French Open:Kerber glänzt mit extrovertierter Intensität

Lesezeit: 4 min

French Open: Angelique Kerber jubelt, als hätte sie das Finale gewonnen.

Angelique Kerber jubelt, als hätte sie das Finale gewonnen.

(Foto: Clive Brunskill/Getty)

Die deutsche Tennisspielerin bestreitet in der ersten Runde ein Match, das sie so noch nie erlebt hat: Emotional wie selten wehrt sie gegen eine Polin zwei Matchbälle ab - und genießt einen stimmungsvollen Abend.

Von Gerald Kleffmann, Paris

Als Angelique Kerber beim letzten Seitenwechsel, den es in dieser turbulenten Partie geben sollte, auf ihrem Platz saß und die Atmosphäre noch mal sacken ließ, da lächelte sie. Ihr Name wurde lautstark besungen, während manche durchgängig klatschten. Auf einem Stück Stoff war ein Spruch gemalt, er begann mit "Make Angie". Der Rest war nicht zu lesen, weil ständig Menschen davor herumhopsten.

Ganz sicher stand da: "Great again!" Es war proppevoll auf den kleinen Tribünen des Court 6. Das hat Kerber vielleicht auch gerettet. "Ich liebe Emotionen", sollte sie später sagen, nachdem sie die Polin Magdalena Frech in der ersten Runde der French Open nach Abwehr von zwei Matchbällen mit 2:6, 6:3, 7:5 besiegt hatte.

Kerber, das muss man immer wieder betonen, hat viel erreicht in ihrer Karriere. Aber nun, an diesem Montagabend, spielte sie ein Match, das sie so in ihrem 20. Berufsjahr noch nie erlebt hat. Sie gewann tatsächlich mal wieder eine Erstrundenpartie in Paris. Und sie ging dabei aus sich heraus, als sei sie eine Animateurin, die dafür zuständig ist, diesen unverdächtigen Court 6 in eine Partylandschaft zu verwandeln.

Platz 6, auch das gehört zu dieser besonderen Geschichte, ist nicht gerade der Louvre. Aber dass sie, die dreimalige Siegerin bei Grand-Slam-Turnieren und frühere Nummer eins der Welt immerhin, da draußen spielen musste, störte Kerber kein bisschen. "Der Platz war trotzdem unfassbar, und ich hatte noch nie so eine Stimmung in Paris", sagte sie nach dem Match. "Ich habe es wirklich genossen, der Platz war mir wirklich in dem Moment egal."

Irgendwann hatte sie nach fast jedem Ballwechsel den Arm oben, jubelnd, das Publikum aufwiegelnd. So eine Kerber hat man auch noch nicht gesehen, jedenfalls nicht in dieser extrovertierten Intensität. Einmal machte sie mit den Armen eine aberwitzige Windmühlenbewegung. Ach ja, und fast wäre Kerber ausgeschieden. Sie wehrte nur die Winzigkeit von zwei Matchbällen ab. War da nicht mal etwas ganz ähnlicher Natur, 2016 in Melbourne? Als die Japanerin Misaki Doi nur einen Punkt gebraucht hatte, um Kerber rauszuwerfen? So war es. Der Rest ist bekannt. Nach der Partie hätte sie auch an damals gedacht, verriet Kerber und grinste.

Die Misaki Doi von Paris hieß diesmal Magdalena Frech. 89. ist die 24-Jährige aus Lodz in der Weltrangliste, sie hat noch nichts Weltbewegendes gewonnen, aber sie erwies sich gleich als trickreiche Gegnerin. Mit Stopps setzte sie Kerber zu, auch ein paar Vorhandschüsse gelangen ihr, der erste Satz war schnell weg. Kerber, die wirklich herrlich genervt schauen kann, schaute herrlich genervt. Aber das ist das Gute an ihr, sie gibt ja trotzdem nie auf. Wenn der schräge Fabio Fognini genervt schaut, ist das Match vorbei. Kerber dreht dann auf, so war es auch diesmal.

