Basketball-EM:Der Franz mit den Siebenmeilenschritten

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Franz Wagner Basketball EM

Franz Wagner (links) gegen Sloweniens Luka Dončić - einmal purzelte der Deutsche sogar über seinen NBA-Kollegen, als er ein Foul zog.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

"Der hat was Besonderes": Deutschlands aufregendster Basketballer ist derzeit NBA-Mann Franz Wagner. Die erste Turnier-Niederlage gegen Slowenien kann er verschmerzen, denn er weiß, dass da doch viel kommt.

Von Jonas Beckenkamp, Köln

Bei der EM mit jemandem über Franz Wagner reden? Keine große Sache, wer soll's denn sein? Über Deutschlands aufregendsten Basketballer sprechen sie alle gerne in Köln. Bundestrainer Gordon Herbert zum Beispiel gab auf seine knorrige Art ein Kurzporträt seines jüngsten Spielers bei diesem Turnier zum Besten: "Er ist bescheiden, er ist leicht zu trainieren, und er hat eine ganze Menge Biss." Alle drei Attribute treffen zu, das bestätigt fast jeder.

Franz Wagner ist soeben 21 geworden. Ein Alter, in dem Sportler noch eine Menge lernen müssen, und bestimmt wird dieser 2,08-Meter-Ehrgeizling das auch tun. Aber wenn sie beim Deutschen Basketballbund (DBB) von ihm erzählen, klingt es, als wäre er fast schon ein fertiger Profi. Dass diese EM sein erstes großes Turnier ist, dass er jüngst erst sein DBB-Debüt feierte, dass er in seiner Wahlheimat USA gerade erst öffentlich Alkohol trinken dürfte, merkt man erst, wenn man ihm gegenübersteht.

Wagner ist clever, er formuliert scharf und weiß, was er sagt. Gleichzeitig hängt er im Gespräch seine Daumen in die Armöffnungen seines Trikots, aus Verlegenheit, wohin sonst mit den Händen? Und er beginnt fast jeden seiner Sätze wie ein Austauschstudent in Amerika mit einem "aaahm". Tatsächlich war er genau das noch vor zwei Jahren: College-Absolvent in Ann-Arbor, Michigan. Obwohl er mittlerweile in der NBA bei Orlando Magic spielt und auf ein ausgezeichnetes Jahr als Rookie zurückblickt, lernt die breite Masse in Deutschland ihn gerade erst kennen.

Die Slowenen bewachten Wagner wie die Kettenhunde

Wagner wuchs in Prenzlauer Berg auf, durchlief das Jugendprogramm von Alba Berlin, debütierte als 16-Jähriger in der Bundesliga (BBL), spielte in diversen Jahrgängen des Jugend-Nationalteams und lebt nun mit seinem Bruder Moritz, 25, der ebenfalls in Orlando aktiv ist, in einer WG. Das passt, denn Franz Wagner hat tatsächlich etwas Verschmitztes, wie der Mitbewohner, der die neue Stadt kennenlernt, aber eigentlich schon spürt, wo die coolen Kids rumhängen.

Basketball-EM: In genau dieser Pose sieht man Franz Wagner oft in der Interviewzone in Köln: die Daumen ins Trikot gehängt.

In genau dieser Pose sieht man Franz Wagner oft in der Interviewzone in Köln: die Daumen ins Trikot gehängt.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Wie er es findet, dass er nun der gefragteste Mann nach DBB-Spielen sei, das beantwortet er mit einem typischen Satz: "Aaahm, weiß ich gar nicht, da habe ich bisher nicht drauf geachtet." Dabei dürfte ihm aufgefallen sein, dass die Reportertraube stets dort am meisten Leiber umfasst, wo er zum Gespräch stehen bleibt. Wagner kann auf sehr höfliche Art persönlichen Fragen ausweichen, kein Wunder, es erreichen ihn jede Menge. Zum Beispiel jene mit Nowitzki-Vergleichen. "Er ist ein Riesenvorbild, aber ich will mich gar nicht mit anderen vergleichen", sagt er dann, grinst, fügt an: "Schon gar nicht mit Dirk, das würde ihm nicht gerecht."

