolgreichen, charmanten Vorgänger Terzic in einer eigens geschaffenen Position namens "Technischer Direktor" als Ersatztrainer quasi auf Abruf bereit. Terzic lauert wie ein gewaltiger Schatten hinter Rose, auch wenn er bei Spielen nicht auf der Bank, sondern auf der Tribüne sitzen will.

Die sportlichen Bedingungen für Rose sind freilich blendend. Der 85-Millionen-Euro-Verkauf von Jadon Sancho zu Manchester United wurde durch die 30-Millionen-Euro-Akquise des niederländischen Flügelflitzers Donyell Malen,22, von der PSV Eindhoven kompensiert. Der Oranje-Blitz ist zwar 14 Monate älter als Sancho, reist aber mit wenig hochklassiger Erfahrung an und trifft in Dortmund auch nicht auf die sofortige Erwartung, Sancho (50 Tore und 64 Vorlagen in 137 Pflichtspielen) gleichwertig zu ersetzen. Malen soll auf der linken Seite oder in einer Doppelspitze mit Haaland zu sehen sein. Sollten die beiden harmonieren, dürfte ihr gemeinsamer Berater Mino Raiola ein monetär bedingtes Augenzucken erleiden.

Nach Kobels Verpflichtung hat der BVB drei Torhüter aus der Schweiz

Im Dortmunder Transfer-Überschuss waren auch 15 Millionen Euro für den Schweizer Torwart Gregor Kobel vom VfB Stuttgart übrig, so dass Rose nun in Kobel, Marwin Hitz und Roman Bürki gleich drei eidgenössische Goalies betreut, von denen einer nicht mal auf dem Ersatzbänkli Platz nehmen dürfte. Daher versucht man, Bürki händeringend zu veräußern.

Relevante Personalprozesse verschieben sich jedoch in dieser von EM und Saisonfrühstart geprägten Spielzeit empfindlich in den Spielbetrieb hinein. Am Samstag bereits gastiert Dortmund im DFB-Pokal beim Drittligisten Wehen-Wiesbaden, acht Tage später empfängt man zum Bundesliga-Start Eintracht Frankfurt - und gleich danach den FC Bayern zum Supercup. Selbst bei der Generalprobe gegen den FC Bologna musste Rose zuletzt noch allerhand vereinseigene Regionalliga-Spieler einsetzen - immerhin gewann der BVB 3:0.

"An eine Saisonorbereitung, in der in der vierten Woche immer noch die Hälfte der Mannschaft nicht da war, kann ich mich nicht erinnern", sagt Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Ungeachtet dieses Problems betont jedoch der in seine letzte Saison als Sportdirektor gehende Michael Zorc, dass Dortmund beim Saisonziel "relativ unbescheiden" sei, in der Liga mindestens Zweiter werden sowie in der Champions League gerne wieder ins Viertelfinale einziehen wolle. Haaland geht sogar einen Schritt weiter: "Ich will Pokale gewinnen."

Am Dienstag hätte der BVB-Kader erstmals wieder komplett sein sollen. Beim öffentlichen Training fehlte allerdings kurzfristig Außenverteidiger Thomas Meunier - wegen einer Corona-Infektion.

© SZ/mok/pps/lib/lfr
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