Einen Schönheitspreis allerdings gewann sie nicht, vom Niveau her entwickelte sich ein Duell, das wie ein Relegationsspiel im Fußball aussah. Als Taktik wählten beide Teams, die ums nackte Überleben kämpften, keinen ausgefeilten Matchplan, vielmehr lebte das gute, alte Kick&Rush auf. Drauf auf die Kugel und hoffen! Die vielleicht 1500 Zuschauer erlebten so die Renaissance von Mondbällen.

Phasenweise stand sie wie ein 66-jähriger Tenniscoach vor der Grundlinie

Phasenweise stand Kerber wie ein 66-jähriger Tenniscoach vor der Grundlinie, die Beinarbeit hatte sie eingestellt, und verteilte cool die Bälle. Frech rackerte sich ab und versuchte immer wieder, die Aktivere zu sein. Aber gegen diesen erfahrenen Tenniscoach hatte sie doch das knappe Nachsehen. Es gewann die Abgezocktere. In Panik verfiel sie wahrlich nicht, auch als sie vor dem Aus stand, beim Stand von 5:4 im dritten Satz hatte Frech zwei Matchbälle, die sie dann nicht gut spielte. Kerber wirkte da längst fatalistisch: "Ich wusste, dass ich Matches drehen kann, wenn ich einen Matchball gegen mich habe", sagte sie völlig zu recht.

Wie Kerber das Match gedreht hatte? "Ich weiß es nicht", sagte sie lachend, "ich denke, es gibt kein Geheimnis. Ich habe einfach alles auf dem Platz gelassen. Ich habe mein Herz auf dem Platz gelassen." Dieser Sieg, betonte sie, sei "ein special one", denn: "Ich weiß nicht, wann ich hier einmal die erste Runde gewonnen habe." In den Tennisbüchern steht es: 2018 war das, damals hatte sie die deutsche Kollegin Mona Barthel 6:2, 6:3 bezwungen.

Allerdings: Bei bislang 14 Teilnahmen in Roland Garros verlor sie sagenhafte achtmal sofort zum Auftakt. Auch dieses kleine Trauma steckt in Kerber, wenn sie an Paris denkt. Und genau deshalb war sie ja auch vergangene Woche in Straßburg gewesen. Da ging es ja eigentlich gar nicht um Straßburg. Sondern um Paris.

Im vergangenen Jahr hatte Kerber auch mal keine gute Phase. Dann fuhr sie nach Bad Homburg, dort findet ein kleines Rasenturnier statt, das ihr eigener Manager ausrichtet. In Bad Homburg ging es vor allem um Wimbledon. Sie wollte sich für den Klassiker im All England Club in Form spielen. Sie holte den Titel und kurz darauf stand sie an der Church Road im Halbfinale. Genau so tickt Kerber. Sie muss sich in Stimmung bringen, um dann besser spielen zu können.

In Straßburg gewann sie am Sonntag auch den Titel, ihren 14. der Karriere, sie schlug auf dem Weg dorthin keine Topgegnerin, das war egal. Die Bedeutung dieses Erfolges brachte sie am Montag, als sie geduscht und entspannt zur Pressekonferenz erschien, klar zum Ausdruck. Als es gegen Frech nicht lief, versuchte sie an sich selbst zu glauben - mit dem Selbstvertrauen, das sie "in Straßburg aufgebaut" hatte.

Dass sie sich in Paris den Turniersieg zutraue, sagte Kerber nicht explizit; im Bois de Boulogne könnte sie ja das letzte noch fehlende Grand-Slam-Turnier gewinnen, nach ihren Triumphen in Melbourne, New York und Wimbledon. Trotzdem war es für sie durchaus eine kampfeslustige Ansage, als sie zum Schluss erwartungsfroh meinte: "Und jetzt gucken wir mal, wie lange die Reise noch weitergeht." In der zweiten Runde trifft sie auf die 19 Jahre alte Französin Elsa Jacquemot, Nummer 215 der Welt.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusTennis-Präsident im Interview
:"Wir stehen vor einer Zäsur"

Dietloff von Arnim, Präsident des Deutschen Tennis Bundes, erklärt, wie mehr Talente in die Weltspitze geführt werden sollen, was er an Alexander Zverev schätzt - und wieso er Angelique Kerber im DTB einbinden möchte.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB