Trainer in der Bundesliga:Freiburgs unnachahmliches Erfolgsmodell

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Trainer in der Bundesliga: Gerade die erfolgreichsten Trainer der Liga: Christian Streich (l.) und Urs Fischer.

Gerade die erfolgreichsten Trainer der Liga: Christian Streich (l.) und Urs Fischer.

(Foto: Monika Skolimowska/dpa)

In Union Berlin und dem Sportclub führen genau die Vereine die Tabelle an, die am längsten auf ihre Trainer Urs Fischer und Christian Streich setzen. Warum das nicht alle machen? Weil es kompliziert ist.

Kommentar von Martin Schneider

Vor etwas mehr als einem Jahr sagte Sven Mislintat, damals wie heute Sportdirektor des VfB Stuttgart, dass der Standort Freiburg für ihn ein "absolutes Vorbild" sei. Das erzeugte zwar bei jenen Skepsis, die den historischen Konflikt zwischen Baden und Schwaben weiter leben, und außerdem bei jenen, die Stuttgart per se für den größeren und besseren Standort halten, an dem sich gefälligst die kleinen Freiburger zu orientieren haben. Aber bei solchen, denen diese Eitelkeiten nicht so wichtig sind, traf die Aussage weitgehend auf Zustimmung: Klar, Freiburg, Beständigkeit, Bescheidenheit - und der Trainer redet auch noch Dialekt. Das schätzt man auch und nicht nur im Schwabenland.

Nun ist die Freiburg-Mission just in dieser Woche in Stuttgart zu Ende gegangen, Trainer Pellegrino Matarazzo musste gehen. "Eine Veränderung auf der Trainerposition" sei notwendig, wird der Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle in der Trennungsmitteilung zitiert, "um (...) eine Trendwende herbeizuführen." Das hat man so schon sehr oft gelesen. Viele wollen wie Freiburg sein, aber wenn es ernst wird, sind sie dann doch nicht wie Freiburg.

Matarazzo war immerhin fast drei Jahre im Amt, was im Trainergeschäft schon als längere Zeit durchgeht, und der Klub ist mit ihm auch tatsächlich durch schwere Phasen gegangen. Wohlfeil waren Mislintats Worte also nicht und wer in Stuttgart nun genau aus welcher Motivlage wie stark für die Trennung votierte, scheint unklar. Aber unterm Strich wird der gute Vorsatz der Langfristigkeit wieder der verführerischen Hoffnung auf kurzfristigen Erfolg geopfert. Das sind die bekannten Mechanismen, die schon früher zur Existenz eines Fahrgeschäfts namens "Trainerkarussell" führten. Allerdings ruft einem die aktuelle Bundesligatabelle ja quasi zu, diese Mechanismen mal wieder zu hinterfragen.

Zwölf von 18 Trainern sind aktuell kürzer als ein Jahr bei ihren Teams

Denn just in der Sekunde, in der Stuttgart den Modellversuch beendete, zeigen sich dessen Vorteile in voller Pracht, auch wenn verwirrenderweise ein Freiburg namens "Union Berlin" die Tabelle knapp vor dem echten Freiburg anführt. Dort darf Trainer Urs Fischer zwar erst seit mehr als vier Jahren eine Mannschaft entwickeln, Christian Streich darf es seit zehn, aber die Wettbewerbsvorteile der Kontinuität sind vergleichbar. Eine Defensive wird eben immer schwerer zu knacken, je länger ein Trainer einen Spielstil einüben lässt.

Aber warum machen das dann nun nicht alle so wie Union und Freiburg? Weil es erstens gar nicht so leicht ist, den richtigen Langzeittrainer zu finden, und weil zweitens Stabilität im Klub eine notwendige Voraussetzung für Stabilität auf der Trainerbank ist. Wenn Verantwortliche eines Vereins unter Druck stehen - sei es durch Ergebnisse, Fans, Medien, Sponsoren oder das sogenannte Umfeld -, steigt die Wahrscheinlichkeit, die Verantwortung in Richtung eines untergeordneten Angestellten zu delegieren. Zu handeln (also: entlassen) wirkt zudem immer entschiedener und nach außen hin besser ("Wir haben alles versucht"), als nicht zu handeln, auch wenn Letzteres zuweilen schwerer ist. Streich ist auch deswegen noch in Freiburg, weil der Sportclub nach dem Abstieg 2015 an ihm festhielt. Und welcher Verein hält das schon aus?

In der Methusalem-Rangliste der Bundesligatrainer mit der längsten Angestelltendauer liegt übrigens schon Bayern-Trainer Julian Nagelsmann auf einem geteilten vierten Platz - nur weil er länger als eine Saison denselben Klub trainiert. Zwölf von 18 Trainern sind aktuell kürzer als ein Jahr im Amt.

Zudem braucht es für Stabilität auf der Trainerposition zwei Parteien. Immer häufiger verlassen auch Trainer ihren Verein, weil sie zu gut werden. Christian Streich hat jedoch nie auch nur angedeutet, dass er gern in Manchester oder Madrid trainieren wollen würde - obwohl man es Manchester oder Madrid nicht nur aus sportfachlicher Sicht mal wünschen würde.

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