Was Wagner ausmacht, können ja andere erzählen. Der frühere Nationalspieler Per Günther, einst sein Gegner in der BBL und jetzt Co-Kommentator beim Sender Magentasport, erinnerte sich neulich im Podcast "Abteilung Basketball". "Man hat ihm früh angemerkt, dass er tough ist, da war er 17", beschrieb der lange in Ulm aktive Günther den damaligen Albatros, "wenn man physisch gegen ihn gespielt hat, hat er gut reagiert. Man sah schon, der hat was Besonderes."

Physisch spielen sie nun alle gegen den Wagner-Franz, zuerst die Franzosen (acht Punkte für ihn), dann die Bosnier (18). Auch die Litauer versuchten es, aber da waren dann Wagner-Festspiele, er traf beinahe alles. Er dribbelte mit Siebenmeilenschritten zum Korb, warf Dreier und bescherte den Balten Brummkreisel. So einen Auftritt eines deutschen Basketballers hatte es lange nicht gegeben. Seit Nowitzkis Primetime? Seit Dennis Schröders besten Momenten bei der EM 2015? Vielleicht.

Jedenfalls hat Wagner dafür gesorgt, dass ihn die Slowenen bei der verschmerzbaren 80:88-Niederlage im vierten Gruppenspiel bewachten wie Kettenhunde. Seine acht Zähler schaffte er alle in der zweiten Hälfte, als er sich im Stil eines Veteranen übers Verteidigen, über die kleinen Dinge des Basketballs (Pässe, gezogene Fouls) in den Abend hineinwerkelte. Es reichte nicht, weil Sloweniens Ausnahmeakteur Luka Dončić 36 Punkte schaffte, so gut ist Wagner noch nicht.

"Er hat so eine Reife und solch ein Vertrauen in sein Können", erzählt Kollege Maodo Lô

Trotzdem scheint er die Fähigkeit zu haben, sich sogar während eines Spiels fortzuentwickeln. Manchmal war ihm bei der EM anfangs die Nervosität anzumerken. Dann begann er, sich auf seine Instinkte zu besinnen, und die lassen einen Mann seines Talents selten im Stich. "Der Typ ist geisteskrank", fand sein Teamkollege Johannes Thiemann voller Anerkennung nach dem Litauen-Spiel, als Wagner 32 Zähler auflegte. "Er hat so eine Reife und solch ein Vertrauen in sein Können", erzählte Maodo Lô, "er ist so groß, so beweglich, aber auch mental stark, und er spielt so smart mit einer gewissen Aggressivität." Dennis Schröder wiederum sprach Wagners größte Stärke an, jene Charakteristik, die Basketballer für die NBA qualifiziert, wo es häufiger im Eins-gegen-eins zur Sache geht: "Wie er seinen eigenen Wurf kreieren kann, das hilft uns so sehr."

Wagner ist kein Kopf-durch-die-Wand-Zocker, er verkörpert vielmehr eine Variante der alten Schule des Spiels. In seiner Art, durch die Zone in Lücken zu stoßen, vielleicht vergleichbar mit der jugoslawischen Legende Dejan Bodiroga, einem Sternschritt-Pionier der 90er und Nullerjahre im europäischen Basketball. Wobei Wagner athletischer ist und deshalb vortrefflich mit Gegnerkontakt in Korbnähe abschließen kann.

Ihm selbst mache es "am meisten Spaß", wenn die Offensive im Fluss ist: "Mit diesem Basketball bin ich aufgewachsen: Back door cuts (hinter den Rücken der Abwehr schleichen, Anm. d. Red.), einfache Körbe, den Extrapass suchen." Apropos aufgewachsen: Als Berliner hat Wagner nun natürlich ein Ziel - nach dem deutschen Achtelfinaleinzug will er in der K.-o.-Runde seine Entwicklung fortsetzen, in seiner Heimatstadt, wo er 2015 als Fan schon bei EM-Spielen in der Halle war. "Das wird supercool und speziell", hofft Wagner. Er wird seinen Beitrag dazu leisten.

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